Die rote Bank und der Eiffelturm

 

 

Rote Bank - (c) Alfred Rhomberg

 

Gleich zu Beginn eines kreativen Erholungsspaziergangs sah die Phantasie eine rote Bank in der Landschaft einfach so herumstehen, die sie einlud sich hinzusetzen und in die Landschaft zu schauen. Das musste ganz einfach Konsequenzen haben, denn keine Phantasie würde einfach so dasitzen um eine sich vor ihr ausbreitende Bergwelt, im speziellen Fall die Serles und den Habicht(1), zu betrachten – das kann jeder. Sie fühlte sich förmlich verpflichtet, ihre Phantasieressourcen anzustrengen und z.B. zu versuchen, den Eiffelturm zu sehen. Dazu hätte sie sich als erstes die Serles und den Habicht, sowie einige größere Alpenmassive hinter diesen beiden Bergen wegdenken müssen und dann wäre da auch noch die Erdkrümmung gewesen, die etwas weggedacht bzw. eingeebnet werden musste, weil der Eiffelturm mit seiner armseligen Höhe von 324 m (einschließlich Fernsehantenne) sonst nicht sichtbar gewesen wäre. Es hätte vermutlich sogar noch weiterer Wegdenkungsprozesse bedurft, weil im Jahre 2010 das eher klägliche Wettergeschehen die Sicht möglicherweise verhindert haben könnte. Das alles zusammen traute sich die Phantasie im Augenblick nicht zu, schließlich hatte sie ja ihren Erholungsspaziergang erst begonnen, danach würde sie weiter sehen. Auf dem Rückweg fühlte sie sich inzwischen so gestärkt, dass sie zumindest einen Versuch wagen konnte. Sie setzte sich auf die Bank und hatte sofort einen Einfall, welcher die anstrengende Prozedur des Wegdenkens überflüssig machte, indem sie sich den Eiffelturm einfach in die Landschaft hineindachte. Einen 10.000 Tonnen schweren Turm irgendwo hineinzudenken ist zwar selbst für eine gut trainierte Phantasie kein Kinderspiel, jedoch erheblich einfacher als sich riesige Gebirgsmassive wegzudenken und Erdkrümmungen einzuebnen. Die Phantasie hatte sich kaum 5 Minuten auf die rote Bank gesetzt, als sich bereits die ersten Umrisse des Eiffelturms kaum 200 Meter vor ihr auf einer Wiese aufbauten, sich langsam verdichteten und plötzlich da standen, als wäre der Turm von je her hier gestanden. Die Phantasie war sehr stolz und machte vorbeikommende Wanderer sofort auf ihr Werk aufmerksam. Die Wanderer stutzten – allerdings nicht deswegen, weil sie den Eiffelturm sahen, sondern weil sie keinen solchen Turm sahen. Sie begrüßten die Phantasie daher nur mitleidig lächelnd und gingen dann ihren Weg weiter. Die meisten Menschen haben eben keine Phantasie und sehen nur die Serles und den Habicht(1).

 

P.S. Die Phantasie hätte es bei dieser Feststellung belassen können, wollte es sich aber doch nicht so leicht machen. Seit diesem Erlebnis versucht sie (meist vergeblich) jungen WissenschaftlerInnen zu zeigen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse oft auf ganz unterschiedliche – manchmal sogar entgegen gesetzte Weise zustande kommen können als ursprünglich gedacht.

 


(1) Die Serles und der Habicht sind zwei „Hausberge“ in der Umgebung Innsbrucks und für diejenigen sichtbar, die auf dieser roten Bank am Viller Steigsitzen zwischen Vill und Igls sitzen, den Eiffelturm sehen allerdings die wenigsten Menschen – außer wenn sie direkt vor ihm in Paris stehen.

 

(Version 30.4.2012)
 

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