alt sein

 

 

Handstudie (Distorsion) - (c) Alfred Rhomberg

 

Ab wann ist ein Mensch alt? Diese Frage ist schwerer zu beantworten als die Frage des „Jungseins“: jung sein beginnt mit der Geburt (oder medizinisch gesehen nach der erfolgreichen Befruchtung, wenn der haploide Chromosomensatz zu einem diploiden verschmilzt). Alt sein endet mit dem Tode – aber wann fängt „alt sein“ wirklich an? Die Schwierigkeit einer Antwort liegt daran, dass es nicht parallel verlaufende Fortschritte des Alters - des physischen und des geistigen/psychischen Alterungsprozesses gibt. Jeder kennt 45-Jährige die alt erscheinen und sehr alte Menschen, die anscheinend jung geblieben sind. Wir verbinden mit dem Altersbegriff normalerweise meist das geistige Alter, weil der physische Altersprozess nicht immer offen zu Tage tritt, das geistige Altern jedoch – ohne Arzt zu sein – oft leicht erkennbar ist. Dieser Beitrag beschränkt sich nur auf das geistige Altern.

 

Das deutlichste Zeichen des Alterns – Vergesslichkeit und Demenzerscheinungen als krankhafte Prozesse ausgenommen – ist die Unfähigkeit, sich mit den Veränderungen der Welt auseinander zu setzen und ich benütze dabei nicht das Wort „abzufinden“, denn auch jüngere Menschen sollten sich nicht mit allem abfinden, was in ihrer Welt geschieht. Das „Auseinandersetzen“ ist ein Reflexionsprozess, der vor allem nicht bei der Feststellung stehen bleibt, dass vieles „früher besser“ war – das wäre keine Reflexion, sondern nur das Abrufen von Erinnerungen. Zu Reflexionen werden abgerufene Erinnerungen erst dann, wenn sie mit neuen Entwicklungen/Erfahrungen abgeglichen werden und sich dadurch ein stets wandelndes Weltbild entwickelt. Wer bereits in jungen Jahren ein „festes Weltbild“ hat, kann noch so stolz darauf sein, sein Weltbild wird sich als schlecht überwindbares Hindernis allen neuen Entwicklungen entgegen stellen. Leben heißt „Veränderung“ – wer das nicht akzeptiert ist bereits alt (oder tot).

 

Welche Möglichkeiten haben wir, den geistigen Alterungsprozess aufzuhalten?

 

Die Möglichkeiten hängen nur bedingt von der geistigen Ausbildung ab, wer sein ganzes Leben Gespräche mit Menschen anderer Altersklassen sucht lernt, dass es alterspezifische Probleme gibt – das gilt für Jugendliche wie für PensionistInnen. Der ständige Dialog zwischen den Generationen ist besonders wichtig. Vor allem wird die ältere Generation damit konfrontiert, dass jüngere Generationen heute andere Probleme haben, als solche, die sie selbst aus ihrer Jugend kennen.

 

Häufig hört man die Ansicht, dass Reisen ein wichtiges Mittel sei, geistige Unbeweglichkeit abzuwehren. Es stimmt: Reisen bildet – aber nur diejenigen, die ihre geistige Nordkette (ich meine damit die hohe Bergkette bei Innsbruck) überwinden. Viele regelmäßige Mallorca-BesucherInnen lernen vielleicht ein bisschen Spanisch, streifen aber deutsche (oder andere nationale) Gepflogenheiten auch nach Jahren nicht ab. Tatsächlich ist das Erlernen der Landessprache die wichtigste Voraussetzung um mit der Bevölkerung eines Landes wirklich Kontakt zu haben und man lernt dadurch, dass es andere Lebensmodelle als die gewohnten gibt. Wer eine Reise im deutschen (oder anderen europäischen) Reisebüro bucht, in einem deutschen Hotel mit deutschsprachigen KellnerInnen wohnt und abends an einen deutschen „Stammtisch“ mit Bekannten feiert, wird Mallorca nie wirklich kennen lernen. Ägyptenreisende wissen meist nicht viel mehr, als das was in den Kunstbüchern steht und dass Kairo riesig und schmutzig ist.

