Meinung statt Wissen – eine Demokratie- und Medienanalyse
 

Lizenzfreie veränderte Grafik - Alfred Rhomberg

 

 

Unser tägliches Leben wird in erster Linie von Meinungen und nur wenig von „Wissen“ bestimmt. Das war wohl von jeher so, nur sind unsere modernen Medien wesentlich daran beteiligt, dass Meinungen heute sehr viel rascher verfestigt werden und dadurch schnell eine Art  "Wissenscharakter" annehmen. Gefördert wird dies dadurch, dass unsere Bildungssysteme den Menschen immer weniger anleiten, Probleme analytisch anzugehen, sondern gezielt Ausbildungswissen vermitteln, sodass die meisten nicht mehr zwischen Wissen, Vermutung und Meinung unterscheiden können.

 

Tatsächlich ist es nicht ganz einfach zwischen Meinung und Wissen zu unterscheiden – schon die alten griechischen Philosophen waren sich diesbezüglich nicht einig. Aus Fragmenten von Xenophanes (um 570-470 v.Chr.) geht hervor, dass endgültige Wahrheit (Erkenntnis/Wissen) nur den „Göttern“ zugänglich sei. Da Xenophanes nicht an göttliche Offenbarung glaubte, entsprach „Meinung“ nur einer bloßen Annäherung an die Wahrheit („Scheinwissen“).

 

Parmenides (um 520-460/455 v.Chr.) vertrat dagegen die Ansicht, dass Erkenntnis/Wissen ausschließlich durch Denken erlangt werden könne.

 

Sokrates und Platon unterschieden zusätzlich zwischen Vermutungen und Glauben, weil Meinungen Reaktionen auf veränderliche, sinnlich wahrgenommene Dinge und daher kein Wissen im engen Sinn sind.

 

In späterer Zeit war die christliche Kirche bestrebt, Glaubensmeinungen dogmatisch als Wissen darzustellen, bis die Aufklärung versuchte, den Menschen wieder „mündiger“ zu machen. So schreibt Immanuel Kant 1784 (1):

 

 „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen…“(1)

 

Nun – der Mensch hat sich durch seine modernen Kommunikationsmedien in eine neue Unmündigkeit begeben. Zwar wird die Bedeutung von Social Networks damit gerechtfertigt, dass sie eine neue Dimension von Demokratie ermöglichen - wenn jemand (oft stimmungsbedingt) eine bestimmte Meinung zu irgend einem Ereignis ohne wissenschaftliche Begründung „ins Netz stellt“, wird er in unglaublich kurzer Zeit genügend Netzteilnehmer finden, die seine Meinung teilen, andererseits wird es ebenso schnell auch zahlreiche Gegner dieser Meinung geben. Da alle diese Meinungen fast immer ohne wissenschaftliche Kenntnis/Begründung publiziert werden entsteht eine Art "Pseudodemokratie" der Meinungen.

 

Das Wesen aller Demokratien beruht auf Meinungen

 

Die unterschiedlichen Formen von Demokratie sollen hier nicht diskutiert werden, wir kennen den Unterschied zwischen „echten“ Demokratien und solchen, bei denen Machthaber Wahlen in pseudodemokratischer Form unter Ausschaltung oder Behinderung oppositioneller Gruppen (wie z.B in Nordkorea) nur zu gut. Leider beruhen auch unsere "echten" Demokratien auf Meinungsabfragen mit Bilanzierung der einzelnen unterschiedlichen Meinungen und praktisch nie auf echtem Wissen. Das gilt im Prinzip für alle Demokratien, also auch bei solchen, die unserem Demokratiebegriff nicht entsprechen und in denen Meinungen von Diktatoren einschließlich Gegenmeinungen quasi vorgegeben werden. 

 

Schon beim Wahlkampf werden die BürgerInnen nicht mit Wissen über die Dinge konfrontiert, sondern mit Meinungen einzelner Parteigruppierungen und Ideologien, die ihrerseits aus Popularitätsgründen wiederum auf Meinungen von BürgerInnen beruhen. Nach den Wahlen können wir dann im Parlament verärgert zuschauen, wie uneffektiv der Schlagabtausch mit oft sehr undifferenzierten Meinungen stattfindet (vox populi).

 

Anm.: Dass das gesamte Wahlgeschehen, aber auch viele andere Dinge des täglichen Lebens auf Meinungen beruhen, wird durch die große Bedeutung der „Meinungsforscher“ und „Meinungsumfragen etc. deutlich. Auch das Wort „Meinungsaustausch“ ist sehr beliebt – oft endet ein Meinungsaustausch jedoch nach dem Motto des langjährigen russischen Außenministers Andrej Gromyko:

 

„Ein Meinungsaustausch ist, wenn ein Beamter mit seiner Meinung zu seinem Vorgesetzten geht und mit dessen Meinung zurückkommt“

 

Selbst in den „ernsten“ Wissenschaften wie der Physik und insbesondere in der Astrophysik, gibt es zu grundlegenden Dingen kein Wissen im Sinne eines Parmenides, anstatt dessen oft recht unterschiedliche (wenn auch mathematisch untermauerte) Hypothesen zu den Grundlagen unseres Universums, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Wenn solche Hypothesen, bei denen meist angegeben wird, auf welchen Voraussetzungen sie beruhen, dann empirisch bewiesen werden können, gelangen wir zu Theorien, die ihrerseits nach einem kritisch-rationalen Ansatz u.a. von Karl Popper nicht Bestand haben, weil das Problem der „Falsifikation“ bzw. der Leugnung der philisophischen Methode der „Induktion“ besteht (2).

 

Und wie ist das wenn alle, wirklich alle, einer Meinung wären (was utopisch ist), würde sich dann diese Meinung in einem Annäherungsprozess nicht dem Begriff „Wissen“ nähern?

 

Nein – dann gälte der Satz von Bertrand Russel:

 

“Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben“.

 

 

(20.6.2014)

 

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(1) Kant: AA VIII, Beantwortung der Frage: Was ist ... , Seite 035

 

(2) Popper kam zu der Auffassung, dass Induktion nicht existiert. Er stellte fest, dass die Annahme, dass es induktiv bestätigende Beobachtungen gäbe, die konträre Beobachtungen ausschließen oder unwahrscheinlich machen, deduktiv zu Widersprüchen führt. Nach Popper können sich Theorien nur bewähren, nicht aber wahrscheinlich gemacht oder als wahr erwiesen werden. Induktion existiert für ihn aber nicht nur für diese Anwendungsfälle nicht, sondern sie existiert überhaupt nicht, auch nicht als Mittel zur Hypothesenbildung (nicht wörtliches Zitat aus der Wikipedia-Enzykopädie).

 

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