Was haben dumme Fragen mit dem Begriff „Sinn“ zu tun?

 

 

Fragezeichen - (c) Alfred Rhomberg

 

Ganz einfach – sinnvolle Frage fordern sinnvolle Antworten heraus, aber auch scheinbar dumme Fragen können zu sinnvollen Antworten führen.

“Fragen Sie nur, Sie wissen ja, es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten“. Einem Industriemanager, der die versammelte Führungsrunde mit solchen Worten ermuntert, eine unehrliche – weil von ihm diktierte und daher einseitige Diskussion, zu führen, sollte man eigentlich antworten: „Sagen Sie das nicht, ich könnte Ihnen eine ganze Reihe dummer Fragen stellen, z.B.: warum haben Sie nicht vor drei Jahren auf meinen Rat gehört, die Produktlinie YX einzuführen, dann brauchten Sie uns heute nicht zu erklären, dass es jetzt für diese Einführung zu spät sei“. Die ungnädige Reaktion des so Angesprochenen wäre zu verstehen gewesen, weil es keine „dumme“ Frage, sondern eine in Frageform verkleidete Anschuldigung gewesen wäre.

Wie dumm sind folgende Fragen?

Warum hat ein Quadrat vier Ecken? Warum ist ein Kreis rund? Solche Fragen scheinen dumm zu sein, die nächste Frage könnte dann lauten: warum ist es dumm, zu fragen, weshalb ein Quadrat vier Ecken hat? Die wichtigsten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse waren oft das Ergebnis von zunächst scheinbar dummen Fragen. Vermutlich hatte der Industriemanager recht und es gibt tatsächlich keine dummen, allenfalls sinnlose Fragen. Eine Sonderstellung sinnloser Fragen sind die sogenannten selbstbezüglichen (oft zirkulären) Fragen, wie z.B. die Frage, ob der allmächtige Gott einen Stein erzeugen kann, der so schwer ist, dass er ihn nicht selbst in die Luft werfen kann. Dieser Fragetyp entspricht den selbstbezüglichen Sätzen(1), die sich nur auf sich selbst beziehen und mit denen sich namhafte Philosophen bereits seit der Antike beschäftigt haben, wie das berühmte Lügner-Paradoxon zeigt, bei dem ein Kreter von sich behauptet, dass alle Kreter lügen. Ferner gibt es Fragen, die unsere Vorstellungskraft übersteigen, aber nicht ganz sinnlos sind, weil es oft zumindest mathematische Antworten gibt. Typisch hierfür ist die Frage: „Können Sie sich eine zwölfdimensionale Kugel vorstellen?“. Niemand kann sich das vorstellen, obwohl eine zwölfdimensionale Kugel berechenbar ist und deswegen zumindest einen mathematischen Sinn hat. Vorstellbar ist eine zwölfte Dimension nicht, weil wir uns nicht einmal eine vierte Dimension vorstellen können. Unser Sehen und Denken ist dreidimensional orientiert und schon die Reduktion um eine einzige Dimension macht vielen Menschen Schwierigkeiten, wenn es sich um Dinge handelt, die nicht ihrer Erfahrungswelt entsprechen. Zweidimensionale Fotografien oder Zeichnungen von bekannten Gegenständen (Personen, Bäume oder Häuser) kann fast jeder nachvollziehen, bei Bauzeichnungen ist dies schon etwas schwieriger und nur Baumeister und Architekten erkennen im zweidimensionalen Entwurf bereits das fertige, dreidimensionale Haus. Reduziert man unsere dreidimensionale Welt nicht nur um eine, sondern gar um zwei Dimensionen, so wird aus allen Gegenständen eine Gerade bzw. ein Strich – Häuser Lokomotiven und Menschen sind dann nur noch durch einen einfachen Strich darstellbar, der alles bedeuten kann, was selbst für ein (vermutlich nicht vorhandenes) eindimensionales Lebewesen keinerlei Sinn mehr ergäbe.

