Konjunktivistische Selbsterkenntnis

 

 

Selbsterkenntnis (c) Alfred Rhomberg

 

 

Der Dackel läuft hinter mir her,
so als würde er mich kennen,
leider kenne ich ihn aber nicht –
wie kann ich ihm klar machen,
dass er mich nicht kennen kann?
Oder irre ich mich?
Vielleicht kennt er mich ja – ohne dass ich ihn kenne?
So etwas wäre immerhin möglich –
ohne Beweise sollte man nichts ausschließen.


Wenn ich einmal anfinge etwas auszuschließen,
wäre es um die Reputation meines Selbst schlecht bestellt.
Deswegen tue ich so, als würde ich den Dackel kennen
und der Dackel dachte sich: ich hab’s ja gleich gewusst!

Seither kennen mich viele Dackel und ich kenne sie ebenfalls.
Dabei hatte ich ganz vergessen, dass ich mich selbst nicht kenne -
kenne ich mich denn?

 

Ich tue einfach so, als ob ich mich kennte!

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Der von Heraklit überlieferte, aber auch Thales von Milet (um 624-546 v. Chr.) zugeschriebene Satz „Erkenne Dich selbst“ befand sich am Eingang des antiken Apollontempels zu Delphi. Die Selbsterkenntnis ist ein zentrales Anliegen der Philosophie und der Psychologie – diese Wissenschaften nehmen an, dass Selbsterkenntnis nur dem Menschen gegeben ist. Solange ich nicht weiß, ob sich nicht auch ein Dackel in irgend einer Form „selbst“ erkennen kann, möchte ich auch bei mir selbst vorsichtig sein – sonst machte ich mich vielleicht der Selbsttäuschung, dem Gegenteil der Selbsterkenntnis schuldig. Einem Versuch, sich selbst kennen zu lernen, steht jedoch nichts im Wege, solange frau/man weiß, dass es sich nur um Versuche handelt.

 

(Version 22.2.2013)

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