sophisticated

 

 


sophisticated - (c) Alfred Rhomberg

 

 

Sie sah ihn wortlos fragend an. Wortlose Fragen sind am schwersten zu beantworten, weil die Worte gedanklich wohl eingebettet, der sophistischen Redekunst bedürfen, also Worte sind, die nicht nur antworten, sondern auch überreden können(1). Und weil hinter ihrer wortlosen Frage vermutlich Gedanken standen, die er nicht kannte, versuchte er, wortlos zu antworten. Doch auch seine wortlosen Antworten hätten einer Art gestiver Rhetorik bedurft und nicht nur irgendwelcher Gedankenworte, die sie nicht verstehen würde. Wozu wurden Worte erfunden, wenn die daraus entstehenden Fragen nichts beantworten können, also nichts bewirken. Während er darüber nachdachte, dachte sie darüber nach, warum er nicht antwortete und versuchte es mit einer weiteren wortlosen Frage, die ihn wiederum zwang, darüber nachzudenken, was sie wirklich meinte. Es ist nicht einfach, in die Gedanken des anderen einzudringen, vielleicht wurden die Worte deshalb erfunden dies zu erleichtern? Möglicherweise antwortet er nicht, weil er ihr nicht wehtun wollte und er dachte, dass ihre wortlose Frage ihm vielleicht wehtun könne und sie diese deshalb nicht in Worte kleidete und er nur deswegen nicht antwortete, weil er darüber nachdachte, was er antworten sollte, um ihr nicht wehzutun. Worte können so verletzend sein, dass es vieler Worte bedurft hätte, sie so zu wählen, nicht verletzlich zu sein – und selbst wenn dies gelänge, wären Worte kein getreues Abbild der Gedankenworte, die nur ihr oder ihm gehörten, um nicht zu sophistischer Rhetorik zu werden für die es bereits im Altertum Lehrbücher gab. Um wie viel schlechter würden seine Worte gelingen, ohne solche Bücher gelesen zu haben, welche andere mit Worten überreden wollen - also Worte dafür anzuwenden, um mit diesen gelesenen Worten andere zu betrügen. Andererseits – ohne Worte gäbe es keine Versprechen, keine Wahlreden, keine Gerichtsurteile und keine Literatur, wobei nur das letztere in einigen Fällen bedauerlich wäre – weil vielleicht auch Literatur nur der missglückte Versuch ist, Gedanken mitzuteilen, die ohnehin in jedem Gehirn schlafen und nur durch eben diese Literatur zu Worten werden, denen nichts anderes anhaftet, als Worte zu sein, zu denen wir selbst nicht fähig sind, d.h. Worte, die wenig über die UrheberInnen der Literatur aussagen, nur über das, was ohnehin selbstverständlich ist. Und dann der ernüchternde Gedanke, dass unsere Gedankenwelt genau genommen, nur durch Worte entsteht, die uns andere, weniger Wortlose vermittelt hatten, Gedankenworte, die genauso trügerisch sind, wie die daraus entstehenden Worte und Sätze.  

 

Und trotzdem schämte er sich, nicht wenigstens versucht zu haben, ihre wortlosen Fragen mit Worten zu beantworten – vielleicht wollte sie ja mit Worten betrogen werden und wartete nur darauf, ihn mit ihren dann vielleicht folgenden Worten gleichfalls zu betrügen, ohne sich eines Betrugs bewusst zu sein. Aber das hätte er dann nicht beweisen können und deshalb war es besser ihre wortlose Frage nicht zu beantworten, um das ohnehin schon schwierige Problem nicht weiter zu komplizieren.

 

Schweigen sei Gold, hatte er gelesen aber auch das ist nicht grundsätzlich mit Worten beweisbar, weil er dies ja nur irgendwo gelesen hatte und sich dessen bewusst war, dass alles Gelesene trügerisch sein kann, ebenso wie seine Gedankenworte, die aus dem Gelesenen entstanden waren.

 

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(1) Die altgriechischen Sophisten legitimierten die Überredung mit der Ansicht, dass eine Wahrheit nicht existiere oder wenn, sie nicht erkennbar sei.

 

(19.5.2013)


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