Wladiwostok II

 

Wladiwostok (Vladivastak) - © Wikipedia, Public Domain, {{PD-old-100}}, altes Bild ca. 1923

 

Wieder stieg ich (wie im ersten Beitrag „Wladiwostok“) in den erstbesten Schnellzug in Wien – ohne Fahrkarte ein, obwohl ich diesmal genau wusste, wohin ich reisen wollte: nach Wladiwostok! Ich hatte mir keine Fahrkarte gekauft, weil ich Wladiwostok im Fahrplan nicht fand und weil im Büro der Zugsauskunft zu viele Touristen auf irgendwelche Auskünfte warteten. Da die Auskunftsbeamten nicht japanisch beherrschten und die Japaner sich nicht wienerisch ausdrücken konnten, kam es daher zu Gebärdenakrobatik, die mich für kurze Zeit amüsierte, jedoch nach einer Stunde Wartens langweilte ("fadisierte"). Nachdem es im Wiener Hauptbahnhof auch keinerlei Hinweise zu Bahnsteigen für Züge nach Wladiwostok gab - für eine Weltstadt peinlich -  blieb mir eben nichts Anderes übrig, als den erstbesten Zug zu nehmen, weil ich hoffte, dass mir dort ein Fahrscheinkontrolleur weiterhelfen könnte – einen kleinen Aufpreis für die bisher gefahrene unbezahlte Strecke hätte ich in Kauf genommen. Leider hatte ich nicht damit gerechnet, dass seit meiner letzten, wenn auch in Krems endeten Wladiwostokfahrt im Oktober 2014, inzwischen auch in Österreich das Internetzeitalter ausgebrochen war und es nur noch selbstfahrende über das Internet gesteuerte Züge ohne Fahrscheinkontrolleure gab und, dass alle notwendigen Formalitäten nach Wladiwostok zu gelangen, gleichfalls im Internet hätten abgewickelt werden müssen. Dort hätte ich auch erfahren, dass es bei Reisen nach Russland dienlich ist, sich für einen geringen Aufpreis einer harmlosen Impfung zu unterziehen, die zwar nicht notwendig sei, man dafür jedoch bei Grenzübertritt nach Russland eine kleine Anstecknadel erhalte die eine wohlwohlende Solidarität mit dem russischen Volk bekunde, weshalb sie gerne gesehen wäre. Die Impfung sei tatsächlich völlig harmlos und weder für noch gegen etwas nützlich.

Bisher wusste ich über Wladiwostok nicht viel außer, dass es sehr weit entfernt war - mit der transsibirischen Eisenbahn sogar fast 9,3 Km weit von Moskau. Da sollte man schon etwas Verständnis dafür haben, dass Wladiwostok beim Wiener Hauptbahnhof nicht durch eigene Hinweisschilder an Bahnsteigen gekennzeichnet war. Ich saß jetzt ziemlich hilflos in einem Zug, von dem ich nicht einmal wusste wohin er letztlich fuhr und es gab auch keinen Herrn Novacek, der offenbar recht welterfahren war und von dem ich früher einmal sogar wichtige Tipps für meine Reise nach Honolulu erhielt. Ich hatte inzwischen einige kleine Bahnhöfe passiert, Passagiere stiegen ein, andere aus – ob sie alle ihre Internettickets hatten? Ich weiß es nicht – vorsichtshalber hatte ich mich mit niemandem darüber unterhalten. Langsam begann mir die Fahrt langweilig zu werden, mit jeder Station wurde der Wunsch, Wladiwostok zu erreichen geringer und ich war inzwischen erst kurz vor Krems angelangt. Was wollte ich eigentlich in Wladiwostok? Natürlich Wladiwostok kennen lernen – ich hatte mich allerdings nur in der Wikipedia-Enzyklopädie informiert und nach den relativ knappen Informationen den unbändigen Drang, mehr über die Stadt zu wissen. Im Zug hatte ich mit meinem Laptop nun die Gelegenheit weiter zu recherchieren und stieß auf eine Adresse (1):

Wladiwostok ist Russlands Vorposten am Pazifik

Von Barbara Schaefer | Veröffentlicht am 30.04.2016 | Lesedauer: 7 Minuten

 

Dieser Artikel änderte meinen Entschluss, die Stadt persönlich zu besuchen sofort. Es stand so viel Lesenswertes darin - auch, dass man die Stadt eigentlich gar nicht besuchen müsste (stand nicht wörtlich da, konnte man aber zwischen den Zeilen lesen: wenig Touristen, am ehesten Japaner - da haben wir in Wien mehr!), dass die wenigsten Russen die Stadt kennen und auch kaum besuchen und die Stadt schrumpft, weil die Einwohner lieber nach Moskau ziehen, sogar der Wodka sei in Moskau besser etc. etc. - und vor allen Dingen: Man braucht nur 7 Minuten(!) um den Artikel zu lesen!!!

 

Das Internet hat doch auch positive Seiten: ich konnte völlig kostenlos eine kleine Bahnfahrt machen und mich in 7 Minuten über Wladiwostok informieren. Ich beschloss in Krems auszusteigen, dort einige Gläser Grünen Veltliner zu trinken und kostenlos wieder nach Wien zurückzufahren. Wäre ich dabei erwischt worden, was wegen der Notwendigkeit, auch dafür ein Ticket im Internet zu kaufen, nicht wahrscheinlich war, hätte ich diesen relativ niedrigen Preis halt gezahlt – im Vergleich zum Fahrpreis nach Wladiwostok „peanuts“.

In Krems formulierte ich beim vierten Glas Veltliner wieder eine kleine Eintragung in mein Reisetagebuch:

Zweite Fahrt nach Wladiwostok am 30.9.2016 hat aufgrund glücklicher Umstände nicht stattgefunden, habe das W-Projekt endgültig aufgegeben.

Dazu vermerkte ich zwei passende Zitate:

„Am Ziel deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel“. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Und schließlich Johann Wolfgang von Goethe (der immer Recht hat):

„Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen“.

(30.9.2026)

(1)  https://www.welt.de/reise/staedtereisen/article154887118/Wladiwostok-ist-Russlands-Vorposten-am-Pazifik.html

Anm.: Ich hätte die Reise nach Wladiwostok viel früher machen sollen, als es noch so ähnlich wie auf dem Eingangsfoto aussah.

 

 

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