Ein neues Kapitel der Massenpsychologie - Social Networks

Aufstand der Massen - (c) Alfred Rhomberg (Acryl)

 

 

Die neuen sozialen Netzwerke, allen voran Facebook und Twitter, erleichtern fast alle Grundvoraussetzungen, die von den Theoretikern der Massenpsychologie (zuletzt Elias Canetti in „Masse und Macht“) für Massenphänomene, bzw. das unterschiedliche Verhalten von Menschen als Bestandteil einer Masse im Unterschied zu Kleingruppen, seit langer Zeit verantwortlich gemacht werden.

 

Ein kurzer Abriss zur Geschichte der Massenpsychologie

 

Obwohl Menschen, sofern sie auf engem Raum zusammenleben von jeher ähnliche Verhaltensmuster aufweisen, wurde das Phänomen der Masse „Mensch“ nach Wissen des Autors(1) erstmalig von dem Soziologen und Philosophen Gustave Le Bon (1841-1931) systematisch untersucht(2). Als Kind war Le Bon von den Revolutionen des Jahres 1848 und später der Revolution der „Pariser Kommune“ (1871) beeinflusst, hatte Medizin studiert, war Militärarzt, hatte sich jedoch später zunehmend der Anthropologie und Ethnologie zugewandt. Mit seinem 1895 erschienenen Hauptwerk „Psychologie des foules” (Psychologie der Massen, so der deutsche Titel(2) gilt Le Bon als der Begründer der Massenpsychologie. Le Bon sieht die Masse „Mensch“ aus einer elitären Sicht, wobei der Ausdruck „foule“ (Masse, Menge) für ihn eher mit den Attributen „einfältig“ oder vielleicht „töricht“ verbunden ist. Die Massenpsychologie Le Bon’s hat später Sigmund Freud und Max Weber (Soziologe, Jurist und Nationalökonom, 1864-1920) stark beeinflusst, aber auch Hitlers Vorstellungen über die „Masse“ stimmen ziemlich gut mit den Vorstellungen Le Bon’s überein. Verkürzt haften der Masse nach Le Bon folgende Eigenschaften an:

 

Die Masse ist nur wenig intelligent

Sie denkt einseitig grob und undifferenziert im Guten wie im Bösen

Die Masse denkt nicht logisch, sondern in Bildern, die häufig durch einfache Sprachsymbolik hervorgerufen werden.

Die Masse ist leicht erregbar, leichtgläubig und sprunghaft. Ihre Emotionalität ist schlicht.

 

Anm: Die genannten Negativattribute beziehen sich allein auf die Intelligenz der „Masse“, wen die Gesamtvorstellung über Le Bon’s Verachtung der „Masse Mensch“ interessiert, kann unter dem Stichwort „Gustave Le Bon“ in Wikipedia eine umfassende Aufzählung seines in „Psychologie der Massen“ geäußerten Negativbildes finden, wobei auch seine rassistischen Vorurteile erwähnt werden, die zwar nicht antisemitisch sind, aber z.B. zwischen “romanischen und angelsächsischen” Massen unterscheiden.

 

Diese Vorstellungen mögen vielen auch heute noch als „richtig“ erscheinen, Le Bon liefert aber keine glaubhaften Argumente, wie Massen und warum sie entstehen und irrt auch aus anderer Sicht, wie dies später (weniger von Ortega y Gasset) als von dem österreichischen Soziologen Peter Robert Hofstätter (1913-1994) kritisiert wurde. Aus heutiger Sicht ist auch die früher als „Ansteckungstheorie“ bezeichnete (und auch schon früher kritisierte) Vorstellung fragwürdig, nämlich, dass der Mensch erst in der „physischen“ Masse zu Panikreaktionen und irrationalen Handlungen fähig ist.