Beim Umgang mit Kindern hört man oft: „wer dumm fragt, erhält dumme Antworten“

Vermutlich können Kinder gar keine dummen Fragen stellen – selbst wenn es dumme Fragen wirklich gäbe, entweder wollen sie vom Erwachsenen tatsächlich etwas wissen, oder sie wollen provozieren. Kinder merken sehr schnell, wenn sie von Erwachsenen nicht ernst genommen werden und lassen die Erwachsenen dies durch „dumme Fragen“ auf sehr intelligente Weise wissen.

Für jedEn WissenschaftlerIn ist die „Frage“ das wichtigste Arbeitsmittel, daher hat die Unterscheidung zwischen sinnlosen, intelligenten und unbeantwortbaren Fragen eine besondere Bedeutung. Nur wer fragt, wird Antworten erhalten und wer die intelligentesten Fragen stellt, kommt am schnellsten zum Ziel. Ein Wissenschaftler muss sich stets davor hüten, eine Frage vorschnell als unbeantwortbar zu bezeichnen, denn eine Frage die heute nicht beantwortbar ist, kann vielleicht schon morgen beantwortet werden. Intelligente Fragen zu stellen, gilt in den Naturwissenschaften ganz besonders für das Experiment, weil jedes Experiment eine Frage an die Natur ist und die Natur antwortet nur demjenigen, der die Kunst des Fragens beherrscht. Vor dem Experiment steht die Beobachtungsgabe, weil nur derjenige nach etwas fragen kann, der vorher etwas Auffälliges beobachtet hat. Beobachtungsgabe ist das Resultat vieler bereits gestellter Fragen und Antworten und die dadurch erworbene Fähigkeit, zu erkennen, dass es sich bei einem Phänomen um etwas neues, bzw. ein bisher nicht erklärbares Phänomen handelt.

Als es noch keine Massenuniversitäten gab, kam es insbesondere in naturwissenschaftlichen Fächern nahezu täglich zu Diskussionen mit seinem „Doktorvater“. Alle Versuchsergebnisse wurden ausführlich besprochen und weitere Vorgangsweisen durch typische Fragen in sinnvolle Bahnen, z.B. nach dem folgenden Muster gelenkt:

„Was werden Sie jetzt tun?“ – wenn Ihr Experiment positiv verläuft, sind wir einen Schritt weiter, wenn nicht, wissen wir nichts – außer, dass es so nicht geht, wir müssten uns dann ein neues Experiment ausdenken. Überlegen wir uns doch gleich ein Experiment, das eine eindeutige Antwort liefert, egal wie das Ergebnis ausfällt“. StudentInnen wurden dadurch erzogen, Fragen so zu stellen, dass die Antwort ein klares „nein“ oder „ja“ herausforderte.

In den Massenuniversitäten unserer Zeit ist dieser intensive Kontakt zwischen StudentInnen und LehrerInnen nicht mehr möglich. Es wäre naiv, zu glauben, dass die Erhöhung der Anzahl an ProfessorInnen das Problem lösen könnte. Die Steigerung der Studentenzahl war (zunächst in Deutschland, heute auch in anderen Ländern) nur durch eine „inflationäre“ gymnasiale Ausbildung möglich, der dann eine ebenso inflationäre Universitätsausbildung folgte. Die an sich wünschenswerte Schaffung neuer Professorenstellen scheitert seither nicht nur aus budgetären Gründen, sondern auch an der Schwierigkeit, genügend geeignete ProfessorInnen zu finden, denn auch hier ist der inflationäre Ausbildungstrend nicht spurlos vorübergegangen.

