Adam und Eva I und II

 

Adam und Eva - Albrecht Dürer 1507

 

Adam und Eva I

 

 

 

Etwa 23 Meter außerhalb des Paradiesrandes lebte ein Liebespaar, das sich mehrmals am Tag – und möglicherweise auch nachts – liebte, soweit man das was sie taten, als Liebe bezeichnen konnte. Anfangs sahen Adam und Eva gelangweilt zu, weil sie ja noch keine Scham kannten und den Zweck, den der Liebesakt gottgewollt vorsah, für sie noch keine Bedeutung hatte. Auch sahen sie nicht, was die Liebenden machten, wenn sie sich gerade nicht liebten, sie hätten es auch gar nicht verstehen können, weil ihnen dies vorläufig noch erspart geblieben war.

 

Nichts von dem, was außerhalb eines Paradiesrandes geschieht, können diejenigen wirklich verstehen, die selbst im Paradies leben. Natürlich wäre alles vorstellbar gewesen, um sich jedoch etwas vorstellen zu können, bedarf es einer gewissen Grundkenntnis des sich Vorzustellenden. Und so beobachteten Adam und Eva die Dinge zwar, wenn auch ohne Verständnis – wenn sie die Dinge dann eine Zeit lang beobachtet hatten, liefen sie gelangweilt und in immer enger werdenden Kreisen um den Baum der Erkenntnis herum, ohne diesen jedoch zu berühren.

 

Der Baum der Erkenntnis wusste, dass niemand ihm auf Dauer ausweichen konnte und es scheint uns heute unverständlich, dass Gott dies offenbar damals noch nicht wusste – es war ja auch sein erstes Universum und sein erstes Paradies einschließlich Adam und Eva – das heißt: was war das eigentlich, was sich da außerhalb des Paradiesrandes abspielte? Hatte er das nicht auch geschaffen und nur vergessen, was er so im Laufe einer Woche alles geschaffen hatte? Wir wissen es nicht genau, weil es nicht in der Bibel steht. Inzwischen waren Adam und Eva dem Baum der Erkenntnis schon ziemlich nahe gekommen und offenbar hatte der Baum eine gewisse Ausstrahlung, die alle diejenigen traf, die sich ihm zu sehr näherten. Ganz langsam begannen Adam und Eva „nachzudenken“, etwas das sie vorher noch nie getan hatten. So dachte sich Adam, der philosophischere von beiden, eine Hypothese aus, nämlich, dass das, was sich außerhalb des Paradiesrandes abspielte möglicherweise eine Spiegelung seiner/ihrer selbst war und er ging sogar noch einen Schritt weiter: es konnte ja nicht nur eine normale Spiegelung sein, weil ein Spiegel ja die Dinge (fast) so wiederspiegelt, wie sie in den Spiegel hineinblicken – es musste sich um eine zeitlich versetze Spiegelung handeln. Dass Adam für diese Erkenntnis einige Jahre brauchte, muss man so verstehen, dass er ja auch den Zeitbegriff vorläufig noch nicht kannte und diesen erst nach sehr häufigem Herumlaufen um den Baum der Erkenntnis erahnen konnte. Er besprach die Dinge mit Eva und nun begann sich auch Eva für Adams Hypothese zu interessieren, Frauen philosophieren nicht gerne, sondern gehen die Dinge meist praktischer an. Als Eva die Hypothese dann plötzlich ganz verstanden hatte, wartete sie nicht lange – da hätte es der Schlange sicher nicht bedurft, um den nächsten Schritt zu wagen – was Frauen sich in den Kopf setzen führen sie auch aus. Das ewige Herumlaufen um den Baum der Erkenntnis, wie Adam das machte, ging ihr allmählich auf die Nerven und so nahm sie sich einfach den Apfel, der wie ihre Nachfahren später wussten, sicher kein Apfel, sondern irgend eine andere Frucht war – was spielt das schon für eine Rolle, welches Obst man isst – (verboten ist verboten), teilte den „Apfel“, aß selbst die eine Hälfte und gab Adam die andere.

