Komm’ spiel mit mir…

 

 

 

Spiel - (c) Alfred Rhomberg

 

 

 

 

"Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des ‚Andersseins‘ als das gewöhnliche Leben". (HUIZINGA: 1938/1991, S. 37)

 

Das Zitat stammt aus dem Hauptwerk „Homo ludens“ des Kulturanthropologen Johan Huizinga (der auch das Schlüsselwerk „Herbst des Mittelalters“ geschrieben hat) und gilt als die derzeit beste Definition. Die Definition ist deswegen so treffend, weil darin alles gesagt ist, was Menschen zunehmend nicht mehr wahrhaben wollen: 1. Bindende Regeln, sowie 2. freiwillige Handlungen innerhalb eines festen Zeitraumes.

 

Was in dieser Definition nicht zum Ausdruck kommt ist der Unterschied des Spiels im Kindes- und im Jugendlichen- bzw. Erwachsenenalter. Während das Spiel des Kleinkindes ausschließlich als „Lernmethode“ aufgefasst werden muss und es daher eigentlich fast keine zeitliche Begrenzung geben darf, tritt mit zunehmendem Alter der Unterhaltungscharakter des Spiels in den Vordergrund. Diese Feststellung ist insofern wichtig, weil unsere Industriegesellschaft zunehmend zu einer „Spielgesellschaft“ wird, der das Gefühl für „Grenzen“ abhanden gekommen ist. Das beginnt mit Computerspielen und artet in „Glücksspiele“ (Lotto etc.), dem Spiel mit den Gefühlen anderer im täglichen Leben („wie viel kann ich meinen Mitarbeitern, meiner Partnerin, meinem Partner zumuten“) bis hin zum Spiel an den Börsen aus. Dass Sportarten wie Fußball, Eishockey oder Tennis längst nicht mehr nur „Spiele“ sind, wird von der Wirtschaft gnadenlos ausgenützt, denn was wäre ein Fußballspiel anderes als ein Spiel (für das Huizinga’s Definition gelten könnte), wenn dieses Spiel nicht zum Wirtschaftsfaktor und zum „Abreagieren von Nationalismen“ verkommen wäre.

 

Weil das Spiel auch im Wirtschaftsleben ein bedeutende Rolle „spielt“, wurde das Thema seit etwa 1970 intensiv mathematisch beforscht und führte 2005 sogar zu zwei Wirtschafts-Nobelpreisträgern – Robert Aumann und Thomas Shelling.

 

Die positiven Seiten des Spiels

 

Dass das Spiel für Kleinkinder die wichtigste Methode zum Erlernen abstrakten Denkens und zur Entfaltung von Fantasie (was kein Widerspruch ist) sowie des menschlichen Miteinanders (Spielregeln) ist, wurde eingangs bereits angedeutet. Für Erwachsene ist das Spiel ein wesentlicher Faktor der Kommunikation (Gesellschaftsspiele wie Bridge, Skat, Monopoly oder Canasta und last but not least erotische Spiele, etc.) dem nur durch das immer weitere Ausufern bestimmter Spielformen eine deutliche Grenze gesetzt wird.

 

Und das Negative am Spiel?

 

In unserer Zeit fallen zunehmend die negativen Seiten des Spiels auf:

 

  1. Computerspiele: diese waren zunächst noch interaktiv, wobei man mit einer/einem oft nicht bekannten Spielpartner oder einer Spielpartnerin spielte, inzwischen sind diese Spiele fast ausschließlich zu Spielen mit sich selbst, bzw. zum Spielen gegen einen vom Spiel vorgegebenen „Feind“ konzipiert. Der/die SpielerIn lernt nichts außer, dass die eigene Geschicklichkeit/ Brutalität den virtuellen Feind besiegen kann – jede Kommunikation (und sei sie nur mit einem Internetpartner) entfällt.

