Wie aussagekräftig sind Aktiencharts?

 

 

25 Tage Chart des SMI Index, Quelle: entnommen dem FuW-Report v. 27.4.2009, sie Fußnote (1) - Tageschart des Schweizerbörsenblattes Finanz und Wirtschaft - Ausschnitt, graphisch bearbeitet

 

Im Wirtschaftsteil vieler Zeitungen werden Aktiencharts veröffentlicht, welche die Kauf- oder Verkaufsentscheidungen von Aktien erleichtern sollen. Sie geben Kurstrends einer vergangenen Periode an, ihr Ziel ist, aus dieser Entwicklung der Vergangenheit, Rückschlüsse auf die Zukunft durch Extrapolation zu gewinnen. Hier ist gleich der erste Einwand zu berücksichtigen: die Zukunft lässt sich weder bei Aktiencharts noch im täglichen Leben aus der Vergangenheit vorhersagen. Die Vergangenheit ist immer bekannt, die Zukunft grundsätzlich unbekannt.

 

Im Gegensatz zur “Fundamentalanalyse”, die alle erhältlichen Daten zu einem Unternehmen enthält (Gewinne, Verluste, Bilanzanalyse, Dividendenrendite, Kurs/ Gewinnverhältnis etc.), werden in den Charts nur die täglichen Kurse an den Aktienmärkten aneinandergereiht und in Balken- oder Liniencharts dargestellt. Die sogenannte „Technische Analyse“enthält neben diesen Charts auch noch andere Details, wie z.B. Tagesumsätze einer bestimmten Aktie und weitere analytische Daten (siehe später). Die Tagesumsätze sind mitunter wichtiger als die eigentlichen Kurswerte. Sind die Tagesumsätze sehr niedrig, so sagt der Kurs wenig aus – er wird aus einigen wenigen Aktienkäufen/ Verkäufen ermittelt und daher sind die Kurse nicht aussagekräftig für eine Kauf- oder Verkaufsentscheidung. Bei sehr hohen Umsätzen lassen sich schon bessere Aussagen ableiten – der Tageskurs kommt durch ausgeglichene Käufe und Verkäufe in hoher Anzahl zustande und dies zeigt, dass es viele Interessente für eine Aktie gibt. In Krisenzeiten sind die Tagesumsätze naturgemäß niedriger als in Hochkonjunkturphasen, trotzdem lässt sich in der derzeitigen Krise ermitteln, dass selbst bei niedrigeren Tagesumsätzen es nicht nur Verkäufer, sondern auch Käufer gibt, was als gutes Zeichen gewertet werden kann, denn wer einem positiven Börsentrend keinerlei Zukunft einräumt, kauft keine Aktien.

 

Das im Blogbild dargestellte Chart ist ein 25 Tagechart des Schweizer Aktien Index (SMI), die Indices der meisten europäischen Industrieländer zeigten im gleichen Zeitraum einen ähnlichen Verlauf(1). Man sieht deutliche Auf- und Abwärtsbewegungen, wobei die jeweils folgende Aufwärtsbewegung immer ein bisschen höher ausfiel, als die vorangegangene. Das ist insgesamt ein gutes Zeichen, weil es die Hoffnung ausdrückt, dass es wieder nach oben geht. Trotzdem wird dieser Trend sich nicht sehr lange so halten, es ist anzunehmen, dass es bald wieder einen größeren Rückschlag geben wird, wobei es dann darauf ankommt, ob sich danach gleich wieder eine ähnliche Chartentwicklung anfügt, die vielleicht sogar noch höhere Kurse zeigt, als die vorangegangene Periode. Wenn die Kurse in solchen Wellenbewegungen weiter steigen, wäre das ein sehr gutes Vorzeichen, dass die Krise langsam bewältigt wird. Jeder stärkere Abwärtstrend wäre dann ein Kaufsignal, selbst wenn das übrige Umfeld (wie z.B. die Arbeitslosenzahl noch ansteigt). Bekanntlich laufen Börsen der augenblicklichen wirtschaftlichen Situation immer bis zu 6 Monaten und mehr voraus – Börsenkurse geben ja nicht die wirtschaftliche Realität wieder, sondern eine Hoffnung (oder auch den augenblicklichen Pessimismus).

