Napoleon

 

 

 

Anonymus: Kolorierte Radierung auf Papier 1814, Stiftung Stadtmuseum Berlin

 

 

 

Es gibt nur die Realität der Gegenwart, weil diejenige der Vergangenheit allenfalls in der eigenen Erinnerung – oder schlimmer noch, nur in den Erinnerungen anderer existiert. Was nützen da Geschichtsbücher in denen über Napoleon berichtet wird. Trotzdem interessierte sich mein Psychiater nur für die Zeit als ich mich noch für Napoleon Bonaparte hielt, eine Phase, die ich gottlob überwunden hatte. Meine gegenwärtige Realität kannte er nicht und interessierte sich auch nicht dafür – vielleicht weil ich ihm zu ähnlich war und weil er sich schämte, mir so ähnlich zu sein und zudem Geld für seine Analyse in Rechnung stellen würde - also dafür, dass er sich in mir selbst erkannte. Ich versuchte, den Spieß umzudrehen und fragte ihn, ob er sich noch an die Schlacht von Austerlitz erinnerte. Seine Miene hellte sich auf und er sagte, dass er sich stets mit Stolz an seinen Erfolg gegen die Österreicher erinnere. Dann blätterte er kurz in seinem gedanklichen Lehrbuch der Psychiatrie, zog sein Scheckbuch und trug eine stattliche Summe ein. Er übergab mir den Scheck mit der Bemerkung, ich habe ihm sehr geholfen, seinen „blinden Fleck“ als Psychiater zu erkennen und bat mich, die Summe als Honorar dafür anzunehmen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und bedankte mich mit den Worten: „Merci mon General“.

 

 

(1.4.2013)

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