 

Was dann geschah wissen wir alle:

 

Wir stellen den Wecker auf 5 Uhr 15, würgen einige Kornflakes in uns hinein, stürzen aus dem Haus, der Wagen springt nicht an, wir verpassen die Straßenbahn, sitzen dann einige Stunden vor dem Computer, kommen mit dem Geld nicht aus, streiten uns (Eva mit Adam und umgekehrt), wir lieben uns – abgehetzt und nicht in der spielerischen Form, wie es Adam und Eva bei dem Paar außerhalb des Paradiesrandes beobachtet hatten, denn Adam hatte bei seiner ganzen Herumphilosophiererei damals nicht bedacht, dass, wenn es den Zeitbegriff einmal gab, die Zeit dann unaufhörlich weiterschreiten würde.

 

Denn wenn die Zeit einmal entdeckt ist, lässt sie sich niemals zurückdrehen – sie schreitet fort und fort und fort – bis in die Unendlichkeit oder auch Ewigkeit genannt.

 

(2010)

 

 

Adam und Eva II

 

oder:  In der Falle - Irren ist menschlich

 

 

 

So wie sich die Dinge im vorangegangenen Text entwickelt hatten, war die Entscheidung, Obst vom Baume der Erkenntnis zu essen sicherlich nicht besonders geglückt, aber so etwas bemerkt man bekanntlich erst, wenn es zu spät ist. War es denn zu spät? – und im Übrigen – wollten Adam und Eva wirklich wieder in die Langweile des Garten Edens, auch Paradies genannt, zurückkehren? Genau genommen nicht!

 

Das was das Liebespaar 23 Meter außerhalb des Paradiesrandes trieb, war ja an sich nicht so schlecht um ganz darauf zu verzichten – vorausgesetzt, man hätte etwas mehr Zeit dafür gehabt. Und was das Liebespaar in der Zwischenzeit, als es sich nicht liebte machte, wäre auch zu ertragen gewesen, wenn nicht die Arbeit, Geld zu verdienen, so anstrengend und langweilig gewesen wäre.

 

Dass mit der Vertreibung aus dem Paradies auch das „wieder zu Erde werden“ verbunden war, hatte ebenfalls seinen Schrecken verloren, als einige Jahrtausende später, die Auferstehung von den Toten eingeführt wurde. Danach konnte man ja beides haben, die irdischen Freuden des Lebens und das ewige Leben im Paradies – vorausgesetzt, dass man sich keiner Todsünden schuldig machte – aber selbst diese konnte man bereuen, wie es nicht nur die katholische Kirche vorsieht, sondern sogar in einem Apostolischen Schreiben von Papst Johannes Paul II ausdrücklich nachzulesen ist.

 

Im Prinzip konnte einem also nicht viel passieren, wobei man ja sowieso nicht beabsichtigte, irgendwelche Todsünden zu begehen – außer ….(aber das würde einem ja verziehen werden).

 

Adam und Eva versuchten also mit Gott eine einvernehmliche Abmachung zu erzielen – Verhandlungsbasis: nicht mehr ganz zurück ins Paradies, aber dafür wieder etwas mehr zurück in irgendwelche Zeiten ohne Stress.

 

Gott war kein guter Verhandlungspartner im Sinne moderner Management-Theorien. Er mochte sich vielleicht in einigen geringfügigen Punkten bei der Schöpfung etwas geirrt haben - insgesamt hielt er sich aber an das Buch Genesis mit den darin vorkommenden Worten: „….und es war gut“. Adam und Eva mussten also das definitive „Nein“ Gottes zur Kenntnis nehmen.

 

Was konnten sie jetzt tun? Diesmal war Adam etwas ratlos (vielleicht weil er der Philosophischere war), aber Eva hatte mit ihrem Hang zum Pragmatismus sofort einige Einfälle, die sie auch gleich in die Tat umsetzte – da konnte Adam als der Geduldigere nicht viel dagegen ausrichten. Also wurden beide Mitglieder einer Gewerkschaft und unterschrieben zudem einen Aufnahmeantrag einer Partei, die ihnen mehr versprach, als sie halten konnte. Auf diese Weise glaubten sie, weniger arbeiten zu müssen, etwas mehr Geld zu verdienen und auch mehr Urlaub zu bekommen – um dem Sinn ihres Lebens (auch ihres Liebeslebens) wieder etwas mehr Muße zu gönnen.

 

Sie hatten sich ein zweites Mal geirrt – Irren ist menschlich.

 

 

 

(Version 2012)

 

 

 

 

 

 

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