Lasciate ogni speranza…3650 Tage – Gedankensplitter einer Studienzeit I

 

 

1962-Warnlampe - (c) Alfred Rhomberg, die selbst intallierte rote Warnlampe bedeutet nicht, dass es sich um ein zweifelhaftes Etablissement handelte, sondern sie warnte den Autor vor einem kritischen Zustand

 

Etwa 10 Jahre dauerte ein Chemiestudium 1954 und fast eben solange dauert es auch heute noch. Nachfolgend sind einige Erinnerungsfetzen niedergeschrieben, die für die damalige Zeit – zumindest in Innsbruck – typisch waren. Erinnerungen niederzuschreiben hat nur dann Sinn, wenn wenigstens einige davon für spätere Jahrzehnte noch relevant sind. Solche Gedanken herauszufiltern, wird in zwei Beiträgen zum Chemiestudium, versucht.

 

Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate…so heißt es im Inferno III der göttlichen Komödie von Dante Alighieri (1265-1321). Glücklicherweise empfanden wir dies nicht so, als wir zum ersten Mal das anorganische Laboratorium im „Alten  Chemischen Institut“ (Innsbruck, Peter-Mayr-Straße 1a) betraten. Wir fühlten uns „gut“ (heute sagt man „hochmotiviert“) – und wir würden das Studium sowieso schneller absolvieren. In der Halbzeit wurde es uns klar, dass dies eine Illusion war – aber jetzt war es zu spät um ein anderes Studium zu beginnen (verlorene Zeit, Studiengebühren/andere Kosten, zusätzlich war das Interesse weiter gewachsen). Illusionär war der Beginn dieses Studiums 1954 auch deswegen, weil es keinerlei Berufsaussichten gab. Das Wirtschaftswunder in Deutschland begann erst einige Jahre später, in Österreich gab es keinerlei Berufschancen. 1963 (mein Promotionsjahr) waren wir alle daher überrascht, als ChemikerInnen plötzlich „hochgefragt“ waren.

 

Lasciate ogni speranza…war auch insofern treffend, weil die Worte das Fegefeuer betreffen, das uns im großen anorganischen Saal erwartete. Man betrat einen Saal, in welchem ca. 100 ChemikerInnen und PharmazeutInnen arbeiteten und in welchem es nur 5 Abzüge gab, weshalb man die KollegInnen am Endes des Saales wegen der weißen Dämpfe nicht mehr sah. Ich hatte mir deshalb das Rauchen abgewöhnt (rauchte allerdings erst seit 3 Monaten) -  für mich stand fest, auf das Rauchen leicht verzichten zu können – das beschriebene Laboratorien und viele andere ähnliche Laboratorien waren dagegen für die nächsten Jahre nicht vermeidbar.

 

Anm.: Viele Postdoc-ChemikerInnen waren überrascht, in den berühmtesten Universitäten der USA (u.a im Massachusetts Institute of Technology, MIT) damals ähnliche Laboratorien wie das oben geschilderte vorzufinden und meinten nach ihrer Rückkehr, es käme wesentlich auf den "Geist" an, der in einem Laboratorium herrscht. Das bedeutet nicht, dass in modernen Labors dieser Geist fehlt - ich habe in Schloss Birlinghoven bei Bonn, dem Grundlagenforschungsinstitut von Royal Dutch diesen "Geist" in den damals modernsten Laboratorien Deutschlands ebenfalls gefunden. In meiner späteren Firma in Mannheim störte mich daher nicht, anfangs wieder sehr alte Laboratorien vorzufinden - was mich störte war, dass in den später neu errichteten modernen Labors der ursprünglich vorhandene "Geist" mit dem Wachsen der Firma im Laufe der Jahre teilweise wieder abhanden kam. 

 

1956 – die große Kälte

 

Dieses Jahr (2012) ist es unerwartet kalt (bis zu minus 19 Grad in Innsbruck/Igls). Wir sind  nicht mehr gewohnt, was früher üblich war. Im Radio hörte ich, dass es 1956 besonders kalt gewesen war (bis zu minus 30 Grad). Tatsächlich erinnerte ich mich genau an diese kalten Tage, ebenso wie an die besonderen Umstände innerhalb des oben genannten anorganischen Labors, welches ich bereits vier Semester lang täglich ca. 9 Stunden besuchte. Das Labor hatte keine Heizung und das destillierte Wasser in den Spritzflaschen war gefroren. In Winterkleidung gehüllt, rissen wir als erstes die Schläuche der vielen Bunsenbrenner aus den Flanschen und zündeten das ausströmende Gas an. Etwa hundert 60 cm lange Stichflammen machten den Saal arbeitstauglich und da es in einem anorganischen Labor nur wenige brennbare Chemikalien gibt, war die Gefahr wohl relativ gering. Die Kältewelle dauerte einige Wochen.

