Seifenblasen - die geistig/kulturelle Inflation

 

Seifenblasen - © Alfred Rhomberg

 

 

Unabhängig von der Art von Werten sind alle Wertskalen nach oben weitgehend offen – nach unten enden sie jedoch stets bei Null. Es ist schwer festzustellen, an welchem Punkt einer oben offenen Skala wir uns gerade befinden, außer dass derzeit ein inflationärer Trend auf vielen Gebieten geistiger und kultureller Werte zu beobachten ist. Inflation bedeutet im landläufigen Sinne „höhere Preise“ für gleiche oder geringere Warenmengen. Im übertragenen Sinn lässt sich das aus dem Latein kommende Wort mit „sich aufblasen“ bzw. „anschwellen“ auf viele geistige bzw. kulturelle Werte anwenden, was durch wenige Beispiele verdeutlicht werden soll:

 

James Homer wurde für die Komposition und die Partitur der Filmmusik zum Film Avatar – Aufbruch nach Pandora eineinhalb Jahre zugestanden – hätte Johann Sebastian Bach zur Komposition des Brandenburgischen Konzertes Nr. 5 gleich viel Zeit gebraucht, so hätte er bei seinem Lebensalter von 65 Jahren und einem kompositionsfähigen Alter von vielleicht 50 Jahren maximal 33,333 Werke geschrieben – es waren aber mindestens 1128 Werke (plus einige verschollene). Es soll an dieser Stelle kein Werturteil über die Qualität der Filmmusik gefällt werden – sicher hat der Soundtrack James Homer finanziell mehr eingebracht als dem Komponisten Bach alle seine Werke zusammen.

 

Picasso, einer der zweifellos einfallsreichsten Maler des 20. Jahrhunderts hat zwar unzählige Werke gemalt, viele davon sind jedoch schon am zweiten Tag ab Beginn einer Arbeit signiert – Michelangelo Buoanarotti hat für das Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle offenbar 4 Jahre (von 1508-1512) gebraucht – „Dilettanten“ brauchen eben etwas länger.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat etwa 30 Bücher geschrieben und ist zudem noch als Herausgeber philosophischer Schriften tätig – von Immanuel Kant sind auch nur etwa 30 große Werke, von Schopenhauer sogar nur 8 große Werke, jedoch ein enormer Nachlass bekannt – der Vergleich der Werke Kants und Schopenhauers mit denen Sloterdijks fällt nicht gerade zugunsten von Peter Sloterdijk aus [siehe „sich aufblasen" (1)].

 

Geistig-kulturelle Werte sind leider nur schwer miteinander vergleichbar – darin liegt der wesentliche Unterschied zum Sport: hier ist die Inflation weniger groß – Usain Bolt brauchte 2009 für den 100 m Lauf 9,58 Sekunden, Jesse Owens 1936 dagegen nur 9,4 s.

Jedes weitere Wort würde das Thema unnotwendig vertiefen – es käme sonst auch in diesem Beitrag zu einer Inflation der Worte.

 

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(1) Henryk Modest Broder (* 20. August 1946 in Kattowitz, Polen), deutscher Journalist und Buchautor (Der Spiegel, Weltwoche, Tagesspiegel), Themen Politik, Islamkritik, pointierte Polemik, schrieb über Soterdijk in „Herr der Blasen“ (Der Spiegel v. 21.12.2002, zusammen mit Reinhard Moor) u.a.

 

„…Seine Popularität in den besseren Kreisen verdankt er vor allem zwei Tugenden: seiner Vielseitigkeit und seiner Vieldeutigkeit. Egal ob er bei den Saarländischen Heimattagen in Illingen, den Salzburger Festspielen oder beim Zentrum für Technologiefolgenabschätzung in Bern die Festrede hält – er schafft es, zu jedem Anlass und zu jedem Thema eine Suada zu produzieren, die schon deshalb Eindruck macht, weil sich niemand im Saal traut zuzugeben, dass er nicht weiß, worüber der Philosoph redet…“

 

 

(8.9.2012, redigiert 25.8.2014)

 

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