Die Selbstverwirklichung

 
 
Phantasie ? - © Alfred Rhomberg

 

 

Josef hatte das dringende Bedürfnis, sich selbst zu verwirklichen, mit dem Ziel „das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen“ – wie Oscar Wilde das so einfach formuliert - oder noch einfacher: eine möglichst umfassende Ausschöpfung seiner gegebenen individuellen Möglichkeiten und Talente zu bewirken. Das konnte doch nicht so schwer sein – alle anderen taten das ja auch. Selbstverwirklichung ist modern, nur schienen die Methoden der Selbstverwirklichung recht unterschiedlich zu sein, denn jeder seiner Freunde versuchte es nach einem anderen Buch – Bücher gibt es ja in Hülle und Fülle hierfür. Einige besuchten sogar sogenannte Selbsthilfeseminare oder schlossen sich irgend welchen merkwürdig anmutenden Gruppen oder Sekten an. Bevor Josef sich tiefer mit dem Problem beschäftigte, schloss er solche gemeinsamen Gruppenanstrengungen zur Selbstverwirklichung für sich selbst aus, denn wie kann man sein individuelles Selbst finden, wenn allen Seminar- oder Gruppenteilnehmern ein vom Leiter der Gruppe vorgegebenes „Selbst“ antrainiert wird.

 

Josef kannte die in ihm steckenden Talente nicht so genau und alle durchzuprobieren, dazu fehlte ihm die Zeit und Lust – das Einzige was er definitiv wusste, dass er nicht das Talent hatte, den Nanga Parbat zu besteigen. Überhaupt schien ihm die Ausschlussmethode ein geeignetes Mittel zu sein, um Ordnung in den Dschungel seiner möglichen Talente zu bringen. Würde er z.B. das Talent eines Opernsängers haben? Eine kurze Stimmübung machte ihn sicher, dass dies nicht der Fall war und hierfür auch jegliche Schulung versagen würde. Natürlich hatte Josef auch das Internet durchkämmt, um Hinweise zur Selbstverwirklichung zu erhalten. Tatsächlich stieß er auf unzählige Methoden, z.B. auf das Angebot eines Selbstverwirklichungstrainings XXL – sogar mit Zertifikat nach erfolgreichem Besuch des Trainingsseminars. Hier war es offenbar dem Erfinder dieses Seminars gelungen, sein eigenes Talent zu finden, wie man einfältigen Menschen das Geld aus der Tasche ziehen kann.

 

Josef kannte Freunde die sich durch Teddybärenbasteln oder durch Marathonläufe selbst verwirklichen wollten. Im ersten Fall war der jeweilige Stand der Selbstverwirklichung daraus ersichtlich, wie viele Teddybären bereits im Wohnzimmer des Freundes zu besichtigen waren, im anderen Fall war der Selbstverwirklichungsgrad am Zuwachs der Wadenmuskulatur erkennbar. Diese Art von Selbstverwirklichung wollte Josef nicht – er dachte eher an eine Art geistiger Selbstverwirklichung nach dem Freud’schen Motto: „Wer mehr weiß, dem fällt mehr ein“. Das hieße also, dass Josef sich jetzt intensiv mit allen möglichen Wissenszweigen würde beschäftigen müssen – ein fast unvorstellbares Vorhaben, das er sofort wieder verwarf - denn was hätte er von diesem Lernaufwand am Ende seines Lebens, wenn er erst dann wissen würde, wie er sich hätte selbst verwirklichen können?

 

Zur Klärung der Dinge trank Josef zunächst einmal mehrere Gläser Rotwein und zwischendurch noch einige Obstler, dann war sein Selbstgefühl so weit gestärkt, dass er glaubte, jegliche Selbstverwirklichungs-Anstrengungen seien für ihn überflüssig, zumal die Kraft des Weines so viele Abgründe in ihm offenbarten, die es nun wirklich nicht wert waren weiter zu entfaltet zu werden.

 

(23.7.2014)

 

 

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