Bonjour Tristesse

  Gedanken eines traurigen Tages

Regen plus Sturm - © Alfred Rhomberg

 

Der gerade erwachte Tag empfand so viel Traurigkeit, die ihm die Nacht zurückgelassen hatte, dass er sich am liebsten trotzdem gleich wieder der nächsten Nacht überlassen hätte – was ihm seine von irgendeiner höheren Macht zugeteilte Rolle aber verbot. „Bonjour Tristesse“ – ein Bestseller wie der Roman der 18-jährigen Françoise Sagan, würde dieser Tag wohl nicht werden!

Die ersten drei Stunden verbrachte er damit, sich zu schämen und weil man dies nicht so deutlich sehen sollte, verhüllte er sich mit kräftigem Morgennebel. Als er sich seiner Meinung nach genug geschämt hatte, versuchte er die grauen Gedanken mit kräftigen Windböen zu vertreiben und schaltete dabei das Radio an – vielleicht würde etwas Musik seine Stimmung aufhellen. Kein besonders guter Einfall, denn statt Musik wurde in den Nachrichtensendungen gerade darüber berichtet, dass der Krieg in Syrien trotz Abmachungen zu humanitären Waffenruhen zwischen Russland und den USA wieder nicht eingehalten wurde. Man kann solche Kriege nicht gewinnen – auch wenn man die Zahl der Soldaten erhöht. Man darf solche Kriege nicht beginnen oder sich einmischen und sie heute als humanitäres Problem darstellen. Man kann auch keine Soldaten in solche Regionen schicken, die „fast gar nicht“ schießen dürfen und nur „aufpassen“ sollen, damit sich die Menschen in einer Region besser vertragen und sich lieber selbst erschießen lassen, wenn diese Aufpasserfunktion fehlschlägt. Man kann gar nichts – man kann nicht gewinnen, man kann die Soldaten nicht vollständig zurückziehen und von außen zuschauen, wie sich die Menschen dort gegenseitig umbringen und man kann nicht einmal nur „humanitäre Hilfe“ anbieten und sich dabei ganz unhumanitär erschießen lassen. Man kann gar nichts tun, was in der Weltöffentlichkeit Beifall fände. Man könnte sich aus solchen Regionen nur völlig heraushalten, sie völlig durch vollständige Abschottung auf sich allein gestellt lassen, jede Art von Handelsbeziehungen abbrechen, keine humanitäre Hilfe schicken, die einen grausamen aus unserer Sicht mittelalterlichen Prozess, nur noch weiter verlängern und dabei zuschauen, bis dieser mittelalterliche Prozess sich wie alle geschichtlichen Prozesse irgendwann (?) einmal von selbst löst. Man – und hier sind besonders das überhebliche Europa und seine „befreundeten“ Nationen gemeint - "man" kann das nicht, weil unser eigener geschichtlicher, durch den Humanismus eingeleiteter Prozess des immer „friedlicher- und humanitärerwerdens“ uns dies verbietet. Leider ist unser „geschichtlicher Prozess“ allerdings noch nicht so fortgeschritten, um nicht immer wieder einmal solche Kriege zu beginnen.

 

Auch alle weiteren Nachrichten erschütterten den gerade erwachten Tag.

 

Als der Tag diese Summe an Alternativlosigkeiten erkannt hatte, begann er, durch Wolkenbrüche seiner Traurigkeit Herr zu werden – sich zu betrinken ist dem Tag von irgendeiner höheren Macht leider verboten.

 

(3.10.2016)

 

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