 

Der Aufstand der Massen

 

Noch vor Hochstätters experimentellen Untersuchungen mit Kleingruppen und seiner Kritik zur Massenpsychologie publizierte der spanische Philosoph José Ortega y Gasset sein zentrales Werk „Der Aufstand der Massen“ (1929), das weitgehend unter dem Eindruck der Weimarer Republik entstand, da Ortega sich als umfassend gebildeter Philosoph der deutschen Philosophie sehr verbunden fühlte. Interessanterweise wuchs sein Interesse für diese Philosophie bei seinen Aufenthalten in lateinamerikanischen Ländern (Argentinien und Mexico), wo damals gerade die deutsche Philosophie auf besonderes Interesse stieß. In Deutschland wurde er erst später (nach dem zweiten Weltkrieg) durch zahlreiche Übersetzungen seiner Schriften bekannt, umsomehr als Ortega y Gasset kein „trockener“ Philosoph war, sondern durch die Vielseitigkeit seiner eleganten Sprache überzeugte, die sich von derjenigen deutscher Philosophen deutlich abhob. Auch Ortega y Gasset ging noch von einer eher elitären Sichtweise aus, hierzu ein Zitat aus „Aufstand der Massen“:

 

“Anderssein ist unanständig. Die Masse vernichtet alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist. Wer nicht ‘wie alle’ ist, wer nicht ‘wie alle’ denkt, läuft Gefahr, ausgeschaltet zu werden.”

 

Im Unterschied zu Le Bon erkannte Ortega y Gasset allerdings die Chancen einer neuen Qualität als „unvergleichliche Organisation der Menschheit“ (ebenfalls aus „Aufstand der Massen). Eine wissenschaftliche Deutung der Massenphänomene fehlt jedoch auch bei Ortega weitgehend.

 

Gruppendynamik und die Kritik der Massenpsychologie

 

Der Soziologe Peter R. Hofstätter hatte sich bereits 1949 ansatzweise in „Psychologie der öffentlichen Meinung“ mit massenpsychologischen Problemen beschäftigt(3)

 

Hofstätters Werk „Gruppendynamik. Kritik der Massenpsychologie“ (1957) ist in zweierlei Hinsicht ein Schlüsselwerk. Erstens wurden zum ersten Mal nachvollziehbare Experimente zum Gruppenverhalten veröffentlicht und das Wesen, die Vorteile, aber auch die Grenzen von Kleingruppen definiert. Zweitens wurde gerade durch diese Experimente nach Meinung des Autors aufgezeigt, worin die Schwierigkeiten bei der Beurteilung von Massenphänomenen liegen: Mit Kleingruppen lässt sich im „Laboratorium“ einfach besser experimentieren als mit „Massen“ und so ist die Kritik Hofstätters an der Massenpsychologie sowohl was Le Bon, als auch Ortega y Gasset betrifft, eher unbedeutend, ja fast schon etwas polemisch und lässt sich etwa so reduzieren, dass beide der genannten Autoren ihre Popularität im wesentlichen dadurch erlangt haben, dass die Leser den Eindruck bekommen „anders zu sein“ bzw. wörtlich:

 

„Nunmehr ragt der einsichtige Leser, auch wenn gar keine weiteren Merkmale der Ausgezeichnetheit vorhanden sein sollten, weit heraus; er ist im eigenen Urteil beinahe schon ein „Großer“, höchstwahrscheinlich ein Angehöriger der Elite“ (Kritik der Massenpsychologie1. Kapitel, Die Tröstungen des Le Bons, Seite 7), siehe Fußn. (4)

 

Masse und Macht (Elias Canetti)

 

1960 veröffentlichte der Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti (1905-1994) ein Werk zur Massenpsychologie, das bis heute als eine Art Standardwerk gilt(5), auch wenn es kein eigentlich analytisches Werk ist, Elias Canetti ist Dichter und kein Wissenschaftler(6). Auch Canetti hebt sich von Len Bon und Sigmund Freud ab und ist von den Ereignissen der Weimarer Republik beeinflusst.

 

Für Elias Canetti sind vier Eigenschaften einer Masse typisch(5):

 

1. Die Masse will immer wachsen.
2. Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit.
3. Die Masse liebt Dichte.
4. Die Masse braucht eine Richtung.

 

Ein neues Kapitel der Massenpsychologie – Social Networks

 

In den letzten Jahren (genauer seit Februar 2011) wurde deutlich, dass soziale Netzwerke wie z.B. Facebook oder Twitter eine neue Dimension der Massenpsychologie eingeleitet haben – was ist das Neue an dieser Entwicklung?

