Schaltpulte

 

Schaltpult I (c) Alfred Rhomberg

 

 

Schaltpult I

 

AR steht an seinem Schaltpult das er auf dem Dachboden gefunden hatte und von dem aus er die meisten Dinge der Welt und ihre Verknüpfungen durch  die Betätigung von Hebeln und Knöpfen sehen kann. Verändern kann er die Dinge nicht. Es ist ein altes schönes Messingpult mit ebenso schönen Messinghebeln und Knöpfen, die Beschriftungen sind leider nicht mehr lesbar.

 

AR betätigt den ersten Hebel und sieht wie Gott die Welt erschuf. “So hat er das also gemacht”, denkt sich AR und betätigt gleich den zweiten Hebel. Er sieht wie Adam und Eva erschaffen wurden – aha – die Hebel scheinen chronologisch angeordnet zu sein. Doch der dritte Hebel belehrt AR eines besseren: Hitler schreit „wollt ihr den totalen Krieg?“ Jaaaaa!!. Noch ein schneller Blick auf die ebenfalls eingeblendete Verknüpfung – sie führt auf Adam und Eva zurück. Eigentlich logisch, denkt AR, was ließe sich nicht auf Adam und Eva zurückführen? Er überspringt einige Hebel und betätigt den neunten Hebel und sofort erscheint ein graues Bild – nein es ist nicht grau – es regnet in Strömen und die Verknüpfung führt zu Hebel 1 zurück, bei welchem Gott die Welt erschuf. Auch logisch, dachte sich AR. Langsam steigerte sich AR in eine Hebelbetätigungswut hinein, die sich nicht anders als hektisch bezeichnen ließ. Jetzt sah AR (am 35. Hebel), wie Gusenbauer österreichischer Bundeskanzler wurde – und wieder die Verknüpfung zu Adam und Eva. Gut – aber, dass Gusenbauer schon an 35. Stelle stand? Und wie konnte dieses alte Schaltpult überhaupt wissen, dass es Gusenbauer einmal geben und österreichischer Bundeskanzler werden würde – wenn auch nicht lang. Je mehr Hebel AR betätigte, desto deutlicher merkte er, dass er mit dem alten Schaltpult nicht viel anfangen konnte, die Ereignisse kamen in ungeordneter Weise und es gab jeweils nur zwei Verknüpfungen – entweder zu Schalter 1 oder Schalter 2. Nachdem er einen weiteren Hebel betätigt hatte, der direkt zu den "Igler Reflexen" führte, suchte er auch dort nach der Verknüpfung: Antwort "AR" offenbar hat AR etwas mit den "Igler Reflexen" zu tun – aber was?

 

Ermüdet legte sich AR mitten in der angebrochenen Nacht so ca. zwischen 2 und 3 Uhr nachts ins Bett. Nachdem er nicht einschlafen konnte, kam ihm die Idee, ein völlig neues Schaltpult zu entwickeln, in welchem alle Ereignisse chronologisch angeordnet waren und auch die jeweils richtigen Verknüpfungen (nicht nur 3 bis 4), sondern wirklich alle denkbaren Verknüpfungen – und wären es unendlich viele, angezeigt würden. Er wollte in seiner angeborenen Unbescheidenheit auch sich selbst öfter darin finden und eine Verknüpfung mit seiner eigenen homepage einbauen.

 

Am nächsten Morgen ging er ans Werk – in ca. 35000 Jahren würde er eine Betaversion seines neuen Schaltpultes vorlegen können, das dann keine Messingschalthebel, sondern solide Kunststoffhebel haben würde.

 

Schaltpult II

 

AR hatte 14900 Jahre an seinem neuen Schaltpunkt gearbeitet und das am Dachboden aufgefundene Gerät mit dem durch Betätigen von Hebeln geschichtliche Persönlichkeiten und damit verknüpfte Ereignisse abrufen werden konnten, deutlich verbessert. Er konnte die in "Schaltpult I" prognostizierte Zeit von 35000 Jahren für eine Betaversion deutlich verkürzen, weil er nicht berücksichtigt hatte, dass der Fortschritt der Technik seine Arbeiten erleichtern würde. Das Schaltpult hatte nun einige Zehntausend Hebel und Knöpfe und es war Zeit, seine Erfindung patentieren zu lassen. Bevor er jedoch sein Pult zum Patent anmeldete, musste er es noch einmal testen, denn was einmal patentiert ist, lässt sich schwer durch ein neues Patent korrigieren – im Gegenteil, das Patentamt weist ein neues Patent sofort mit der Bemerkung zurück, dass bereits ein ähnliches Patent, nämlich das eigene, dem neuen Patent entgegenstehe. Also musste er sich der ermüdenden Arbeit unterziehen, alles noch einmal stichprobenartig durchgehen.