 

Unendlich viele Prüfungen

 

Ich hatte während meines gesamten Studiums zahllose mündliche Prüfungen erlebt – die  einzige schriftliche Arbeit war die Doktorarbeit. Für jeden Studienabschnitt gab es Eingangsprüfungen, Zwischenprüfungen und Abschlussprüfungen - fast alle waren öffentlich (entweder in den Labors in einer Prüfungsecke mit Schiefertafel, oder im Hörsaal – ebenfalls mit Schiefertafel). Der Grund dieser Öffentlichkeit war zweifach begründet: a) die anwesenden StudentInnen konnten bei den kolloqiumartigen Prüfungen die wichtige Erfahrung machen, dass es in der Chemie nicht auf reines Lehrbuchwissen, sondern auf die Auseinandersetzung mit eher abstrakten Fragestellungen ankommt, b) niemand konnte behaupten, er sei ungerecht geprüft worden und deswegen durchgefallen. Nur wenige Prüfungen (mit mehreren Prüfern) fanden im „stillen“ Kämmerlein statt. 

Ein zusätzlicher Vorteil mündlicher Prüfungen ist die psychische Abhärtung, vor einer neugierigen, wenn auch mitfühlenden Zuhörerschaft zu diskutieren und dies war für das spätere Berufsleben äußerst hilfreich. Kein Chemiker erfüllt seine Aufgaben durch das Ankreuzen von Fragen im Multiple Choice-Verfahren oder durch die schriftliche Beantwortung vorformulierter Fragen, wie sie in schriftlichen Klausuren heute üblich sind. 

 

Gute wissenschaftliche Betreuung

 

Ganz wesentlich für den späteren Beruf war die hervorragende wissenschaftliche Betreuung während der Doktorarbeiten. Der Ordinarius der organischen Chemie, der meine Dissertation über 3 Jahre lang betreute, hatte nie mehr als 3-4 Doktoranden, mit denen er täglich die Erfolge (oder Misserfolge) ausführlich diskutierte. Bei diesen Gesprächen wurde das analytische Denken in einer Weise geschult, wie das an größeren Universitäten leider nicht möglich ist. An deutschen Universitäten gab es diese ausfühlichen Gespräche schon damals nicht mehr, selbst wenn die chemischen Arbeitskreise vieler Universitäten  auch in Deutschland nicht immer sehr groß waren.

 

Was gibt es sonst über das Chemiestudium dieser Zeit zu berichten?

 

Wegen der langen Studienzeit recht viel, daher nur die wichtigsten Fakten: 

Das Studium war sehr breit angelegt – anorganische, organische und physikalische Chemie waren die notwendigen Grundpfeiler des Studiums, Vorlesungen, Seminare und Prüfungen über Mathematik, Physik, chemische Technologie, Mineralogie und einige andere (teils frei wählbare) Randgebiete rundeten den naturwissenschaftlichen Teil des Studiums ab. Eine Besonderheit war, dass das Chemiestudium – ebenso wie alle Natur- und Geisteswissenschaften an der philosophischen Fakultät angesiedelt waren. Die damalige Vierfakultätenuniversität nach spätmittelalterlichem Muster (Philosophie, Theologie, Jura einschließlich Volkswirtschaft, sowie Medizin) war in Österreich bis zur Studienreform 1972 üblich. Die spätere Aufsplitterung in eine stets wachsende Zahl an Fakultäten war Fortschritt und Rückschritt zugleich.

 

Der Fortschritt entspricht dem Wachsen des Spezialwissens, das nun endlich auch an den Universitäten Eingang gefunden hatte. Der Rückschritt führte dazu, dass Absolventen einer bestimmten physikalischen Fakultät sich mit Absolventen anderer physikalischer Fakultäten wegen zu hoher Spezialisierung kaum mehr miteinander unterhalten können.

 

Die frühere Eingliederung fast aller Wissenschaften unter das Dach der Philosophie erforderte zwar den Besuch von philosophischen und psychologischen Vorlesungen über ca. 6 Semester, die dann als Gegenstand einer Prüfung im sogenannten Philosophicum vor der Promotion zu einem übergreifenden Wissen führten, welches es auch Naturwissenschaftlern erlaubte, über ihren Tellerrand zu blicken. Der zusätzliche Studienaufwand war zunächst lästig, zumal die  Professoren (ein Psychologe und ein Philosoph) oft vergaßen, dass sie es mit Nebenfächlern zu tun hatten - ich erkenne aber dank dieser Studien auch heute noch, wenn sich moderne Naturwissenschaftler manchmal allzu sehr auf Spekulationen einlassen.  Der moderne Ph.D. (Philosophical Doktor) wird heute  allen Doktoren verliehen – auch wenn der moderne „Ph.D.“ nie etwas über Philosophie gehört hat. Der Abschluss erlaubt insbesondere in den USA oder in England, nach dem Studium selbst unterrichten zu können. Der zeitliche Aufwand zur Erlangung des Ph.D. ist in den USA allerdings erheblich größer als in Europa – die Vereinheitlichung der Studienabschnitte in der EU durch den Bolognaprozess, bedeutet für manche europäische Länder leider auch einen Prozess inflationärer Universitätsausbildung.

 

(2011)

 

Ein weiterer Beitrag über das soziale und wirdtschaftliche Umfeld eines Studium in Innsbruck 1954

 

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