 

Ein anderes Beispiel: der Computer

 

Nicht wenige meiner Bekannten hatten am Ende ihres Berufes gerade noch Berührung mit diesen „Blechtrotteln“, wie PC’s von älteren Leuten gerne genannt werden. Wer so denkt ist bereits alt, denn sie/er hat nicht erkannt, welche Möglichkeiten der Kommunikation (die oft im Alter stark abnimmt) tatsächlich stecken. Zwar hatte nicht jeder die Chance des Autors, bereits ab 1976 mit dem Computer konfrontiert worden zu als es noch keine Betriebssysteme oder Programme gab und das Erlernen von Programmiersprachen daher selbstverständlich war. Einer/Einem 65-Jährigen würde ich jedoch dringend den Rat geben, sich schnellstmöglich mit diesem Gerät und dem Internet vertraut zu machen. In meinem Bekanntenkreis kenne ich einige über 75 jährige, die ohne Besuch eines Kurses, sich die erforderlichen Fähigkeiten völlig selbständig und meisterhaft angeeignet haben. Der Umgang mit dem PC ist im Alter fast ebenso so wichtig wie während der Berufszeit. Der Autor tauscht fast täglich per e-mail Erfahrungen mit seinen seit Jahrzehnten in den USA lebenden Freunden aus -  dadurch bleibt nicht nur die Freundschaft erhalten, auch die Realitäten der USA, bzw. wie diese privat wahrgenommen werden, sind wichtige Fakten, denn wirtschaftliche und politische Meinungen differieren oft stark von der Berichterstattung unserer Medien. Mit meinen früheren MitarbeiterInnen in Deutschland habe ich auch nach Jahren regelmäßig Kontakt, nachdem persönliche Kontakte kaum mehr möglich sind und Briefkontakte im allgemeinen nach einer gewissen Zeit „einschlafen“. Das e-mail ist eine spontane Kommunikationsmöglichkeit, weil es so einfach ist, auf ein mail sofort zu antworten. Skype erlaubt es, über das Internet in der ganzen Welt gratis zu telefonieren und sogar Telefonkontakte am Festnetz oder Mobiltelefone sind zu äußerst niedrigen Gebühren (2 Cents pro Minute nach USA) mit Skype möglich. Zusätzlich kann man mit Skype und anderen ähnlichen Systemen mittels einer am Computer angebrachten Camera sein Gegenüber und dessen Umgebung zu sehen und so mit seinen Freunden und Verwandten auch im Ausland direkt kommunizieren. Darüberhinaus muss jedEr im Alter mit Hör- oder Sehschwierigkeiten rechnen. Allein die Möglichkeit, Schriften am Computer beliebig vergrößern zu können ist im Alter oft wichtiger als man denkt. Ferner gibt es inzwischen recht gute Softwares, mit Hilfe derer es möglich ist, Texte in den Computer zu diktieren oder sich bereits vorhandene Texte durch eine angenehme Stimme vorlesen zu lassen (z.B. hat die Firma Linguatec auf diesem Gebiet große Fortschritte gemacht). Der Wissenszuwachs durch das Lesen von online-Ausgaben guter Printmedien (Die Zeit, FAZ, NZZ u. viele andere) oder das schnelle Nachschlagen in der Wikipedia-Enzyklopedie bzw. alle Google Suchen erweitern den geistigen Horizont. Wer diese Möglichkeiten des Internets nützt, kann sich dem geistigen Alterungsprozess lange entziehen.

 

Hobbies

 

Hobbies sind keine Spielerei – sie gehören zu dem was unser Leben infolge einer zunehmend menschenfeindlicheren Berufsarbeit lebenswert macht. Mit der Ausübung von Hobbies sollte jedoch nicht erst nach der Pensionierung begonnen werden, die Basis für anspruchsvolle Hobbies kann nicht frühzeitig genug vorbereitet werden. Einige benützen die Freizeit nach ihrer Pensionierung durch Extremsporte wie extremes Mountainbiking oder schwierige Hochgebirgstouren – so etwas ist für viele über 70-jährige besonders in Tirol keineswegs unüblich, irgendwann lassen jedoch die Kräfte nach, die Unfallhäufigkeit steigt und da altersgemäße Hobbies oft nie gepflegt wurden, bleibt die Unzufriedenheit über die eigenen Fähigkeiten bzw. Unfähigkeiten.

 

FACIT: Alt sein bzw. älter werden ist ein Prozess, dem niemand entkommt und dessen unabdingbare Realität frühzeitig erkannt und akzeptiert werden muss. Alt sein bedeutet nicht „dahinzusiechen“ sondern, sich den Möglichkeiten entsprechend (wenn keine Demenz vorliegt), mit den stetigen Veränderungen unsere Welt auseinanderzusetzen.

 

(2010, redigiert 2016)

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