zuschlagen?

 

Gefährlich schwarzer Hund - © Foto Alfred Rhomberg

 

Die Welt war aus der Sicht Josefs hässlich geworden und jedes Mal wenn er aufwachte, war sie wieder etwas hässlicher, weil die täglichen unerfreulichen Morgennachrichten ständig weiteren Grund zur Verzweiflung gaben. Josef war an sich kein politischer Mensch, aber vielleicht machte ihn das Versagen der Politik auf allen Ebenen so melancholisch – eigentlich wollte er gar nicht aufstehen! BREXIT, GREXIT, ITALEXIT(?), ÖXIT(?) oder gar EUREXIT waren keineswegs harmlos, aber die Kriegsherde im Nahen Osten, in Afrika – und die vielen Flüchtlinge! Was sollte man dagegen schon machen – zuschlagen?

Wer zuschlägt muss damit rechnen, dass der Geschlagene zurückschlägt – das war  ein wesentlicher Aspekt, um auf Gewalttätigkeiten seinerseits zu verzichten. Die Dinge jedoch einfach so hinzunehmen, entsprach nicht Josefs Naturell – er musste irgendwie handeln – wenigstens ein bisschen!

Bis zum Mittagessen dachte er über die Art dieses „bisschen“ nach – sollte er Leserbriefe an renommierte Zeitungen schreiben? Briefe an Politikerinnen oder Politiker würden ja sicher nicht beantwortet – welcher Politiker antwortet schon einem einfachen unbekannten Josef! Oder Postings in Social Networks schreiben? So tief wollte Josef nun auch wieder nicht sinken. Zwar verbreiten sich solche Postings rasend schnell – fast wie Viren, ebenso virulent verbreiten sich aber auch Zustimmungs- oder Ablehnung-Postings nach dem Muster:

     „hallo hasst ja recht – waiter so“      oder:

     „hallo, gehörst du auch zu den ewig gestrigen – wir werden das schon endern, sieg heil !“

Beim Mittagessen in einem ihm bekannten Lokal besserte sich seine Laune zunehmend – gegen Zwetschgenknödel mit Schweinsbraten ließe sich allenfalls über die Kombination dieser Speisen diskutieren, durch ein paar Gläser eines guten Grünen Veltliners lassen sich viele solcher Probleme lösen, wenn auch keine der hohen Politik. Danach trank er noch einen guten „Obstler“ (nach Tiroler Brennrecht) und einen zweiten, weil er spürte, dass sich seine Laune besserte und gleich noch einen dritten, vierten und vielleicht auch noch ein paar weitere. Inzwischen hatte sich sein Selbstbewusstsein so weit gestärkt, dass er die oben erwähnte Idee des „Zuschlagens“ wieder in Betracht zog. Er zog seinen Mantel an und verließ etwas torkelnd das Lokal. Auf dem Heimweg begegnete ihm eine Gruppe von vermutlich „Identitären“ (was immer das auch ist!). Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wer als erstes zuschlug, jedenfalls wachte er in der Intensivstation eines Krankenhauses auf. Es hieß, man habe auf ihn eingeschlagen und ein gewisser Josef habe ihn vor den Schlägen der Jugendlichen gerettet und hier her einliefern lassen, die Polizei warte schon, um eventuelle Hinweise auf die Täter zu erhalten. Der durch die Umstände etwas verwirrte Josef konnte sich an nichts mehr erinnern, daher verweigerte er vorsichtshalber jede Aussage - aus Angst, sich möglicherweise selbst zu belasten.

Bei seiner Entlassung aus dem Spital übergab man ihm einen Abschluss-Patientenbefund, der etwa wie folgt lautete:

     "Der Patient, dessen Herkunft sich nicht völlig klären ließ, wurde wegen akuter Alkoholintoxikation in die Intensivstation eingeliefert. Da der Patient nach dem Aufwachen aus dem Koma sich selbst als "Josef" bezeichnet, ansonsten jedoch keinerlei lebensbedrohlichen Symptome aufwies, wurde er auf Grund dieser Symptomfreiheit als geheilt entlassen. Gezeichnet Dr. XY , diensthabender Arzt"

Beim genaueren Studium des Befundes wandelte sich dieser plötzlich in eine Gasthausrechnung und der diensthabende Arzt in einen ganz normalen Kellner um, der ihm empfahl, die Rechnung über eine Portion Zwetschgenknödel mit Schweinsbraten, 2 Viertel Grün-Veltliner und 17 Gläser Obstler zu bezahlen, da er vermutlich bereits alkoholisiert sei und er ihm keine weiteren Getränke mehr servieren dürfe.

Jetzt zuzuschlagen hätte nicht den Effekt gebracht, den er am Morgen nach dem Aufwachen zumindest angedacht hatte, zumal er wusste, dass es vor dem Lokal einen gefährlich schwarzen Hund gab.

(21.11.2016)

 

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