Wird heute zu voreilig publiziert? – Eine Wissenschaftskritik

 

 

 

 

Neutrinos sind doch nicht schneller als Licht (wie zunächst publiziert) – der nachfolgende Bericht hätte an sich wohl nur für Teilchenphysiker Bedeutung, dass sich die „Igler Reflexe“ des Themas annehmen, liegt an dem für wissenschaftliche Publikationen heute üblich gewordenen, medialen Publikationsstil, der in allen Wissenschaften zu beobachten ist.

 

Zur Zeit meines Studiums 1954-1963 und in den nachfolgenden Jahren wurde großer Wert auf die „Richtigkeit“ wissenschaftlicher Publikationen gelegt. Alle renommierten Fachzeitschriften prüften – wenn auch nicht die wissenschaftlichen Inhalte, so doch die Glaubwürdigkeit von Publikationen. In den folgenden Jahrzehnten meines Berufslebens in der Forschung nahm diese kritische Haltung zunehmend ab. Es begann mit den Tetrahedron Letters (ein Schwester-Fachjournal der seriösen Fachzeitschrift Tetrahedron). In den Tetrahedron Letters konnten auch weitgehend ungeprüfte „Entdeckungen“ publiziert werden, weil sich die Wissenschaftler dadurch vor Patentierungen Dritter wegen Vorpublikation schützen konnten. Später kam es auch in dem als „absolut seriös“ geltenden Fachjournal „Nature“ gelegentlich zu Publikationen, bei denen WissenschaftlerInnen die Köpfe über die Sorglosigkeit mancher Veröffentlichungen in „Nature“ schüttelten. Heute wundert sich niemand mehr – dazu ist die Flut an wissenschaftlichen Veröffentlichungen einfach zu groß.

 

Wird zu voreilig publiziert?

 

Diese Frage muss eindeutig mit „ja“ beantwortet werden. Besonders im Bereich der Medizin und Humangenetik werden heute in angesehenen online Wissenschaftsjournalen Arbeiten publiziert, die nicht anders als „Absichtserklärungen“ bezeichnet werden können. Dabei werden Vorversuche an Zellen oder an Mäusen veröffentlicht, vorschnell theoretisch untermauert und meist mit dem Satz versehen: „wenn sich die Versuche in weiteren Experimenten bestätigen, könnte dies zu interessanten Therapieansätzen führen…“

Alle Forschungsexperimente sollten zu „interessanten“ Ergebnissen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen (im Falle der Medizin zu „Therapieansätzen“) führen, sonst wären die dafür aufgewendeten Finanzierungskosten vergeudete Steuergelder. Der Haken liegt nicht nur an der Leichtfertigkeit der WissenschaftlerInnen (die es zweifellos auch gibt), sondern an der Tatsache, dass Projekte nur dann finanziert werden, wenn möglichst viele „Papers“ (Publikationen) bei den zuständigen Stellen vorliegen, die über die Verteilung von Forschungsmitteln entscheiden und selbst oft keine Ahnung haben, über was sie entscheiden. Diese Praxis wurde von den USA übernommen – nur wird bei uns häufig übersehen, dass dem US-Steuerzahler wegen der hohen Studiengebühren damit kein Geld aus der Tasche gezogen wird. Studiengebührenfreie Universitäten der USA sind so restriktiv hinsichtlich der Qualität ihrer Dozenten und StudentInnen, dass der Steuerzahler nicht belastet wird.

 

Anm.: Die berühmte „Stanford University“ (Rang 2 der besten US-Universitäten) verlangt Studiengebühren seit 2008 erst ab 100.000 Dollar Familieneinkommen und war schon bei ihrer Gründung (1891) bahnbrechend für die Gleichbehandlung von weiblichen und männlichen Studenten, sowie für Religions- und Rassenunabhängigkeit. Die Stiftung verfügt über riesige Finanzmittel und ist ein Meister von Fundraising). Stanford University erhält durch dieses Fundraising Forschungsmittel, von denen unsere Universitäten nur träumen können.

 

Resumée: Als Wissenschaftsautor ärgere ich mich über die inflationäre Publikationsflut in allen Wissenschaften – ich kenne deren Ursachen, was das Problem nicht aus der Welt schafft.

 

(2012)

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