 

Der fortschreitende Sprachverlust

Die Jahrzehnte nach 1968 haben in vielen Ländern zu einem Sprachverlust der Jugend geführt, der sich nahezu epidemisch auch auf die Erwachsenenwelt auswirkte. Wer seine Sprache nicht beherrscht, kann keine präzisen Fragen stellen. So darf es nicht wundern, wenn eine an sich unsinnige Frage z.B. „was ist besser – der christliche oder der islamische Glaube?“ von manchen Jugendlichen heute vielleicht so beantwortet würde: „irgendwie ist der Islam schon gut, weil er keinen Papst hat und überhaupt ganz anders ist oder so…“. Die Antwort könnte auch lauten: „irgendwie ist der islamische Glaube schon schlechter, weil alle Frauen verhüllt sind und alle nicht deutsch können und dann gibt es noch den Terrorismus, oder so…“. Das Sprachniveau pendelt sich immer mehr auf ein „irgendwie oder so“ ein und selbst Fernsehdiskussionen mit Fachleuten und PolitikerInnen scheitern oft an der mangelnden Fähigkeit der Beteiligten, intelligente Fragen zu stellen. bzw. gestellte Fragen zu erfassen und logisch beantworten zu können.

Bleibt zum Schluss die Frage zu klären, was Dummheit bedeutet

Von Dummheit spricht man, wenn jemand von der Ambivalenz der Dinge keine Ahnung hat. Ein dummer Mensch ist immer durch fehlendes Realitätsbewusstsein gekennzeichnet. Niemand wird dumm geboren, sondern dazu erzogen – das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die gesamte Gesellschaft. Die wesentlichen Kennzeichen von „Dummheit“ sind, dass Falsches und Richtiges, Nützliches und Unnützes, qualitativ Gutes und Schlechtes, Gefährliches und Ungefährliches den gleichen Stellenwert haben.

Immanuel Kant (1724-1804) hatte nach Meinung des Autors nur zum Teil recht, wenn er in seinem Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“ schreibt:

„Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen“

Dem Mangel an Urteilskraft wäre durch gute Schulen und gelegentlich unbequeme ErzieherInnen sehr wohl abzuhelfen.

Arthur Schopenhauer (1788-1860) sieht in der Dummheit die Stumpfheit in der Anwendung der Kausalität, insbesondere erkennt er darin die

„Unfähigkeit zur unmittelbaren Auffassung von Ursachen und Wirkung, Motiv und Handlung“

Diese Definition gilt besonders für unsere moderne Gesellschaft, sie ist jedoch nur die Beschreibung eines augenblicklichen Zustandes und gleicht insofern der ärztlichen Diagnose einer Krankheit, die eventuell auch geheilt werden kann. Die Unfähigkeit zur Erkennung von Ursache und Wirkung erfährt jedes Kind, wenn es sich an einer heißen Kochplatte verbrennt. Um den Zusammenhang von Sinn, Motiv und Handlung zu erkennen, bedarf es wieder besserer Schulen und sehr viele „dumme“ bzw. unbequeme Fragen und LehrerInnen, die solche Fragen nicht einfach abtun, sondern die Relation von Motiv, Handlung und Wirkung glaubhaft vermitteln können.

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(1) Selbstbezügliche Sätze beziehen sich nur auf sich selbst oder gelten nur in Zusammenhang mit einem weiteren Satz. Es handelt sich dabei oft um mehr oder weniger sinnlose Spielereien, die nie ganz ihren Reiz verlieren, weil sie zu Paradoxa führen können. Die Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaften“ widmete sich anfangs der 80-ger mit mehreren Artikeln dem Thema der Selbstbezüglichkeit. Typische Beispiele: „Dieser Satz ist falsch“ oder das Sätzepaar: „Der folgende Satz ist wahr. Der vorhergehende Satz ist nicht wahr“. In Programmiersprachen für Computer gab es mehr oder weniger sinnlose Analoga, wie z.B. das Programm: 10 goto 20, gefolgt von der Programmzeile 20 goto 10. Man sollte beim Thema der Selbstbezüglichkeit nicht übersehen, dass der Unvollständigkeitssatz des Mathematikers Kurt Gödel eine ähnliche Grundlage wie ein selbstbezüglicher Satz hat.

 

(2010)

 

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