Je t’aime – I love you – Ti voglio bene…

 

 

Der Kuss - Gustav Klimt (c) free of copyrights

 

 

Was geht in den Gehirnen von Menschen vor, wenn sie solche Sätze sprechen?

 

Sind es Worte die sich aus dem Augenblick ergeben?

Meinen sie das im Augenblick uneingeschränkt so?

Regieren Gefühle über den Verstand?

Wie oft gibt es dabei egoistische Hintergedanken?

Sind es Worte, die über komplizierte biochemische Ketten im Gehirn so interpretiert werden, dass diese Worte ausgesprochen werden?

 

Wir wissen es nicht genau – und es wäre schön, wenn wir es niemals wissen würden, obwohl zumindest in der Biologie versucht wird, uns diese schönste Illusion des Lebens zu rauben (1).

 

Wir verdanken solchen Worten wie „Je t’aime“ nicht nur persönliches Glück, sondern auch einen Großteil unserer Kultur (Dichtung/Poesie, Malerei, Musik … ) und nicht zuletzt den Fortbestand der Species Mensch. Darüberhinaus verdanken wir diesen Worten aber auch liebenswerte Verrücktheiten und Übertreibungen, Träume, Karrieren und leider - auch Schmerz, auf welchen hier nicht eingegangen werden soll, weil der Satz „keine Liebe ohne Schmerz“ zu trivial ist und frau/man sich mit Trivialitäten möglichst nicht allzu viel abgeben sollte. Es gibt Besseres – eben die Illusion! Sich Illusionen hinzugeben ist meist lebenswerter als sich in Desillusionen zu vergraben.

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(Gedankenstriche sind stets eine Möglichkeit, abzuschweifen – oder zum Thema zurückzukehren):

 

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei - verjährt -
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

 

(Joachim Ringelnatz)

 

Auch das ist Liebeslyrik, ebenso wie das berühmte Gedicht von Walther von der Vogelweide in welchem er die Grenze zwischen der hohen (nicht erfüllbaren) Minne zur lebensnaheren „niederen Minne“ bereits überschritten hat.

 

Anm.: Leider wird die mittelhochdeutsche Sprache in österreichischen Gymnasien nicht mehr gelehrt – in deutschen Gymnasien gehörte Mittelhochdeutsch schon sehr viel länger nicht mehr zum Lehrplan. Immerhin gibt es „Übersetzungen“, die das nachfolgende Gedicht für moderne Leser verständlicher, jedoch auch „kälter“ machen.

 

'Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ mugt ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.

Ich kam gegangen
zuo der ouwe:
dô was mîn friedel komen ê.
dâ wart ich empfangen,
hêre frouwe,
daz ich bin sælic iemer mê.
kuster mich? wol tûsentstunt:
tandaradei,
seht wie rôt mir ist der munt.

Dô het er gemachet
alsô rîche
von bluomen eine bettestat.
des wirt noch gelachet
inneclîche,
kumt iemen an daz selbe pfat.
bî den rôsen er wol mac,
tandaradei,
merken wâ mirz houbet lac.

Daz er bî mir læge,
wessez iemen
(nu enwelle got!), sô schamt ich mich.
wes er mit mir pflæge,
niemer niemen
bevinde daz, wan er unde ich,
und ein kleinez vogellîn:
tandaradei,
daz mac wol getriuwe sîn.'

Moderne Übersetzung aus dem Mittelhochdeutschen: 

 

'Unter der Linde,
auf der Heide,
da unser beider Lager war,
da könnt ihr schön
gebrochen finden
die Blumen und das Gras.
Vor dem Wald in einem Tal -
tandaradei -
sang schön die Nachtigall.

Ich kam gegangen
zu der Aue:
da war mein Liebster schon gekommen.
Da ward ich empfangen -
Gnädige Jungfrau! -,
daß ich für immer glücklich bin.
Ob er mich küßte? Wohl tausendmal:
tandaradei -
seht, wie rot ist mir der Mund!

Da hat er gemacht
so prächtig
ein Bett von Blumen.
Da lacht noch mancher
herzlich,
kommt er jenen Pfad daher.
An den Rosen mag er wohl -
tandaradei -
merken, wo das Haupt mir lag.

Daß er bei mir lag -
wüßte es jemand
(das verhüte Gott!), so schämt ich mich.
Wie er mit mir war,
niemals, niemand
erfahre das als er und ich
und ein kleines Vögelchen,
tandaradei -
das kann wohl verschwiegen sein.'

 

Es wurden bewusst zwei kontrastierende lyrische Ausdrucksformen gewählt, weil die reichhaltige Liebeslyrik der Romantik für uns heute fremder (um nicht zu sagen langweiliger) ist, als mittelalterliche Zeilen.

 

Und noch ein letztes Beispiel, diesmal aus der Antike:

 

Wie man vor Wonne stirbt

Welch eine Nacht, Götter und Göttinnen!
Wie Rosen war das Bett! Da sanken, Liebes, wir
Beide ins Feuer und wollten vor Wonne zerrinnen!
Und aus den Lippen flossen dort und hier,
Suchend sich unsere Seelen -
Lebt wohl, ihr Sorgen, ihr sollt mich nicht quälen.
Ich habe in diesen köstlichen Stunden,
Wie man vor Wonne stirbt, gefunden!

 

Petronius (um 14 –66 n. Chr.), aus „Gastmahl des Trimalchio“ von dem gesagt wird:

 

„Petronius ist einer der Größten der Weltliteratur...“(Ludwig Gurlitt)

 

Und zum Schluss ein französisches Chanson (von Jean Lenoir,1930): „Parlez mois d’Amour“ gesungen von Juliette Gréco:

http://www.youtube.com/watch?v=PtXzVFYPkyc

 

(9.3.2010)

 

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(1) "Die Liebe als Wissenschaftsobjekt" (Alfred Rhomberg):

http://screenkollektiv.org/2011/05/07/liebe-als-wissenschaftsobjekt/

  

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