Sieh nach den Sternen, meide die Gassen

 

 

Planeten - (c) Alfred Rhomberg

 

Der Beitragstitel ist ein Rat des wenig bekannten, fast vergessenen deutschen Schriftstellers Wilhelm Raabe (Pseudonym Jakob Corvinus, 1831-1910), obwohl er mit seinem Werk „Pfisters Mühle“ vermutlich einen der ersten Umweltromane(1) geschrieben hat. Raabe – Realist und Kritiker seiner Zeit gab den Rat jenen Pessimisten, zu denen er (vielleicht) selbst gehörte.

 

Es ist unendlich lange her, dass ich diese Aufforderung las, sie hatte mich jedoch so beeindruckt, dass sich echter Pessimismus bei mir selten länger als ein paar Tage hielt – frei davon war ich allerdings nie. Zwar hatte ich selten auf die „Gassen“ geachtet, gelegentlich jedoch vergessen, auf die Sterne zu schauen, obwohl ich bereits in sehr jungen Jahren mit einem selbstgebauten Fernrohr den Mond ausführlich studiert hatte und mich zeitweise in den Landschaften des Mondes (weiter reichte mein bescheidenes Gerät nicht) besser auskannte als auf der realen Welt unserer Erde. Die Traumwelten der Astronomie haben mich auch später immer begleitet und begleiten mich noch heute - nur haben sie mich seit Beginn meines Philosophiestudiums von der rein naturwissenschaftlichen Betrachtug des Universums zu einer anderen Sichtweise geführt, weil ich weiß, dass wir die das Universum nie völlig verstehen werden. Ab 1946 begann ich als Zehnjähriger, der von der Zerstörung Hannovers (1942, 1943) und 1945 durch die erlebten Ereignisse in der russisch besetzten Zone Sachsens seelisch geschädigt war, nach meiner Ankunft in Innsbruck eine neue Traumwelt zu entwickeln – nämlich diejenige eines „Staates Europa“ in Analogie zu den USA. Nach und nach (bedingt durch mein Studium der Chemie) änderte sich auch dieser Lebenstraum und verlagerte sich (rein virtuell) immer stärker in die wissenschaftlichen Hochburgen der USA, real jedoch in die deutsche Großindustrie, die ich niemals als Lebenstraum empfand.

 

Was ist der Unterschied zwischen einem Traum und einem Lebenstraum?

 

Träume können aus Tagesresten oder unbewussten „Abfällen“ im Gehirn entstehen – Lebensträume müssen bewusst erarbeitet werden. Aus dem vorangegangenen Absatz geht hervor, dass sich Lebensträume verändern können – eigentlich sogar müssen, denn sie hängen von Erlebnissen d.h. äußeren Umständen ab, über die nachgedacht werden muss und daher einem Reifungsprozess unterliegen. Aus dem Lebenstraum eines achtjährigen Buben „Lokomotivführer“ oder Pilot zu werden, entstehen im allgemeinen andere Lebensträume, die bei genauerer Betrachtung sich nicht soviel davon unterscheiden, Lokomotivführer zu werden.

 

Anm.: Ich kann nicht beurteilen, ob auch Mädchen in ihrer Jugend einmal Lokomotivführerin werden wollten, ich glaube nicht – aber ich habe Frauen ja auch nie danach gefragt, weil es meistens andere Gesprächsthemen gab und weil es meinem späteren Bekannt(innen)kreis ziemlich gleichgültig gewesen wäre, ob ich einmal Lokomotivführer werden wollte – umsomehr als ich nie Lokomotivführer wurde – aber froh darüber bin, dass es Lokomotivführer(Innen?) gibt.

 

Doch zurück zu der Feststellung, dass ich die deutsche Großindustrie nie als Lebenstraum und die Landschaften in der sich die deutsche Großindustrie befindet, nie als Lebensräume empfand.

 

Geistige Enge

 

Es wäre ziemlich gleichgültig gewesen in welche Länder Europas es mich getragen hätte – Europa als Wiege des Wissens des Abendlandes, hat trotz des Aneinanderwachsens ehemals verfeindeter Staaten und der Gründung der Europäischen Union heute eine geistige Enge, die in vieler Hinsicht überall spürbar ist und in absehbarer Zeit zum Grab dessen wird, was Europa früher einmal für die Welt (auch für die USA) bedeutete: technische Innovation, philosophische Reflexion und kulturelle „Explosion“ auf fast allen Gebieten der Kunst.

