Die Kunst, nicht kreativ zu sein
 

Kopie der Kopie, der Kopie... © Alfred Rhomberg

 

JedEr will (oder muss?) heute kreativ sein – das verlangen unsere ArbeitgeberInnen - aber auch wir selbst von uns. Dazu zwei grundlegende Fragen:

 

► Müssen wir wirklich immer kreativ sein?

 

► Gibt es überhaupt genügend kreative Ideen?

 

Nach nicht wirklich nachvollziehbaren Rechnungen gab es bisher 110 Milliarden geborener Menschen, das sind etwa 6% der geborenen „modernen“ Menschen insgesamt – die vor dem „modernen“ Menschen geboren wurden. Bei Multiplikation der Synapsen mit der Zahl der Menschen käme eine Zahl von über 10 hoch 25-26 Synapsen heraus, von denen, auch wenn es sie zum Glück nicht mehr alle gibt, ein Großteil schon an Denk- und Kreativitätsprozessen beigetragen haben (1).

 

Die Ausrüstung unseres Gehirns für ständig neue Ideen wäre dadurch vermutlich gegeben. Niemand weiß allerdings, wie viele Neuronen und Synapsen für eine kreative Idee erforderlich sind, vermutlich wird dies unterschiedlich sein, je nach dem ob frau/man kreative Ostereier bastelt oder die Allgemeine Relativitätstheorie kreiert. Die Wissenschaft streitet darüber, ob Computer kreativ sein können - ein unsinniger Streit, weil Kreativität sehr unterschiedlich definiert wird, je nach Definition sind neue Computergenerationen durchaus zu kreativen Prozessen fähig.

 

Wir sollten uns also nicht wundern, wenn fast alles schon einmal erdacht wurde. Das macht es den sogenannten „Kreativen“ so schwer, ständig etwas neues zu produzieren und wir sollten es daher den modernen KünstlerInnen nicht verargen, wenn sie gelegentlich mit ihrer Kreativitätssucht etwas über das Ziel hinaus schießen oder sich in Abgründe der Banalität verlieren. Mit anderen Worten lässt sich das mit dem bekannten Werbespruch ausdrücken: „es ist verdammt schwer der Beste zu sein“.

 

Am einfachsten ist es noch immer, irgend etwas mit irgend etwas anderem zu verknüpfen, wie das u.a. in der Chemie oder im „Crossover“ unterschiedlicher Musikkulturen üblich ist. Als Chemiker musste ich gelegentlich kreativ denken und handeln – d.h. das Gedachte sollte zumindest neu sein, obwohl ich bezweifele, dass etwas allein schon deswegen kreativ ist, weil es neu ist. Zwar hatte ich mich immer so gut wie möglich bemüht, dass meine „neuen“ Verknüpfungen von Atomen mit anderen Atomen noch niemand vorher bewusst synthetisiert (oder publiziert) hatte – ob jedoch von der Natur derartige chemische Verbindungen nicht schon einmal - und wenn auch nur in Spuren, erzeugt wurden, weiß niemand.

 

Müssen wir überhaupt immer kreativ sein?

 

Genau genommen nicht. Kreativ sein zu müssen, wird uns eingeredet bzw. antrainiert. Um überleben zu können bedürfte es nur weniger Verhaltensweisen, die uns die Evolution mitgeliefert hat und die an sich nicht „kreativ“ sind,  weil wir sie eben von der Evolution bereits mitgeliefert bekommen. Bei einer Stellenbewerbung sollten wir uns dagegen nicht wundern, wenn wir etwa durch die Worte: „ich bin fleißig, habe sehr gute Schulnoten, bin aber überhaupt nicht kreativ“  jede Chance auf die ausgeschriebene Stelle verlieren - selbst wenn wir für die ausgeschriebene Stelle eigentlich gar keine Kreativität brauchten. Wenn wir schon kreativ sein wollen/müssen, kann frau/man immer noch die Dienste einer Eventagentur bzw. eines „Thinktank“ in Anspruch nehmen, denn Kreativität sollte ja nicht zum Wildwuchs (siehe KünstlerInnen) ausarten, sondern offenbar „korrekt“ kreativ sein – fast ein Widerspruch!

 

Die Kunst, nicht kreativ zu sein      

 

Heute, nach beendeter Berufszeit, zwingt mich nichts mehr dazu, „kreativ“ zu sein, denn Kreativität ist bekanntlich mit diversen Unannehmlichkeiten verbunden – man muss ständig andere und sogar sich selbst übertreffen. Ich weiß nicht, wie viel von diesem „Muss“ angeboren und wie viel antrainiert ist. Von beidem brauchte frau/man allerdings theoretisch keinen Gebrauch zu machen: wer die Veranlagung zum Komponisten hat, kann der Versuchung entgehen, in dem er nicht komponiert, wer die Veranlagung zum Skyspringer hat, braucht nicht skyzuspringen etc.

 

Versuche, nicht kreativ zu sein

 

Ich lege mich in einen Liegestuhl und betrachte den blauen Sommerhimmel, schalte nach Möglichkeit Assoziationen und Phantasien ab und schon sehe ich die Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel, was zu dem nachdenklichen Beitrag dieses Magazins „Unter der dunklen Fichte“ führte. Ich musste also die Augen schließen, um nicht von äußeren Reizen abgelenkt zu werden. Jetzt war ich mit meinen Gedanken allein – doch sofort kam es zu sinnigen oder unsinnigen Gedanken, wie z.B. „Leere Landschaften“, in denen ich meine Absicht, nicht zu denken mit dem Einleitungssatz konterkarierte:

 

„Gleichgültig ob leere Landschaften, leere Papierseiten oder leere Gedankenwelten – sie fordern den Menschen geradezu heraus, gefüllt zu werden…“

 

Also auch kein Erfolg! Weitere Versuche, meine Gedanken abzuschalten, scheiterten, weshalb ich den Beitrag „Die Kunst, nicht kreativ zu sein an dieser Stelle praktisch beenden könnte, ohne darüber zu entscheiden, ob das bisher Veröffentlichte nun wirklich „kreativ“ war – die Definitionen von „Kreativität“ sind, wie andernorts beschrieben, sehr unsicher.

 

Zwei Möglichkeiten fielen mir noch ein: mich mit Äther zu betäuben oder Cyankali als „todsicheres“ Vergiftungsmittel, einzunehmen. Besonders letzteres war mir zu definitiv, aber auch bei der Ätherbetäubung würden die Aktivitäten des Gehirn nur auf Zeit ausgeschaltet und das Problem nicht endgültig gelöst.

 

Schließlich fiel mir ein Ausweg ein, der vielleicht das Eingangsproblem „nicht kreativ zu sein“ zwar nicht wirklich löst, der Lösung aber ziemlich nahe kommt: ich male ein völlig unkreatives Bild und kopiere es seither mehrmals – die Versuche dauern noch an.

 

(29.4.2016)

 

(1) http://www.rp-online.de/wissen/Wie-viele-Menschen-lebten-bislang-auf-der-Erde_bid_35356.html#

 

 

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