 

Hebel 2738: Michelangelo - Verknüpfung google und Wikipedia.


Hebel 40708: EU (Europäische Union) - Verknüpfung google und Wikipedia.

 

Hebel 738: Alexander der Große - Verknüpfung google und Wikipedia.

AR hatte es sich speziell mit den Verknüpfungen gelegentlich etwas einfach gemacht, warum sollte er über etwas nachdenken, das schon in google und Wikipedia beschrieben steht. Ob es google und Wikipedia zum Zeitpunkt der angepeilten Markteinführung seines Schaltpultes noch geben würde, darüber machte er sich mit der Erfindern offenbar anhaftenden leichtfertigen Genialität keine Gedanken.

 

Jetzt betätigte AR den Hebel 41000 – sofort erschien am Display das Abbild Obamas, verknüpft mit irgendeinem von AR selbst geschriebenen Text (vielleicht keine umfassende Verknüpfung, deswegen hatte AR vorsichtshalber zusätzlich eine Verknüpfung zu google eingebaut).

 

Hebel 32345: Schopenhauer, Philosoph, Verknüpfung -> Neokapitalismus, offenbar ein Fehler(!), den AR vor der Patentierung unbedingt korrigieren musste. So etwas darf einfach nicht passieren!

 

Hebel 1: Wie Gott die Erde erschuf – das hatte er aus seinem alten Schaltpult übernommen, weil ja nichts denkbar gewesen wäre, wenn Gott die Erde nicht geschaffen hätte, dementsprechend auch die logische Verknüpfung mit der Bibel (!!!), jedoch auch mit zahlreichen weiteren Verknüpfungen zu modernen naturwissenschaftlichen Vorstellungen, die sich jedoch alle 5 – 10 Jahre vollständig verändern – vorsichtshalber hatte AR deshalb den link zur Bibel mit drei Ausrufezeichen versehen.

 

Hebel 35701: Karl Marx, Verknüpfung mit Kommunismus -  allerdings mit Fragezeichen.

 

Hebel 37208: ein Bild von AR, mit der Verknüpfung: „tot“. Das musste AR unbedingt vor der Patentanmeldung ändern!

 

Seine Fehlerliste wurde immer länger und es würde vielleicht doch noch weitere 1000 Jahre bis zur Patentanmeldung dauern – immerhin deutlich weniger als die zu Beginn angenommene Zeit von 35000 Jahren. Die wichtigste Änderung, sozusagen „mit höchster Priorität“ war die Verknüpfung AR: „tot“ in AR: Publisher der "Igler Reflexe".

 

P.S. Nicht immer hatte AR mit seinen Erfindungen Glück gehabt – aber diesmal würde der Erfindung seines neuen Schaltpultes nach den notwendigen Korrekturen sicherlich Erfolg beschieden sein – am wichtigsten war die Korrektur der Verknüpfung AR: „tot“ – denn wie kann jemand etwas patentieren, der nicht mehr lebt – alles lassen sich Patentabteilungen (im Gegensatz zu wissenschaftlichen Journalen) nicht gefallen.

 

P.S. Ursprünglich beabsichtigte AR auch Zukunftsreignisse in sein System einzubauen, dann verzichtete er darauf - u.a. weil es ihm einfach nicht gelingen wollte, die Gewinner zukünftiger Fußballmeisterschaften einzubauen. Dies wäre zwar reizvoll gewesen – andererseits wollte er künftigen Generationen auch nicht die wirtschaftlichen Erwerbsquellen, die mit solchen Großerereignissen verbunden sind, nehmen. Auch die zukünftigen Höchststände des Dow Jones Index hätte er beim Gelingen seines Prognosemoduls bewusst ausgelassen – ein Großteil des menschlichen Lebens beruht auf Unsicherheit - daran wollte und konnte AR vermutlich nichts ändern!

