Tod der Phantasie - das Leben mit der Blackbox – eine Kritik

 
Blackbox - © Alfred Rhomberg

 

Unter einer „Blackbox“ versteht man ein technisches Gerät, das so kompliziert ist, dass nur noch Spezialisten dessen Inhalt und Funktionsweise kennen. Unsere Umgebung besteht zunehmend aus solchen Blackboxen und im Gegensatz zu früher genügt höhere Schulbildung nicht mehr, um die selbstverständlichen Dinge zu verstehen, mit denen wir täglich umgehen.

 

Noch vor 40 Jahren wussten Absolventen höherer Schulen, wie ein Radio, ein Sender oder ein Grammophon funktionierte, weil die Schulen das Grundwissen hierzu vermittelten. Einen MP3-Player oder ein satellitengesteuertes Navigationssystem braucht man nicht mehr zu verstehen, solche Geräte werden in wenigen Jahren durch andere, kompliziertere Blackboxen ersetzt, ebenso wie modernes naturwissenschaftliches Wissen einem schnellen Abnützungseffekt unterliegt. Schüler, die vor etwa 25 Jahren ein deutsches Gymnasium besuchten, haben die Grundbegriffe der Chemie, Physik und Biologie nur noch mangelhaft gelernt – damals begann der „Entrümpelungsprozess“ in deutschen Schulen. Danach mussten die SchülerInnen die Molecular Orbital Theory, neue Erkenntnisse der Teilchenphysik und den biochemischen Zitronensäure Zyklus auswendig zu Lasten eines soliden Basiswissens lernen.

 

Was passiert beim Öffnen einer Blackbox?

 

Beim Öffnen einer Blackbox stößt man auf weitere Blackboxen, die ihrerseits wieder Blackboxen enthalten. Der Umgang mit technischen Geräten beschränkt sich immer mehr auf deren Anwendung. Ist das so schlimm? Genügt es nicht, dass die Industrie uns ständig mit neuen Geräten versorgt, deren Anwendung oft zwar nicht ganz einfach ist, von denen man aber doch glaubt, sie zu brauchen? Die Industrie hat uns zu Technokraten erzogen, indem sie versucht, uns von der Qualität ihrer Produkte durch technische Abkürzungen zu überzeugen, die kaum jemand versteht und die sich fast jährlich ändern. Verstehen braucht man die neuen Produkte nicht mehr – sie sollen funktionieren und gekauft werden. Garantieleistungen von zwei Jahren sorgen für den Ersatz nicht mehr funktionsfähiger Geräte - spätere Reparaturdienste sind so teuer, dass ein Neukauf fast immer der bessere Weg ist, um wieder ein funktionstüchtiges Gerät mit dem letzten technischen Stand zu besitzen.

 

Der Tod der Phantasie

 

Unsere „Blackboxenwelt“ hat einen schwerwiegenden Nachteil: sie erzieht zu Ideenarmut bzw. Phantasielosigkeit. Zwei Beispiele genügen, um aufzuzeigen was damit gemeint ist: Die technischen Grundlagen für den Rundfunk wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert von Nicola Tesla geschaffen. In den nachfolgenden Jahrzehnten wurden für den Rundfunk wichtige Erfindungen oft von Amateur-Erfindern wie Thomas A. Edison gemacht. Telefon, Verstärker, Röhrensender, Mikrofone und Tonaufzeichnungsgeräte sind so entstanden. Der Rundfunk wurde ganz wesentlich von zahllosen Kurzwellenamateuren, die ihre Sender und Empfänger selbst bauten, weiterentwickelt. Die Basis dafür war der Naturwissenschaftsunterricht der Gymnasien und Realschulen. Heute ist der Kurzwellenamateurfunk nur noch eine Art Brauchtumspflege, der Satellitenfunk hat diese Technik weitgehend ersetzt. Ein zweites Beispiel ist die Navigationstechnik. Orientierten sich Seefahrer früher in erster Linie nach den Sternen und Sternbildern, was letztlich zur Erfindung der Trigonometrie und von Sextanten führte, so hat heute schon fast jeder Autofahrer ein Navigationssystem, das ebenfalls von einem „Stern“, nämlich einem Funksatelliten gesteuert wird. Der Unterschied zu früher ist, dass kaum jemand mit „nur“ höherer Schulbildung die Funktionsweise dieser komplizierten Navigationssysteme kennt - ein Amateur hat keine Chance mehr, sich an der Weiterentwicklung solcher Systeme zu beteiligen. Die beiden Beispiele mögen genügen, um zu verdeutlichen, dass die Benutzer moderner Technik vom Entwicklungsprozess neuer Techniken praktisch ausgeschlossen sind und dieser nur noch von einseitig ausgebildeten Spezialisten weiter betrieben wird. Spezialisten verdienen ihr Geld aber nicht damit, originellen Gedanken und Erfindungen nachzugehen, sondern bereits vorhandene technische Ansätze zu verbessern, anstatt zu versuchen, Probleme durch völlig neue Wege zu lösen. Die Verbesserung bereits vorgegebener Lösungsansätze führt jedoch fast immer nur dazu, vorhandene Blackboxen mit weiteren – leicht veränderten – Blackboxen zu füllen, die ähnlich funktionieren - ein bisschen schneller, raffinierter, besser(?), billiger und vor allem komplizierter sind.

