Keine Zeit …

 

zeitlos - © Alfred Rhomberg

 

„Ich habe keine Zeit“ - wir leben in einer Zeit, in der es offenbar keine Zeit mehr gibt. Warum? Weil wir unsere Zeit damit verbringen, Maschinen zu erfinden, damit wir mehr "kostbare Zeit" für andere Dinge haben, die wir in erster Linie dazu benutzen, um weitere Maschinen zu erfinden, welche uns noch mehr Zeit ersparen, um damit noch bessere Maschinen zu erfinden, die Zeit ersparen . . . solange bis wir gar keine Zeit mehr haben - nicht einmal dafür, um weitere solche Maschinen zu erfinden . . .

Und sollte zufällig doch einmal ein ganz kleines bisschen Zeit übrig bleiben, so stiehlt man uns diese Zeit, was allerdings ein rein theoretischer Gedanke ist, weil so etwas ja gar nicht vorkommt . . . wenn aber dieser theoretische Glücksfall doch einträte, so frage ich mich: was tut derjenige, der mir das bisschen meiner sinnlosen Zeit gestohlen hat, mit meiner Zeit? Ich bin sicher, dass er sie dazu gebraucht, um weitere Maschinen zu erfinden, die …

 

„Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen“ meinte der römische Philosoph, Dramatiker Naturforscher und Politiker Lucius Annaeus Seneca, auch „der Jüngere“ genannt (ca. 1 – 65 n. Chr.) . . . Trotz seiner vielen Tätigkeiten hatte Seneca offenbar noch genügend Zeit dafür, um reich und vermögend zu werden – vielleicht, weil er noch keine Maschinen erfinden musste, um Zeit zu sparen …

 

Von Seneca stammt auch ein Satz, der ebenso heute gelten könnte:

 

„Menschen von Wert arbeiten hart, bringen Opfer und werden zum Opfer, und zwar aus eigenem Willen; sie werden nicht vom Schicksal geleitet, sondern sie folgen ihm und halten gleichen Schritt; hätten sie es gekannt, wären sie ihm vorausgegangen“.

 

Ja - wir arbeiten hart und bringen Opfer und werden selbst zum Opfer, weil wir unserer Zeit nicht entrinnen können und Maschinen erfinden müssen, um Zeit zu sparen . . . . .

Gerade als ich diese Idee weiter ausspinnen wollte, flattert mir der Reklame-Prospekt einer Bank auf den Schreibtisch, mit der Aufforderung:

 

„Die Nacht zum Tage machen – Online-Banking: unabhängig von Öffnungszeiten sein".

 

Und jetzt muss ich halt nachts wach bleiben und Online-Banking betreiben, weil (so heißt es in diesem Prospekt weiter): „Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt“.

 

Ich habe nichts, was ich durch Online Banking auf mein Konto überweisen könnte, weil ich ja den ganzen Tag damit beschäftigt bin, Maschinen zu erfinden, die . . . d.h. ich könnte vielleicht versuchen, per Online-Banking etwas „Zeit“ abzuheben, sozusagen als Kredit. Den Kredit wird mir meine Bank aber wohl kaum gewähren, weil ich vielleicht zu wenig Zeit auf meinem Konto habe – oder weil ich keine Zeit haben werde, diesen Zeitkredit zurückzuzahlen. Vielleicht landet meine Anfrage aber ebenfalls bei einer Maschine, die gerade dabei ist, neue Maschinen zu erfinden, z.B. um weitere Bankangestellte zu entlassen und so nachlässig konstruiert ist, dass sie mein Zeitkreditansuchen einfach ohne nachzudenken akzeptiert, weil sie gerade keine Zeit zum Nachdenken hat und neue, bessere Maschinen erfinden muss, um moch mehr Bankangestellte zu entlasssen. Auch Maschinen werden bekanntlich immer intelligenter. Oder? Ich hätte da einen Vorschlag, nämlich: dass eine optimierte solche Maschine auch gleich die Bankkunden ganz abschafft - dadurch könnten fast alle Bankangestellte überflüssig werden - ein riesiges Einsparungspotenzial für eine Bank!

 

Dazu vielleicht ein Beitrag aus diesem Magazin: „Der sinnlose Tag“, der zeigt, dass es auch andere Probleme gibt.

 

(12.2.2016)

 

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