Stadtleben I – Leben in, mit und zwischen Architektur und warum

 

London (wo sonst?) - © Foto Alfred Rhomberg

 

 

Jede größere Stadt besteht aus Architektur und je älter eine Stadt ist, desto mehr muss sie sich durch Architektur einen modernen Touch gefallen lassen.

 

Wo früher Herrscher herrschten und sich in der Architektur ihrer Zeit sonnten, herrschen heute Bürgermeister die sich in moderner Architektur sonnen wollen und Denkmalämter, welche den Flickerlteppich vergangener Zeiten zwar versuchen, einigermaßen zusammen zu halten – aber es sind eben nur Menschen in den Denkmalämtern und Menschen irren sich bekanntlich oder werden von der Politik oder Lobbyisten (Lobyistinnen klänge hier irgendwie ungewohnt) gezwungen, sich zu irren.

 

Nach dem Krieg, als viele Städte Deutschlands einem nicht aufgeräumten Erdboden glichen, hatten die Städte naturgemäß kein Geld und so wurde unter Aufwendung aller spärlichen Mittel und Fantasielosigkeit eine Gleichheit aller Städte erreicht, die einen noch bis vor kurzem zwang, nach dem Aussteigen aus einem Zug, irgendeinen Passanten zu fragen, ob man sich tatsächlich in der richtigen Stadt befindet. Heute ist das anders – es gibt keine spärlichen Mittel mehr, vielmehr sind fast alle Städte (nicht nur in Deutschland) pleite bzw. hochverschuldet, was sie aber nicht daran hindert, sich durch teure Architektur weltbekannter Architekten ein eigenständisches, unverwechselbares Flair zu verschaffen. Unverwechselbar ist ein Flair dann, wenn gute Architektur nicht auf dem Reißbrett oder im Computer bleibt, sondern in bereits vorhandene Strukturen unsachgemäß eingeklemmt wird. Nachdem gute Architektur aus Glas und Beton besteht, werden zukünftige Denkmalämter allerdings kaum Mitleid haben, die vermutlich in 100 Jahren bereits kranken Gebäude durch noch spektakulärere „gute“ Architektur zu ersetzen. Heute versteht frau/man unter guter Architektur meist entweder schiefe, in sich verdrillte – auf jeden Fall sehr hohe Bauwerke. Da dieser Hang zur Monstrosität in allen Städten gleich ist – es sind ja fast immer auch die gleichen Architekten – werden alle Städte (mit wenigen Ausnahmen) noch verwechselbarer, als sie dies ohnehin schon waren – und weil es ein zusätzliches Muss ist, dass jede Stadt gegenüber einer anderen Stadt über ein noch mindestens 5 cm höheres Bauwerk verfügt, müsste frau/man also vielleicht nachmessen, in welcher Stadt frau/man sich gerade befindet.

 

Alexander – derzeit arbeitslos, hatte sich früher, als er noch Finanzberatungsgenie (also vor der Krise) war, in einem solchen modernen Hochhausungetümsbau eingemietet. Da inzwischen viele Mitbewohner arbeitslos geworden waren, mussten sie ihre Wohnungen aus Kostengründen verlassen – Wohnungen, die dann umgehend in Büroflächen umgewandelt wurden. Dies ließ das Mietniveau naturgemäß weiter steigen, weil „freischaffende Büroflächen“ von der Steuer abgesetzt werden können. Arbeitslose können nichts von der Steuer absetzen, schon weil sie in der Regel gar keine Steuern zahlen müssen. Warum hatte sich Alexander in seinen besseren Jahren auf ein schon damals riskantes finanzielles Abenteuer eingelassen? Aus dem gleichen Grund, warum sich hochverschuldete Städte auf das Abenteuer stets noch ausgefallenerer Bauwerke einlassen – Prestige!

 

Das Wort Prestige ist eng mit dem Wort „Status“ verbunden – es wird dadurch demonstriert, dass frau/man sich etwas leistet, was sich andere nicht leisten können, weil sie verschuldungsunwürdig sind. Gelegentlich steht das Wort auch mit dem Begriff „Leumund“ in Zusammenhang – aber da alle Städte hochverschuldet sind, braucht sich keine Stadt wegen ihres „schlechten Leumunds“ zu schämen – ein schlechter Leumund wird sozusagen zum eigentlichen und einzigen Statussymbol moderner Städte (sich zu schämen wäre absolut zeit-ungemäß). Wer lebt schon gern in einer Stadt ohne schlechten Leumund? Hinterwäldler, die in provinziellen Kleinstädten ohne Schulden, ohne Architektur und ohne Prestige leben. Daher ist es kein Wunder, das große Städte immer noch größer werden und sich ihr Schuldenberg weiter anhäuft.

 

Aus diesem Grund war auch Kati als Journalistin, Alexanders Nach-Exfreundin aus Unterplötzenbach weggezogen und hatte ihren Job im „Unterplötzenbacher Generalanzeiger“ hingeworfen und in einem kleinen Kulturblatt einer Großstadt angeheuert. Kultur ist immer gefragt – ganz besonders in hochverschuldeten Städten – quasi um durch besonders hohe Kulturkosten von der übrigen Hochverschuldung abzulenken. Bei „Kultur“ zu sparen, wäre ein politisch unkluger Schachzug jeder Regierung.

 

Schulden sind das eigentliche Prestige unserer Zeit

 

Das war in manchen Königs- oder Fürstenhäusern zwar auch im Mittelalter schon so – FürstIn, KönigIn oder Kardinal (ohne „in“) bauten hochverschuldet und ließen sich das fehlende Geld eben durch reiche Patrizierfamilien wie die Fugger bezahlen, die ihr Geld wegen der damit verbundenen Lebensgefahr nicht zurückverlangten, sondern in Form von Silberschürfrechten (wie z.B. in Tirol) wesentlich renditeträchtiger zurück erhielten. Frühere fürstliche BauherrInnen (oder wäre hier statt „Innen“ das Wort Baufrauen besser?) dachten dabei immer auch fürsorglich an zukünftige Denkmalämter und deren MitarbeiterInnen – was hätten die Denkmalämter heute sonst schon zu schützen?

 

Kati schrieb ein e-mail an Alexander:

lb. alex – lade dich heute in unser gutes 4 Haubenlokal ein – kann es mir zwar nicht leisten, muss aber durch kreditaufnahme meinen guten leumund pflegen. Kati

und Alexander schrieb sehr schnell zurück:

lb. kati – danke für die einladung, ich würde mir schlecht vorkommen, deinem guten leumund nicht dienlich zu sein. alex

So lebt frau/man heute kreditwürdig oder unwürdig in, mit und zwischen Architektur – nur das „warum“ bleibt nach wie vor fragwürdig.

 

(2.7.2014)

 

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