 

Neu ist, dass einige als Grundlagen des Phänomens „Masse“ in der von den bekannten Wissenschaftlern beschriebenen Form nicht mehr stimmen oder zumindest einer Korrektur bedürfen. Was die oben von Canetti formulierten Thesen betrifft, so stimmt es zwar noch immer, dass eine Masse eine „Richtung“ braucht. Bekannt ist, dass der Mensch normalerweise die enge Berührung mit anderen Menschen (außer in Ausnahmesituationen) fürchtet, dies gilt umso mehr, je gebildeter ein Mensch ist. In einer Anthropologievorlesung während des Studiums des Autors wurde u.a. hervorgehoben, dass die bei „Bauernburschen“ üblichen Ringkämpfe bei gebildeten Menschen unüblich sind, schon deswegen, weil mit zunehmender Bildung das natürliche Geruchsempfinden zunehmend durch „Intellektualität“ zurückgedrängt würde. Zwistigkeiten werden unter Akademikern auf andere Art ausgetragen – und sei es auf die dümmste Weise, z.B. bei Burschenschaften über den Umweg des Säbels. Diese Zeiten sind (nicht ganz) vorbei, trotzdem gibt es subtilere Formen der Auseinandersetzung. Die Berührungsaversion besteht allerdings nach wie vor, sie wird dann aufgehoben, wenn Menschen aufgrund besonderer Ereignisse sich plötzlich innerhalb einer Masse berühren müssen – das Verhalten von Menschen ändert sich dann (vermutlich unabhängig vom Bildungsgrad).

 

Eine zweite Forderung der Massenpsychologie war bisher, dass die Person eines Gegners (Führers), möglichst als Person physisch präsent sein musste, was bereits in der näheren Vergangenheit (z.B. beim Ungarnaufstand 1956, oder beim Fall der Mauer 1989) bekanntlich nicht mehr stimmte.

Massen sammelten sich schon früher auf öffentlichen Plätzen und es mag sein, dass sich Intellektuelle von solchen Versammlungen früher eher fernhielten, was zu der Annahme Le Bon’s oder von Ortega y Gasset zu deren elitären Abgehobenheit von der „Masse“ geführt haben mag.

 

Beim „Zusammentrommeln“ von Massen gab es früher überdies ein Informationsproblem, das heute durch die Social Networks wegfällt. Auch die von Elias Canetti postulierte Gleichheit innerhalb einer Masse stimmt heute nicht mehr – bei den neuen Revolutionen versammeln sich aufgrund von durch Netzwerke formulierte Ziele, die unterschiedlichsten Gruppen – Intellektuelle, Händler, Arbeiter und Menschen unterschiedlicher Ideologien (Oppositionelle) sehr schnell, um zunächst gemeinsame Ziele durchzusetzen. Informationen jeder Art werden in Windeseile und oft aus dem Augenblick heraus durch Handies mit Foto und Videofunktion sofort (ebenfalls vom Handy aus) in die Welt geschickt. Dies gilt zunehmend von ganz unterschiedlichen oppositionellen Gruppen, weshalb auch innerhalb der Social Networks zunehmend "Krieg" zwischen einzelnen Gruppen, anstatt einheitlicher gezielter Opposition stattfindet.  Was dann nach dem Erreichen irgendwelcher Ziele folgt, ist ein anderes Kapitel und reduziert die Möglichkeiten von „Facebook“ etc. wieder auf die real bestehenden lokalen Machtstrukturen. Diese können durch die sozialen Netzwerke zwar auch später noch beeinflusst werden, dies hängt jedoch, wie die Beispiele von China, Nordkorea oder im nahen Osten zeigen, von den besonderen Gegebenheiten der etablierten Machtstrukturen ab.

 

Die in sozialen Netzwerken innewohnenden Potenziale sind weder im positiven noch negativen Sinn ausgereizt – diese Medien bestehen allerdings auch erst seit kurzer Zeit. Die kulturtragenden Folgen werden sich jedoch – ebenfalls im positiven und negativen Sinn – wesentlich schneller einstellen, als jene nach der Erfindung des Buchdrucks.