 

Derzeit spielt die Fundamentalanalyse keine so bedeutende Rolle wie in der Vergangenheit, weil Fundamentaldaten in der Krise wenig aussagen bzw. schwer zu ermitteln sind. Wer weiß schon, wie der Umsatz einer Firma im nächsten Quartal oder gar am Ende des Jahres aussieht. Auch die Dividendenrendite ist kein absolutes Kriterium. Wenn die Aktionäre z.B. damit einverstanden sind, dass die Dividende gekürzt oder gar gestrichen wird, weil es besser für das Untenehmen wäre, erwirtschaftete Beträge in Zukunftsinvestitionen zu stecken, die sich dann nach Beendigung der Krise positiv auf eine spätere Dividende auswirken würden, ist die Dividende für die Fundamentalanalyse irrelevant, genauso wie ein Kurs/ Gewinnverhältnis (P/E Ratio).

 

In vielen Charts gibt es außer Trendkanälen, zusätzliche Hinweise wie z.B. die W-Formationen oder eine Flaggen-Formation (wie im Blogbild zu sehen). In der Technischen Analyse bedeutet eine “W-Formation”eine Trendumkehr (Der Chart zeigt die Form eines W mit drei aufeinanderfolgenden etwa gleich hohen Spitzen und zwei Tiefen). Damit eine W-Formation aussagekräftig ist, sollte sie sich nach Meinung der technischen Analysten über mindestens 3 Monate hinziehen.

 

Die “Flaggen-Formation” wird als Zeichen für die Fortsetzung des in der Vergangenheit erkennbaren Trends (Begrenzungslinien, die entweder parallel oder entgegengesetzt zur Trendbewegung verlaufen). Im rechten Teil des Charts im Blogbild ist so eine nach oben gerichtete Flaggenformation zu sehen, was bedeuten sollte, dass der Aufwärtstrend prinzipiell intakt ist.

 

Es gibt weitere in Charts hineingedeutete Formationshinweise, es soll jedoch an dieser Stelle vermerkt werden, dass die Vorhersagemöglichkeiten (insbesondere der zuletzt erwähnten W- und Flaggenformationen) kaum wissenschaftlich begründet werden können. Scharfe Kritiker meinen sogar, dass Charts insgesamt nicht mehr für die Zukunft aussagen als eine Zufallsentscheidung. Soweit möchte ich nicht gehen. Charts können zwar nicht in die ferne Zukunft blicken, für die unmittelbare Zukunft einiger Tage bzw. Wochen haben sie sich nach meinen Erfahrungen jedoch meist bewährt. Wichtiger ist für mich jedoch der morgendliche und spätabendliche Blick auf die Indices (besonders, wenn der Endstand des Dow Jones Industrial DJ um 22:30 unserer Zeit vorliegt). Ist der DJ stark positiv, wird am nächsten Morgen vielfach auch der japanische Nikkei 225 positiv geendet haben und der DAX positiv beginnen. Zusammen mit Börsentagesumsätzen haben diese Informationen wesentlich mehr Aussagekraft für Tagesentscheidungen als Charts. Diese Informationen erhält man am schnellsten über n-tv.de und onvista.de.

 

(29.04.2009 und 4.3.2013)

 

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(1) Der SMI (siehe Chart der Eingangsgrafik) liegt heute am 4.3.2013 bei 7585 – ein deutlicher Beweis, dass Aktienanlagen andere Anlagen schlagen. Für die Aussagen dieses Beitrags sind keine Korrekturen notwendig.

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