Der rote Tisch

 

 

Roter Tisch in der Landschaft - (c) Alfred Rhomberg

 

 

In der Landschaft steht ein roter Tisch, er wurde sicher schon lange nicht mehr benützt, denn es gibt keine Stühle dazu und er steht auch schon etwas verschwommen in der weiten Landschaft. Ich benütze ihn, ich brauche dazu keine Stühle - wo steht geschrieben, dass man bei der Verwendung eines Tisches Stühle benützen muss – außerdem, welche Farbe sollten solche Stühle haben? – ich bin ein Ästhet. Zu „rot“ passt keine Farbe außer rot – aber das wäre langweilig, grün, gelb, blau, braun, schwarz, weiß sind unmöglich, wobei schwarz oder weiß eigentlich keine Farben sind – sie passen trotzdem nicht zu einem roten Tisch. Ein mit Juwelen geschmückter Kardinal oder Kaiser in roter Robe würde dazu passen, aber ich habe gerade keine Kardinäle oder Kaiser zur Hand. Ich packe meine Jause/das Neunerl/Marend/Brotzeit, kurz: etwas zum Essen und Trinken aus - der Umstand, dass diese Dinge von mir aufgegessen bzw. ausgetrunken werden, macht eine vorübergehende farbliche Störung des Gesamtbildes vertretbar, auch wenn ich beim Auspacken und Eingießen meines Rotweines – zu jeder Marend gehört ein Glas Rotwein – feststelle, dass die Farbe des Weines absolut nicht zur Farbe des Tisches passt. Ich muss ihn daher schnell austrinken, ich hätte Weißwein mitnehmen sollen, in manchen Gegenden ist am Vormittag sowieso nur Weißwein erlaubt, aber ich bin im Augenblick gerade in keiner solchen Gegend – daher austrinken (ich bin ein Ästhet)!

 

Nachdem ich ein Glas Rotwein getrunken hatte, stelle ich fest, dass ich hinsichtlich der Farben ein wenig toleranter werde und trinke gleich ein weiteres Glas. Meine Toleranz steigt – also noch ein Glas! Ja – es wirkt, ich werde toleranter und mein Ästhetizismus schwindet langsam, nach dem dritten Glas bin ich so tolerant, dass ich sogar einen violetten oder rosafarbenen Stuhl neben dem roten Tisch dulden würde. Das bringt mich auf eine Idee:

Bevor ich das nächste Mal in die Stadt fahre und mir das für einen Ästheten schwer erträgliche, gräuliche Gewirr schlecht angezogener Frauen und Männer ansehen muss – gelbe T-Shirts zu zerbeulten roten Jeans mit einem Hosenbodenschnitt, der bis in die Kniekehlen reicht oder Damen, die zu grüngefärbten Haaren, ein rotes oder schwarzes T-Shirt zu zerknitterten rosafarbenen Jeans und Schuhe/Stiefeletten, die man früher allenfalls im Rotlichtmilieu fand, tragen – dann trinke ich vor diesem Wagnis drei Gläser Wein und denke an den roten Tisch.

 

Wenn sich die Mode weiter in diese Richtung entwickelt, werden drei Gläser Wein nicht mehr ausreichen – ich verstehe jetzt, warum sich der Alkoholismus so ausbreitet – es sind alles ehemalige ÄsthetInnen!

 

(2011) 

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