 

 

(20.6.2013, redigierte Fassung der Erstfassung in "startblatt.net", 2011)

 

__________________

 

1 Das Studium eines Chemikers war in Österreich bis 1972 an der philosophischen Fakultät angesiedelt, dementsprechend mussten ca. 6 Semester Vorlesungen über Psychologie und Philosophie gehört werden und vor der Promotion ein Rigorosum über die Pflichtfächer der experimentellen Psychologie, Grundlagen der Wissenschaftslehre und Logik, sowie bei Naturwissenschaftlern zusätzlich über berufsnützliche Schwerpunktthemen des zukünftigen Beruf abgelegt werden. Diese betrafen in meinem Fall die Vorsokratische Philosophie, Gruppendynamik und  deren Abgrenzungen zur Massenpsychologie, sowie das Studium einiger Schlüsselwerke zu diesen Themen. Auch wenn dies für das Schlussrigorosum viele zusätzliche Monate intensives Studiums nach der chemischen Doktorarbeit bedeutete, habe ich das nie bereut und mich (vermutlich deswegen auch später) mit Themen der Philosophie und Psychologie beschäftigt. Nach meiner Pensionierung hatte ich die feste Absicht, das Thema „Massenpsychologie“ sozusagen „fortzuschreiben“, da mich das 1960 von Elias Canetti veröffentlichte zentrale Werk „Masse und Macht“, das ich erst in den 70-iger Jahren las, nie wirklich überzeugt hatte. Die Gruppendynamik Hofstätters erwies sich in meinem Beruf ohnehin als Vorteil. Elias Canetti (ebenfalls promovierter Chemiker, jedoch bekanntlich in anderer Hinsicht bekannt geworden) hatte sich u.a. etwa 30 Jahre mit dem Thema der Massenpsychologie befasst – soviel Zeit konnte ich nicht aufbringen, zudem merkte ich bald, dass ein derartiges Werk heute nur mit Co-Autoren und - was den modernen Fachliteraturbetrieb betrifft, nur in allerkürzester Zeit realisierbar ist. Inzwischen wurde, wie im Beitrag erwähnt, ein neues Kapitel der Massenpsychologie durch Social Networks anlässlich der Revolutionen in Tunesien, Ägypten, Syrien und zuletzt der Türkei  aufgeschlagen, was mich jetzt zu dieser Kurzfassung veranlasste.

 

2 Psychologie des foules, Paris 1895, bzw. Psychologie der Massen, dt. v. Rudolf Eisler, Kröner, Stuttgart 2008,ISBN 978-3-520-71101-4

 

3 Peter. R. Hofstätter war von 1937 bis 1943 Wehrpsychologe der Heerestruppen und vertrat dabei die nationalsozialistische Rassenlehre. Im Anschluss arbeitete er im Reichsjustizministerium. Ungeachtet seiner Vergangenheit erhielt er 1945 einen Lehrauftrag an der Universität Graz, 1949 bis 1956 lehrte er als Dozent in den USA.

 

4 Peter R. Hofstätter: “Gruppendynamik. Kritik der Massenpsychologie”, Hamburg: Rowohlt, 1957, ISBN 3499550385

(Lesenwert ist auch heute noch Hofstätters “Sozialpsychologie”, Sammlung Göschen, Band 104/104a, Verlag Walter de Gruyter & Co, 1956, weil das Werk ein wissenschaftliches Kompendium ohne ideologische Merkmale darstellt, die manchen moderneren Schriften der Soziologie anhaftet)

 

5 Elias Canetti: “Masse und Macht”, Erstausgabe: Claasen, Hamburg 1960. Neuausgabe in: Werke Bd. 10. Hanser, München 1994. ISBN 3-446-17019-7.

 

6“Canetti besitzt einen variablen Erzählerstandpunkt. Er sitzt nicht auf dem Analytikerstuhl, sondern will in der Masse aufgehen, um eigene Erfahrungen zu sammeln. Er teilt nicht die negativen Betrachtungsweisen von Le Bon und Freud. Die von ihnen dargestellte Regression des Verstandes auf das Niveau von Wilden (Le Bon) ist für Canetti kein Argument gegen die Masse, sondern ein Erkenntnismittel, mit welchem er sich anhand einzelner Mythen von Naturvölkern einen weiteren Zugang zur Masse eröffnet. Im Eintritt in eine Masse sieht Canetti einen Zustand der Befreiung von den Ich-Grenzen, den er nicht verurteilt, sondern als anthropologischen Trieb versteht”. (Wikipedia)

 

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