 

Europa hat 46 Länder und dementsprechend 46 unterschiedliche Regierungen, wovon 27 der Europäischen Union angehören. Gleichgültig ob Mitgliedsstaat der EU oder nicht – es sind 46 Regierungen: mit zunehmend populistischen Parteien, mit nörgelnden und pessimistischen Bevölkerungen besonders in jenen europäischen Staaten, die am wenigsten Grund dafür hätten (Deutschland, Frankreich, Österreich u.a.) und es sind weitgehend Ängste verbreitet, die es so in der Vergangenheit nach 1946 nicht gab und die sich heute in einer zunehmenden Demonstrationsbereitschaft für oder gegen fast alles äußern.

 

Mich hatte es 1965 nach Deutschland vertragen (nicht verschlagen) und, obwohl zu dieser Zeit die Hoffnungen der deutschen Bevölkerung, mit Ausnahme der Angst vor einem Atomkrieg, größer waren als heute, befand ich mich 30 Jahre ständig auf dem Sprung nach irgendwohin, einem irgendwohin, das ermutigt durch Freunde in den USA, immer wieder einmal die USA bedeuteten, weil es dort (wie ich später durch berufliche Kontakte mit US-Universitäten und Firmen bestätigt bekam), diese geistige Enge Europas voller Einschränkungen - zumindest in den US-Hochburgen universitärer Forschung - nicht gibt. Ich bewegte mich also temporär in einer geistigen Traumwelt, die ich nach Beendigung meiner Industrietätigkeit allerdings durch einen anderen Lebensraum (Tirol) eintauschte. War dies ein neuer Lebenstraum? Wohl nicht – etwa 300 m oberhalb Innsbrucks und sogar einem Innsbruck eingemeindeten angenehmen Ort, mitten in den Bergen leben zu dürfen, ist eine Gnade, aber kein Lebenstraum. Ich weiß heute, dass die große weite Welt keine Lebensträume erfüllt, nach Lebensträumen sollte frau/man auf andere Weise suchen – sie liegen oft sehr nahe und sind doch so mühsam zu erreichen. Viele mögen sagen, dass die innere Zufriedenheit ein Lebenstraum sei – ich bin jedoch für innere Zufriedenheit nur begrenzt geschaffen. Ich weiß, dass es nicht zufriedener macht, weitere Millionen chemischer Verbindungen zu finden, immer noch etwas mehr über unser Universum zu erfahren – kurz sich über jede wissenschaftliche Neuentdeckung zu freuen, frau/man wird durch ein naturwissenschaftliches Studium so verprägt, dass frau/man sich über jede neue Errungenschaft dieser Wissenschaften immer ein wenig freut – was an sich absurd ist. Absurd ist diese Freude deswegen, weil sie im Prinzip die Enttäuschung impliziert, dass es ja auch nach dem eigenen Tod weitere wissenschaftliche Erkenntnisse geben wird, welche die selbst erlebten mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sogar als hoffnungslos veraltet abqualifizieren würden.

 

Karl Kraus hat einmal gesagt „Je näher man ein Wort anschaut, desto ferner schaut es zurück“ – er hatte damit sicherlich nicht die Naturwissenschaften gemeint, aber eine große Wahrheit mit wenigen Worten ausgedrückt. Ich habe jedenfalls von Lebensträumen Abstand genommen – was nicht heißt, dass andere sie finden können. Auf „(meine) Gassen“ achte ich nicht, oder nur sehr selten – dazu ist das Leben zu schade, ich schaue jedoch wieder öfter „auf zu den Sternen“, jedoch ohne das Bedürfnis, wissen zu müssen, wie viele es davon gibt und wie lange sie noch existieren werden – auch dafür wäre mein Leben zu schade.

 

(6.4.2012)


 

(1 )Als einer der ersten Umweltromane gilt sein Werk Pfisters Mühle, in dem das Schicksal eines idyllischen Ausflugslokals der Wasserverschmutzung durch eine Zuckerrübenfabrik gegenübergestellt wird. Das Lokal musste dann dem Neubau einer Fabrik weichen.

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