Erinnerungen an Maja

 

Erinnerungen an Maja - (c) Alfred Rhomberg

 

Wer war Maja? Ich weiß es nicht, aber der Name spukte seit Tagen in meinem Gehirn herum und es gelang mir nicht, mich an Maja zu erinnern. Eine Jugendfreundin oder gar Geliebte konnte es nicht sein, dazu war die Zahl solcher Freundinnen in meinem Leben viel zu gering - ich würde mich daran erinnern. Auch das Kinderbuch „Biene Maja“ kam nicht in Frage (ich interessierte mich mehr für die Abenteuer des Tom Sawyer, Mark Twain) – ich fand einfach keinen Grund dafür, dass mir der Name Maja nicht mehr aus dem Kopf ging. Noch darf ich von mir behaupten, ein gutes Gedächtnis zu besitzen – was sich ja sehr schnell ändern kann - gerade deswegen war es so beunruhigend, mich an nichts erinnern zu können, das mit „Maja“ in irgendeinem Zusammenhang stehen konnte. Ich hatte mich auch nie mit den Mayas (diesmal mit y geschrieben) besonders beschäftigt – es war zum verrückt werden. Als ich mich einige Tage vergeblich bemüht hatte, mich an Maja zu erinnern und es mir wohl nie gelingen würde, Maja einfach aus meinem Gedächtnis zu verdrängen, beschloss ich zum Angriff gegen mein Gedächtnis überzugehen und Maja ganz einfach zu erfinden und zwar in der Art und Weise wie ich auch früher in meinem Beruf an ungelöste Probleme heranging um sie einer Lösung zuzuführen. Ein Chemiker hat am Anfang ja auch nicht mehr in den Händen als die Vorstellung, eine bestimmte chemische Verbindung zu erfinden und wenn ihm das gelungen war, diese eventuell zu patentieren - d.h. an eine Patentierung dachte ich im speziellen Fall zunächst nicht, weil es nach geltendem Patentrecht noch nicht möglich ist, fiktive, also ausgedachte Personen zum Patent anzumelden. Es hatte lange genug gebraucht, wirklich vorhandene gentechnisch manipulierte Mäuse oder geklonte Dollyschafe zum Patent anzumelden - und ich wollte ja nur eine fiktive Figur erfinden.

Vor jeder Erfindung steht eine langwierige Literaturrecherche in Bibliotheken, was ich mir jetzt ersparen konnte – in google findet man viel, wenn man richtig sucht - und ob alles immer stimmt, war bei meinen früheren Recherchen in Bibliotheken auch nie ganz sicher.

Nun, ich fand bei der Eingabe von „Maja“ in die Suchzeile von Google sofort 397 Millionen Antworten, die ich natürlich nur stichprobenweise überprüfen konnte. Viele Antworten waren allerdings identisch, so stieß ich immer wieder auf die „nackte Maja“ vom berühmten Maler Goya gemalt und erfuhr zum ersten Mal, dass Goya auch - sozusagen als Pendant - die gleiche Frau in der gleichen Pose als "Maja vestido" (also angezogene Maja) gemalt hatte, die beide im Prado in Madrid hängen. Ich möchte aber nicht abschweifen.

Wer etwas erfindet, hat zu Beginn sehr viel Freiheit, eine Erfindung zu gestalten, daher machte ich mir gewisse Vorgaben:

Etwas der Biene Maja Vergleichbares wollte ich nicht erfinden, es sollte schon eine Frau sein. Nackt brauchte sie auch nicht zu sein, das würde in meinem Gehirn vielleicht zu unvorhergesehenen Komplikationen bzw. unerwünschten Assoziationen führen. Auch die Haarfarbe und Hautfarbe war mir egal (ich war ja kein Rassist). Sie sollte hübsch bis schön sein, lieb, damenhaft und eventuell etwas erotische Ausstrahlung haben (Art Deco?) – und intelligent sollte sie auch sein (auf ihre Gesichtszüge wollte ich mich zunächst noch nicht festlegen),  reich brauchte sie dagegen nicht zu sein, es sollte ja nur eine fiktive, ausgedachte Maja werden – und was finge ich mit einem fiktiven nur ausgedachten Reichtum an. Weltanschaulich wünschte ich mir sie eher etwas konservativ – Kommunistin durfte sie auf keinen Fall sein, dazu kannte ich den Kommunismus aus meiner Jugend zu gut und ich wollte auf keinen Fall, dass sie als Volkseigentum allen gehörte. Insgesamt hatte ich mir also eine sehr schwierige Aufgabe gestellt, war aber zuversichtlich diese lösen zu können – ich konnte bisher fast alle mir gestellten Aufgaben irgendwie lösen.

So wie es für den Nichtchemiker langweilig wäre, genaue Beschreibungen zu lesen, wie ich chemische Problem löse, will ich den Leser auch nicht mit Details des mühevollen, aber letztlich gelungenen Maja-Projekt langweilen.

Es ist eine Eigenart von mir, dass mich gelöste Probleme anschließend nicht mehr interessieren und so schien das Problem Maja endgültig (?) nach meinem Erfolg erledigt. Wenn ich jetzt gelegentlich an Maja dachte, so verbanden mich die Synapsen meines Gehirns sofort mit der „künstlichen“ Erinnerung an die selbst erfundene Maja. Schließlich werden ja auch andere Gedächtnisinhalte im Laufe eines Lebens oft so verfälscht, dass sie mit der Realität nichts mehr zu tun haben und es erhebt sich neuerlich die oft gestellte Frage, ob es Realität überhaupt gibt, denn jede Gegenwart wird sofort zur Vergangenheit.  

Das ging einige Wochen gut, bis mich auf der Straße eine junge hübsche Frau ansprach. Ich muss sehr erschrocken ausgesehen haben – jedenfalls sagte sie zu mir: “Erkennst Du mich denn nicht mehr – ich bin doch Maja!“

Ich war richtig froh, dass ich bei den Vorgaben meiner Erfindung so anspruchvoll gewesen war – die junge Frau entsprach genau meiner gedanklichen Vorstellung und wurde zur Gegenwart.

 

(12.10. 2012) 

 

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