 

Schaltpult III

 

Nach dem Erfolg mit der Entwicklung seines Schaltpultes II hatte AR den nicht zu zügelnden Drang, sein Produkt weiter zu entwickeln – Erfinder geben sich niemals mit Erreichtem zufrieden. Was noch fehlte, war das bereits in "Schaltpult II" angedachte, aber dann doch nicht realisierte Modul mit dem man in die Zukunft schauen konnte – eine ganz besondere Herausforderung, deren Tragweite sich AR anfangs nicht voll bewusst war. Typisch für Erfinder ist es, die Tragweite einer Erfindung zunächst außer Acht zu lassen, zunächst die Erfindung zu realisieren, die Patentierbarkeit eines solchen Vorhabens zu prüfen und dann alles weitere der Zukunft zu überlassen. AR hatte bereits ein Patent unter dem Namen „Schaltpult“ veröffentlicht, was eher hinderlich war, denn es galt nun nachzuweisen, dass die neue Erfindung das besaß, was im trockenen Patentrecht „Erfindungshöhe“ genannt wird. Bevor AR also an die eigentliche Entwicklungsarbeit ging, skizzierte er einen Patententwurf, dessen wichtigste Eingangszeilen – sollte seine Erfindung gelingen – etwa so formuliert sein könnten:

 

„Schaltpulte sind in der Patentliteratur umfassend beschrieben, in dem beantragten Patent wird eine völlig neue Art eines Schaltpultes beschrieben, welches im Gegensatz zu bereits publizierten Produkten unerwartet und daher überraschend (das Wort „überraschend“ darf in solchen Fällen nie fehlen, auch wenn nur selten eine echte Überraschung vorliegt) dadurch gekennzeichnet ist, dass die Erfindung im Gegensatz zu bisherigen Produkten in der Lage ist, zukünftige Ereignisse … etc.

 

und er formulierte auch gleich die englischen Anfangszeilen:

 

Our claim is: (xxx)
whereas…

whereas…
whereas…(es kann gar nicht genug „whereas“ in einem englischen oder amerikanischen Patent geben)

 

Das müsste genügen, um selbst von einem hartgesottenen Patentbearbeiter die erforderliche “Erfindungshöhe“ zugestanden zu bekommen (die Zeilen hinter den verschiedenen „whereas“ müssten halt später noch ausformuliert werden …).

 

Dann ging AR ans Werk:

 

Der Hebel 42301 war relativ einfach zu realisieren: Antwort: 2015 – der Iran arbeitet weiterhin an der Vermehrung von spaltbaren Kernkraftstoffen. Desgleichen Hebel 42370: 2033 – der Iran arbeitet weiterhin an spaltbaren Kernkraftstoffen.

 

Hebel 42371: 2033 – die deutsche Bundesregierung verabschiedet im Bundestag ein Gesetz zur Wiedererlaubnis zum Bau von Atomkraftwerken. Warum das?

 

Hebel 42372: Verknüpfung zu 42371 - Atomkraftwerke: Umweltschützer fordern Atomkraftwerke, weil man wegen der vielen Windmühlen die Umwelt nicht mehr sehen würde und weil es keine Vögel in Deutschland mehr gäbe. Die Vögel würden selbst große Umwege beim Vogelzug in Kauf nehmen um nach Österreich zu gelangen, das trotz seines extremen Ausbaus der Wasserkraft für Vögel (weniger für die Menschen) immer noch attraktiv war.

