e-mail an mich – eine psychoanalytische Studie

 

e-mail an mich - (c) Alfred Rhomberg

 

 

Ich erhalte gerne e-mails und beantworte sie auch. In früheren Zeiten wurde mein e-mail Postkasten täglich so überfrachtet, dass ich mit dem Löschen überflüssiger Post kaum nachkam. Später richteten meine mail Provider offenbar wirksame Gegenmittel wie Firewalls oder Spamfilter ein, sodass die Viagra-Werbung und das tägliche Angebot günstig bewerteter Wertpapiere deutlich abnahmen – ja schließlich sogar ganz aufhörten. Ich war mir natürlich nicht mehr sicher, ob die raffinierten Abfangmethoden nicht auch für mich bedeutsame mails abfingen, trotzdem war ich froh, durch solche Programme von „worms“, „trojanern“ und anderem digitalen Ungeziefer weitgehend verschont zu bleiben. Einige neugierige „Spywares“ haben, wie ich später feststellen musste, offenbar noch immer etwas Platz in meiner mailbox - ich kann es nicht für einen Zufall halten, ausgerechnet vor einer kleinen Augenoperation (über die ich mich im Internet informiert hatte), mit e-mails und Angeboten über „eye surgery“ überhäuft worden zu sein. Abgesehen von ein paar eher langweiligen online-Kontoauszügen über Stromrechnungen, Provider-Konten etc. schrumpfte die Zahl meiner e-mail Partner langsam – teils weil ich langweilige Kontakte von meiner Seite aus abbrach, oder liebgewonnene e-mail Freunde inzwischen verheiratet, verstorben oder aus anderen triftigen Gründen keine Zeit mehr hatten. Somit begann eine zunehmend e-maillosere Zeit, in der mir die Idee kam, mir selbst e-mails zu schreiben – und selbstverständlich auch zu beantworten.

 

Ein Entschluss, dessen Tragweite ich anfänglich nicht richtig einschätzte

 

Der Versuch ein erstes e-mail an mich zu schreiben, war eine Herausforderung, vergleichbar der Problematik, mit sich selbst Schach zu spielen. Spiele „Ich gegen Ich“ bieten genügend wissenschaftliche Herausforderungen für Psychologen, Psychiater, Neurologen und Kommunikationswissenschaftler. Die Sinnsuche, mit sich selbst Schach zu spielen, ist heute durch die Schachcomputer überflüssig geworden, immerhin gibt es mit diesem Spielzeug einen echten, wenn auch digitalen Gegner, dessen Schachkompetenz zudem durch einen einfachen Knopfdruck abgesenkt oder verstärkt werden kann. Ich konnte mich also, je nach Stimmungslage, dafür entscheiden, ob ich mich stark genug fühlte, eine Niederlage psychisch bewältigen zu können, oder aber, ob mein ego Erfolgsmomente brauchte.

 

Wie bereits erwähnt, war ich mir der Folgen meines beabsichtigten e-mail Verkehrs mit mir selbst, anfänglich nicht bewusst. Die Probleme waren zuerst auch nur formaler Natur – z.B. wie rede ich mich in meinen mails an? Wie fülle ich die Betreffzeile aus? Die nächste Frage: „Was schreibe ich mir?“ war da schon schwieriger zu entscheiden und führte letztlich auch zu dem Problem, mir darauf antworten zu müssen.

 

1. Mein erstes mail an mich:

 

Lieber A, ich habe seit längerer Zeit kein mail mehr erhalten, was hältst Du davon? Dein A

 

re: lieber a, deine Klage – so fasse ich dein mail zumindest auf – deutet darauf hin, dass du dich vielleicht etwas zu viel von der welt abkoppelst – du könntest es vielleicht einmal mit dem „einloggen“ in chatrooms versuchen. dein a

 

2. mail

 

Lieber A, Deinen Vorschlag habe ich natürlich längst versucht – ich möchte ganz einfach nicht mails nach folgendem Muster erhalten (oder) beantworten:

 

„he, habe dein mail mit verwunderung gelesen, bist du sicher, dass du noch richtig tickst? a

 

Abgesehen davon, dass dieses mail zeitgemäß nur mit Kleinbuchstaben geschrieben wurde, enthielt es zumindest keine heute fast selbstverständlichen orthographischen Fehler, „a“ halte ich (auch klein geschrieben) nicht für orthographisch falsch – ich möchte aber kein mail nach dem Muster beantworten:

 

he, a, ich glaube, du hast mich nicht richtig gekriegt, ok – das ist schon ok! tschüss, a

 

allerdings auch keine mails nach dem Muster:

 

lieber a, ich beschäftige mich derzeit mit einer studie über die kognitiven kräfte von computern in ihrer reziproken relation von arbeitsspeicher und festplatteninhalt…. dein a

(das wäre mir einfach zu hoch, so etwas zu beantworten)

 

3. mail

 

lieber a, du hast auf mein letztes mail nicht geantwortet – ich schließe daraus, dass du etwas ratlos bist, ich wäre trotzdem auf eine antwort gespannt, dein a

 

re: lieber a, natürlich musste ich bei der antwort etwas nachdenken – ich bin zu dem schluss gekommen, dir keine mails mehr zu schreiben – es bekommt dir nicht gut.

 

Was man höflich beginnt, sollte man auch höflich beenden, also beschloss ich, mir ein letztes mail zu senden:

 

lieber a, bitte entschuldige, dass ich dir nicht mehr schreibe…...

 

re: schon entschuldigt – aber schließlich warst es ja du (!!!), der mit dem unsinn angefangen hat….

 

Danach hörte ich einige Tage nichts mehr von mir – eigentlich schade! ... Bis ich dann folgendes  mail bekam:

 

Sehr geehrter Herr A, wenn Sie irgendwelche Hilfe brauchen, so stehen Ihnen meine Sprechstunden von ….. bis ….immer zur Verfügung (auch nach freier Vereinbarung). Ihr staatlich diplomierter Psychotherapeut Dr. X.

 

Ich wusste jetzt, dass sich immer noch eine hartnäckige spyware auf meiner Festplatte befand.

 

(6.4.2012)

 

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