Ins Bodenlose…

 

 

Der Apotheker von Ampurias auf der Suche nach dem absoluten Nichts - Salvador Dali (1936)

 

 

Einer meiner Freunde wollte die Gießkanne erfinden – hundertmal hatte ich versucht, es ihm auszureden – es half nichts. Dieser praktische Gegenstand wurde daher eben zum zweiten Mal erfunden und es gelang nicht, die erste Erfindung der Gießkanne eines völlig unbekannten Erfinders auf dem Rechtsweg annulieren zu lassen. Dann wollte mein Freund Russland entdecken – das konnte ich ihm durch stichhaltige Gründe gottlob ausreden, ich empfahl ihm jedoch, er solle stattdessen lieber geistiges Neuland betreten, was ihm schließlich auch gelang, indem er die Undekanophonie erfand. Diese Erfindung war zwar kein wirklicher Geistesblitz, da es ja die Dodekanophonie bereits gab, welche als Zwölftonmusik auch heute noch manche Menschen, jedoch auch sensible Katzen verschreckt – immerhin war es Neuland das er betrat. Die Undecanophonie meines Freundes bestand – genauer gesagt – nur aus der Idee, einen einzigen Ton der bereits von Arnold Schönberg entdeckten Zwölftonmusik (auch diese Musikform war bereits ein Jahr früher von einem anderen Musiker erfunden worden) zu entfernen. Leider konnte er sich nicht entschließen, welchen Ton er aus der Zwölftonscala eliminieren sollte – es gab ja definitionsgemäß zwölf Töne und jeder Ton war für sich allein betrachtet, meinem Freund gleich lieb und wertvoll.

 

Auf die Dauer würde seinen Erfindungen auf diese Weise kein Erfolg beschieden sein! Ich riet ihm daher, eine Erfinderschule zu besuchen – für alles gibt es ja heutzutage Schulen oder zumindest Seminare. Als er mich fragte, ob ich eine geeignete Schule wüsste, musste ich zunächst passen, sodass ich eine Google Recherche zu Rate zog. Hier bot sich zunächst eine Erfinderschule im Rahmen einer deutschen Universität gleich mehrmals an, die sich als einzige Erfinderschule Europas bezeichnet. Leider gab es außer dieser einzigen Schule auch noch einige andere Erfinderschulen, sodass die Entscheidung schwer fiel, sich zwischen der einzigen und den anderen, nicht einzigen Erfinderschulen zu entscheiden. Da die Aufnahmekapazität der einzigen Erfinderschule auch nur bei 30 – 40 Studenten lag und mein Freund sich schämte, wesentlich jüngeren Studenten die Chance, etwas zu erfinden, wegzunehmen, inskribierte er bei einer der anderen, nicht einzigen Erfinderschulen, was sich leider nachträglich als Fehlentscheidung erwies. Mein Freund kam zunächst nach jeder Vorlesungsstunde mit einer stattlichen Anzahl neuer, wenn auch kleinerer Projekte hochmotiviert nach Hause – bei der Realisierung dieser Projekte sank dann meist ein Teil seiner Motivationsbereitschaft und machte einem, bei ihm bisher nicht gekannten Realitätssinn Platz. So sollte er z.B. ein Handy erfinden, mit dem man nicht nur fernsehen, radiohören, mp3-Musik abspielen und im Internet surfen, sondern sogar richtig telefonieren konnte. Es mag sein, dass es so etwas schon einmal gegeben hatte, manchmal müssen vom Markt verschwundene Dinge einfach von Zeit zu Zeit neu erfunden werden! Seine nächste Aufgabe war es, ameisenlose Ameisenhaufen zu erfinden – das war eine relativ einfache Aufgabe – etwas Insektengift genügte. Wozu man solche ameisenlose Ameisenhaufen brauchte, war mir zwar nicht ganz klar – es waren ja auch nur „Übungsarbeiten“ für Anfänger – oft hatte es sich in der Vergangenheit allerdings herausgestellt, dass die eigentliche Bedeutung einer Erfindung erst viel später erkannt wurde. Langsam steigerte sich der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben, so war es zum Beispiel keine leichte Aufgabe, eine Vorrichtung zu erfinden, mit welcher man das Übermaß der aus einer Zahnpastatube herausgedrückten Zahnpasta wieder in die Tube zurück befördern konnte. Bei diesem Problem wollte mein Freund bereits das Handtuch werfen, ich konnte ihn jedoch dahingehend beeinflussen, noch etwas durchzuhalten. Völlig verließ ihn dann sein Erfinder- und Lebenswille, als er ein Loch erfinden musste, das weder von irgendeinem bestimmten Material ummantelt sein durfte und das zusätzlich weder Ränder noch einen Boden haben sollte – also das berühmte Fass ohne Boden oder besser: die Suche nach dem absoluten Nichts, was aber wegen der zusätzlich geforderten Eigenschaften eine vielleicht doch zu schwierige Aufgabe war. Zwar hatte er das Problem der Bodenlosigkeit bereits gelöst (ich weiß nicht wie), die zusätzliche Bedingung der nicht vorhandenen Ränder machten ihn jedoch von Tag zu Tag depressiver. Eines Tages stand er verzweifelt am immer noch vorhandenen Rand seines inzwischen bodenlosen Loches und eh ich mich versah, stürzte er sich in seine halbangefangene Erfindung ins absolute Nichts. Aufgrund der bereits realisierten Bodenlosigkeit habe ich nie wieder etwas von ihm gehört.

 

Er hätte eben doch die einzige Erfinderschule Europas besuchen sollen, in der die Studenten nicht derartig überfordert werden.

 

 

(2011)

 

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