Die Suche nach einem ganz normalen Etwas

 


Maja - (c) Alfred Rhomberg

 

 

Ich ging im Walde 
So für mich hin…
(soweit stimmte ich mit Goethe überein)

Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn…

 

Hier hörte die Übereinstimmung auf - ich suchte nämlich nach einem ganz normalen Etwas – d.h. wenn ich gewusst hätte, wie ein ganz normales Etwas aussieht. Leider weiß das nur mein Unterbewusstsein und selbst wenn ich es wüsste, heißt das noch nicht, dass ich es auch finden würde. Mein Unterbewusstsein zu fragen wäre sinnlos, zumal dieses in der modernen Psychologie in “Unbewusstsein” umgetauft wurde und dadurch noch unzugänglicher geworden ist. Also musste ich meine Phantasie zu Rate ziehen.

 

Die Phantasie hatte offenbar nicht ihren besten Tag, denn sie antwortete nur lakonisch: „du musst halt deine Phantasie bemühen!“. „Ja bist du denn nicht meine Phantasie?“. Meine Phantasie dachte kurz nach und antwortete: „stimmt, das hatte ich im Augenblick ganz vergessen – aber wenn du mich so fragst, möchte ich dir folgenden Rat geben: stell dir einfach vor, wie dein ganz normales Etwas aussehen soll und suche dann gezielt danach!“.

 

Aufgrund dieser einfältigen Antwort beschloss ich, mir eine andere, bessere Phantasie anzuschaffen – aber wie? Etwa durch ein Inserat: Suche hochqualifizierte Phantasie mit langjähriger Berufserfahrung? Oder durch eine Internetanfrage nach dem Muster „Hallo Leute – kann mir jemand eine brauchbare Phantasie empfehlen?“ Besser nicht!

 

Also beschloss ich, doch noch einmal über den Rat meiner Phantasie nachzudenken. Zur Sicherheit wollte ich es mir jedoch zunächst etwas einfacher machen und stellte mir einen Baum vor – und siehe da, der Baum stand im Wald direkt vor mir. Vom Erfolg beflügelt stellte ich mir eine Raststätte im Wald vor – nach wenigen Minuten Wanderns stieß ich auf eine angenehme Raststätte und ließ es mir aufgrund meiner Anfangserfolge erst einmal bei einer herrlichen Nachmittagsjause mit zwei Viertel Rotwein gut gehen.

 

Nach dem Verlassen der Raststätte wollte ich jetzt aufs Ganze gehen und stellte mir ein ganz normales Etwas solange vor, bis dieses sich umrissweise andeutete. Ich war mir allerdings nicht ganz sicher, ob ich mir das richtige vorgestellt hatte, denn die Umrisse nahmen immer mehr die Form einer jüngeren Frau an – bis diese plötzlich leibhaftig vor mir stand und mich fragte, ob ich sie eine Wegstrecke begleiten würde, der Wald wäre ihr unheimlich. Wer zögert da schon lange, ich erklärte ihr nur kurz, dass ich eigentlich nach einem ganz normalen Etwas suchte. Die Frau blickte mich mit ihren hübschen Augen an und fragte: „Bin ich denn kein normales Etwas?“ – „Hm – wenn ich es recht bedenke sind Sie wirklich kein ganz normales, sondern eher ein ganz besonderes Etwas“. Sie lächelte und sagte: “Ich weiß, dass du mich suchst!”

 

Ich beschloss, meiner Phantasie diesmal noch nicht den Laufpass zu geben.

 

(Version 24.5.2013)

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