 

  1. Glücksspiele: diese gab es zwar immer, sie werden heute jedoch durch große Konzerne (nicht zuletzt Casinos Austria und Novomatic) zu einem Wirtschaftsfaktor, der nicht davor zurückschreckt, durch entsprechende Werbung Menschen zur Spielsucht zu verleiten („Gewinnen mit Klasse“, Jackpotwerbung, „alles ist möglich“, „reicher werden als reich“ etc.). Die Stadt Las Vegas in den USA ist zum Inbegriff des Glücks geworden – man heiratet gerne in Las Vegas und gibt sehr viel Geld aus, um am „Spiel der oberen Zehntausend“ teilzunehmen – auch wenn man nicht zu dieser Gesellschaftsschicht gehört.

 

  1. Sucht: Spielsucht ist in inzwischen zu einer genau so ernsten Erkrankung wie Alkohol- oder Drogensucht geworden. Während es für letztere inzwischen mehr oder weniger wirksame Entzugsprogramme gibt, ist die Spielsucht immer noch ein therapeutisches Stiefkind. Die Erkrankung lässt sich in drei Phasen einteilen: Erfolgsphase, Verlustphase, Verzweifelungsphase). Zwar wird versucht, Spielsucht durch Psychotherapie in den Griff zu bekommen, dies ist jedoch mindestens so schwierig wie eine Alkohol- oder Drogenentzugstherapie, schon deswegen weil bei der Spielsucht bisher noch keine spezifischen Ansatzpunkte für die beschriebenen Phasen bekannt sind und der Süchtige allenfalls in der Verzweifelungsphase wirklich ernst genommen wird. Es gibt sogar ein verschreibungspflichtiges Medikament (Naltrexon, ein kompetitiver Antagonist für alle Opioidrezeptoren), das Spielsucht zumindest für einen Monat deutlich im Zaume halten soll – aber was ist schon ein Monat? Genauso gut bzw. so schlecht ließe sich Spielsucht durch extrem hohe Valiumdosen behandeln, weil dann die/der Betroffene die Exitation der Gewinnphase aber auch die Verzweifelungsphase nicht mehr real wahrnimmt.

 

  1. Auch das Spekulationsfieber/Spiel an den Börsen ist psychologisch als Erkrankung anzusehen, die nicht in dem angebrachten Maße als solche gesehen wird, denn sie beruht auf der Gier, von der weniger der kleine Mann (die kleine Frau), als vielmehr die großen Player der Wirtschaft betroffen sind.

  

Selbst das animierende erotische Spiel zwischen den Geschlechtern kann zur Erkrankung führen – immer dann, wenn der/die PartnerIn nicht mehr als Spielgefährte bzw. Spielgefährtin, sondern nur noch als Subjekt der Lust betrachtet wird. Auch dies wäre ein Fall für PsychotherapeutInnen, die jedoch mit dieser Abart des Spiels meist erst als GutachterInnen konfrontiert werden, wenn gerichtlich strafbare Handlungen vorliegen.

 

Alles in allem ist die Aufforderung „komm spiel mit mir“ immer sehr ernst zu nehmen – nicht gerade im Sinne des Erlkönigs „Du liebes Kind, komm geh’ mit mir, gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir …” , weil diese Aufforderung eine Verführung darstellt, der auch Erwachsene unterliegen. Ernster ist die Aufforderung zum Spielen bei einem Kind, das seine Eltern oder Bekannte zum Spielen auffordert. Doch auch unter Erwachsenen ist diese Aufforderung eine Einladung zur Kommunikation, die man nicht abschlagen sollte – sie ist in unserer Zeit, die so reich an virtueller Kommunikation und so arm an echter Kommunikation ist, die einzige Form, zwischenmenschliche Beziehungen zu verbessern und das Leben lebenswerter zu gestalten.

 

 

(2.3.2013 redigierte Fassung des Beitrags vom 9.1.2010 in startblatt.net)

 

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