 

Hebel 45001: 2041: In Österreich fiel die Wahlbeteiligung zur Nationalratswahl erstmalig in der Geschichte der 2. Republik auf Null, sodass die NichtwählerInnen mit absoluter Mehrheit zum Ausdruck brachten, keine Regierung mehr haben zu wollen um tun und lassen zu können, was sie für richtig hielten. In solchen Situationen nützen auch BundespräsidentInnen nicht viel, daher bestätigte die gerade noch amtierende Bundespräsidentin die Auflösung des Parlamentes, da alle ParlamentarierInnen aufgrund ihrer offenkundigen Unbeliebtheit ihre Ämter zurücklegten, um sich entweder in der Privatwirtschaft zu bewerben oder beim Arbeitslosenamt um Arbeitslosen- bzw. Sozialhilfe anzusuchen – beides recht hoffnungslose Unterfangen. Welche Firma interessiert sich schon für unfähige PolitikerInnen und die Sozialhilfe würde es in einem Staat ohne Sozialministerium ohnehin nicht mehr geben.

Hebel 45002: mehrere Nichtwähler machten von der Möglichkeit Gebrauch, sich als DiktatorIn zu betätigen, da eine echte Diktatur jedoch nur eine/n DiktatorIn benötigt und eine Abwahl von MitbewerberInnen wegen der fehlenden Regierung und ohne Wahlen nicht möglich ist, wurden MitbewerberInnen auf andere Art und Weise eliminiert.

 

Die nächsten Hebel 45003 bis 53021 hätte AR gerne ausgelassen, aber seine Erfindung sollte ja die Geschichte nicht manipulieren und der Hebel 45003 verhieß nichts Gutes – am Display erschien nach Betätigung des Hebels die einfache Feststellung:

 

GRÖFAZ II (Größter Führer aller Zeiten Nr.2.) rief sich selbst zum Herrscher eines diesmal für 10000 Jahre geplanten Reiches aus.

 

Die nächsten tausend Hebel ähnelten bereits vergangenen geschichtlichen Epochen und sollen daher hier nicht näher beschrieben werden. Trotzdem konnte AR seinen Zeitgenossen den Hebel 49037 nicht ersparen – das Display blieb grau, d.h. irgendetwas Furchtbares musste geschehen sein. Schon Hebel 48001 berichtete über einen Atomkrieg zwischen der Schweiz und Liechtenstein – aber das rechtfertigte noch nicht das totale „grau“ von Hebel 49037.

 

Hebel 49038 löste das Rätsel (allerdings rätselhaft) – irgend etwas war passiert, weshalb Gott das Universum und unsere Erde neu erschaffen musste und auch die gesamte Erfindung AR’s (einschließlich aller Patentunterlagen) wurde vernichtet bzw. endete an diesem Punkt.

 

Immerhin gelang es dem Schöpfer eine etwas verbesserte Version seiner ersten Schöpfung zu realisieren, wobei er in einer Betaversion den Menschen zunächst überhaupt wegließ, dann offenbar feststellte, dass ihm ein Ebenbild seiner selbst, das ihn entweder bewunderte oder verfluchte (vielleicht aus Langeweile) doch mehr fehlte, als zunächst angenommen und daher in einer Folgeversion den Menschen wieder einbaute. Diesen Fehler beging Gott bei weiteren Folgeversionen noch mehrmals, sodass frau/man sich allen Ernstes fragen muss:

 

1. Hat Gott nichts besseres zu tun?

 

2. Ginge es nicht auch ohne Schöpfung?

 

3. Und wenn schon Schöpfung, warum mit Schlangen, Krokodilen und Spinnen?

 

4. Wenn ihm am Menschen so viel liegt – warum mit Körpern und Gehirnen, die auf Macht, Krieg, Klimaveränderungen, Krankheit, Tod und volkstümlicher Musik ausgerichtet sind?

 

5. Auch die Einführung der Zeit ist ein Fehler, der bei einer Endversion der Schöpfung unbedingt eliminiert gehörte – Krankheit, Tod, die Allgemeine Relativitätstheorie, Uhren und Arbeitszeitveträge – ja sogar „Zeitungen“ und "online-news" wären dann völlig überflüssig.

 

Vielleicht hat Gott ja auch den Schöpfungsvorgang in einer Art LOOP-Programm, also einer Endlosschleife angelegt, um sich interessanteren Herausforderungen widmen zu können, worüber wir leider nichts wissen werden, weil das von AR konzipierte Schaltpult (siehe oben) nicht mehr realisiert werden konnte bzw. mit Hebel 49038 endete.

 

(25.5.2012, redigierte und zusammengefasste Version aus 3 Beiträgen)

 

 

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