Das Eisschwert im Hirn

 

Schmelzendes Eis - © Wikipedia, Public Domain, Author: Leckherchen, etwas kontrastverstärkt

 

 

Der vom Dach wie ein Schwert herabstürzende Eiszapfen bohrte sich tief in Josefs Gehirn. Außer einem heftigen Schlag spürte Josef fast nichts als das kalte Schwert eindrang - er wunderte sich auch gar nicht darüber, denn das Gehirn ist ein Organ von dem zwar alle Schmerzen ausgehen, das sich jedoch durch Schmerzunempfindlichkeit vor sich selbst schützt. Eher wunderte sich Josef darüber, zu solchen Gedanken überhaupt noch fähig zu sein - doch warum auch nicht ? – schließlich bestehen Eiszapfen ja nur aus ungiftigem Wasser. Durch die Körperwärme seines Gehirns schmolz das Eis langsam und vermischte sich mit den spärlichen anderen flüssigen Bestandteilen seines Gehirns, die jetzt zu Hirnflüssen anschwollen und dadurch Josefs Gehirn zu verwässerten Gedankenkaskaden anregten. Weil Josef noch niemals ertrunken war, dachte er zum ersten Mal darüber nach, dass Wasser tödlich sein kann, ja dass alles was ihn umgab und auch alle seine Handlungen tödlich sein könnten. Den Sturz von einem Hochhaus hatte Josef bereits ausprobiert(1), er kannte dessen Tödlichkeit und erinnerte sich daran, dass er das nur aus einer damals unsinnigen Modeerscheinung tat. Schlimmer war die nun erstmals auftretende Erkenntnis der allgemeinen Farblosigkeit seines Lebens, nämlich noch nichts, aber schon rein gar nichts Sinnvolles zustande gebracht zu haben. An sich gab es nur zwei Möglichkeiten, dieser Sinnlosigkeit zu entrinnen: entweder endlich etwas Sinnvolles zu tun – oder sich dieser Sinnlosigkeit neuerlich durch einen Sprung von einem Hochhaus zu entziehen. Nachdem Josef die letztere Variante bereits kannte, beschloss er, etwas Sinnvolles zu schaffen, obwohl es fraglich war, diese Entscheidung mit einem verwässerten Gehirn auch in die Tat umsetzen zu können. So könnte er zum Beispiel in die Politik gehen um als Politiker etwas Sinnvolles zu gestalten – glücklicherweise fiel ihm noch rechtzeitig ein, dass Politiker meist wenig Sinnvolles gestalten – fast so, als ob ihr Hirn durch das Eindringen von Eiszapfen die Fähigkeit dazu verloren hätte. Oder Künstler? – Künstler fragt niemand, ob sie etwas Sinnvolles schaffen – alles was sie schaffen, ist sinnvoll und sinnlos zugleich und entzieht sich deshalb jeglicher Beurteilung. Architekt? – Architekten schaffen entweder etwas, das ihre Auftraggeber von ihnen verlangen oder sie verhalten sich ähnlich wie Künstler und entziehen sich so gleichfalls der allgemeinen Kritik. Kritiker? – Kritiker bilden sich ein, mit ihrer Arbeit etwas Sinnvolles zu tun – stets wollen sie etwas verbessern, indem sie zu Kritisierendes anprangern, obwohl das Anprangern allein noch nichts wirklich Sinnvolles ist und selbst wenn das Anzuprangernde überhaupt verbesserbar ist, so wird es nicht durch den Kritiker, sondern allenfalls durch eine Revolution verbessert oder auch nicht. Diese Berufe waren nicht das, was Josef anstrebte und so dachte er daran, Wissenschaftler zu werden. Er kannte allerdings die Wissenschaftler nicht – sie glauben durch ihre Arbeit neues Wissen zu schaffen, was schon deswegen absolut sinnlos ist, weil Wissenschaftler ja nur etwas beschreiben, was es im Prinzip bereits gibt. Sie haben im Grunde eine L’art pour l’art Einstellung zu den Dingen. Ist es so wichtig, zu wissen, wie groß unser Universum ist, wie lange es besteht und warum, oder warum unser Leben dank einiger Kunststücke der Biochemie überhaupt möglich ist? Das Universum besteht bekanntlich und die Tatsache, dass wir leben, ist wichtiger als die Frage nach dem „Warum“.

 

Langsam hatte sich das wegen des Eiszapfens in Josefs Gehirn überflüssige Wasser dem allgemeinen Wasserhaushalt seiner gesamtkörperlichen Wasservorräte zugesellt und wurde, ohne die Frage nach dem „warum“ entweder auf natürlichem Wege ausgeschieden, oder mit dem notwendigen Stoffwechsel seiner Existenz so „sinnvoll“ vereint, dass Josef wieder klar denken konnte: Josef wollte wieder Josef werden und beschloss als solcher, sinnlos oder sinnvoll weiter zu existieren, wobei das sinnlose Weiterexistieren sicherlich weniger anstrengend sein würde.

 

(6.12.2013)

 

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(1) "herabspringen" Alfred Rhomberg - aus "screenkollektiv"

 

 

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