 

Die Gefahr des Computers und der Automatisierung

 

Der Autor des Beitrags möchte den Computer heute nicht mehr missen, er erkannte dessen Gefahren allerdings schon während seiner Berufszeit sehr bewusst, als Datenbanken, Rechenprogramme und Textverarbeitung die Arbeitswelt ab ca. 1975 auch in der chemischen Forschungswelt zu verändern begannen(1).

 

Die eigentliche Gefahr des Computers und der daraus resultierenden Automatisierung fast aller Arbeitsbereiche ist es, kognitive und kreative Fähigkeiten zu verlieren, weil frau/man sich auf den Computer oder Automaten verlässt.

 

Abgesehen von der kreativen Arbeit von Wissenschaftlern, Architekten oder im Medizinberuf darf die Frage gestellt werden, ob die Vollautomatisierung des Cockpits in Flugzeugen bei den Piloten nicht das Gefühl für das „Fliegen“ auf Dauer beeinträchtigt. Ebenso kritisch sind die jetzt vorgestellten elektrischen vollautomatisierten Autos zu beurteilen, bei denen die Funktion des Fahrers immer mehr eingeschränkt ist und bei neuen Vorzeigmodellen sogar völlig wegfällt. Das Gefühl für schwierige Straßenverhältnisse geht dabei verloren. 

 

Bildungswesen

 

Die größte Gefahr geht von den „Schulversuchen“ im Bildungswesen aus. Allein in Österreich gab es 2013 ca. 8000 Schulversuche an 300 Standorten, von denen keiner der Versuche evaluiert wurde, nicht einmal die zentralen bereits eingeführten Versuche zur „Neuen Mitteschule“ versus früherer Gymnasialtypen wurden bisher evaluiert (dies wäre in der kurzen Zeit auch gar nicht möglich gewesen), also sollte man mit einer verbindlichen Einführung noch ziemlich lange warten.

 

Und schon gibt es (ebenfalls in Österreich) Diskussionen darüber, die Schreibschrift überhaupt abzuschaffen, weil die Computertastatur – noch dazu mit automatischer Orthographieprüfung durch die Textverarbeitungsprogramme den SchülerInnen mehr Zeit für „wichtigere Arbeiten“ ließe(2).

 

Hier werden gefährliche Vorstellungen angedacht: Erstens sind die damit angedachten Bildungsziele mehr als fragwürdig und zweitens wird die „Tastatur“ bereits vielfach durch Touchscreens ersetzt. Der nächste Schritt wäre das heute bereits mögliche Diktieren in den Computer und die automatische Umwandlung in einen geschriebenen Text. Ob Computer in 10 bis 20 Jahren nicht völlig anders funktionieren, daran denkt man in bildungspolitischen Kreisen nicht, offenbar auch nicht daran, dass das Delegieren zeichnerischer Fähigkeiten, des Rechnens und Schreibens an den Computer zu Menschen führt, deren Fantasie immer mehr verkümmert. Dies wird im privaten Bereich zusätzlich durch das unverzichtbare Handy (Smartphone) weiter gefördert.

 

FACIT: Wir leben in einer Blackbox – Universum genannt – die irgendwie funktioniert, ohne dass wir wissen, wie sie funktioniert und deren Gesetze wir akzeptieren müssen. Wir überlassen solche Fragen den praxisorientierten Experten, weil unsere Schulen und Universitäten uns nicht mehr dazu erziehen, über den Tellerrand zu blicken und eigene Fragen nach dem Sinn der Dinge zu stellen. Wer nicht mehr nach dem Sinn der Dinge fragt, ist jeder beliebigen Ideologie ausgeliefert.

 

(30.1.2015)

 

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(1) Als die ersten Datenbanken für chemische Strukturen verfügbar waren (ca. 1980) war die Versuchung groß, nach Patentlücken bereits vorhandener Grundstrukturen zu suchen, um verbesserte Pharmaka zu entwickeln, wobei das Nachdenken über grundsätzlich neue pharmakologische oder biochemische Ansätze etwas in den Hintergrund trat. Diese Zeit ist heute weitgehend überwunden, allerdings kommen wirklich neue Ideen oft aus den USA oder Cambridge(UK).

 

2)  Nur weil es „positive“ Erfahrungen mit dem Verlassen der Schreibschrift in einigen Schulen Finnlands oder den USA gibt, sollte dies nicht falsch bewertet werden, weil auch hier die Erfahrungen noch sehr kurz sind. Dann müsste man sich auch Länder wie China oder Japan zum Vorbild nehmen, in denen der hierzulande so verpönte Frontalunterricht Gang und Gäbe ist, diese Länder aber trotzdem beim PISA-Test weit über dem OECD-Durchschnitt liegen.

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