Experimente in Wissenschaft und Kunst – eigene Erfahrungen

 

Broken Sphere - © Alfred Rhomberg, Ausstellungsbild bei der "Igler Art 2017" (Beispiel für zielgrichtete Verarbeitung einer Beobachtung ohne Arbeishypothese)
Ausgangsbild Honigmelone - © Foto Alfred Rhomberg

 

In einem meiner Beiträge hatte ich einmal erwähnt, dass ich bereits von Kind an sowohl „homo ludens“, als auch „homo faber“ bin. Irgendwann hatte ich dann jedoch dazugelernt, dass es zwischen beidem auch einen „denkenden Menschen“ als Brücke zwischen dem Spiel und dem „Tun“ geben sollte, um später (zum Beispiel heute) das Gefühl zu haben, zur species „Homo Sapiens“ zu gehören.

 

Was das „Denken“ betrifft, gibt es sicher mehrere Möglichkeiten dies zu erlernen, bei mir war es u.a. auch eine Schule, die aus heutiger Sicht wegen ihres „schrecklichen“ Frontalunterrichtes das „Denkenlernen“ eigentlich gar nicht erlaubt haben sollte und deswegen durch eine Schule ersetzt werden muss, in welcher die Schüler „irgendwie“ besser erzogen werden sollen. Mit diesem „irgendwie“ plagen sich die pädagogischen Hochschulen nun bereits seit Jahrzehnten (besonders in Deutschland) herum. Als Elternbeirat während der gymnasialen Schulzeit meiner Kinder hatte ich unzählige fragwürdige deutsche Schulversuche miterlebt und meine Skepsis gegenüber solchen „Experimenten“ (die natürlich nie als solche bezeichnet wurden) war von Jahr zu Jahr gewachsen, sodass ich die derzeitigen österreichischen Schulexperimente zunehmend fürchte.

 

Was sind Experimente und warum sind gerade Schulexperimente so gefährlich?

 

Ein Experiment stellt „Fragen an die Natur“ – oder in den Sozialwissenschaften: an die gesellschaftliche Wirklichkeit. Diesen Fragen kann eine bestimmte Hypothese zu Grunde liegen, die geprüft werden soll, was je nach Ergebnis dann zu weiteren Fragen (und neuen Ergebnissen) führt.

„Schulexperimente“ sind deswegen so gefährlich, weil hier sowohl Fragen an die „Natur“ der Schüler (physische und psychische Belastbarkeit), als auch an die gesellschaftliche Wirklichkeit in welcher die Schüler später leben werden, berücksichtigt werden müssten – wobei sich die gesellschaftliche Wirklichkeit heute wesentlich schneller verändert als dies noch vor Jahrzehnten der Fall war. Andererseits glaube ich, auch mit meiner altmodischen schulischen Erziehung heute noch beruflich durchaus Erfolg zu haben, was aus meiner Sicht eher gegen die Notwendigkeit des ständigen Herumexperimentierens im schulischen Bereich spricht. Allerdings gab es bei mir zwischen dieser „altmodischen Schule“ und meinem späteren Beruf als Forschungschemiker eine heute ebenfalls als veraltet geltende Institution einer Universität, die sowohl fachliches Basiswissen, als auch fachlich übergreifendes Wissen vermittelte, weil alle Natur- und Geisteswissenschaften in der philosophischen Fakultät eingebettet waren und daher zusätzlich zum jeweiligen fachlichen Hauptrigorosum ein Pflichtrigorosum in Philosophie und Psychologie erforderlich war. Spezialwissen erlernte ich im Beruf. Da Spezialwissen besonders in Naturwissenschaften und in der Informatik besonders schnell veraltet, sind Bestrebungen, dieses Wissen heute bereits an den Universitäten vermitteln zu wollen, aus meiner Sicht falsch. Ich hatte während meiner gesamten Berufszeit unzählige, durch den Verein Deutscher Chemiker vermittelte Universitätsseminare besucht, um genau jenes Spezialwissen zu vertiefen, welches ich gerade für irgendeine neue Aufgabe benötigte.

 

Neben zielgerichteten Experimenten kann ein Experiment auch einfach darin bestehen, ohne bestimmte Hypothese eine bis dahin nicht beobachtete Situation zu beobachten, diese zu analysieren und sich vom Ergebnis überraschen zu lassen. Diese Art von Experimenten sind in der Kunst oft, in den Naturwissenschaften manchmal, bei Schulreformen jedoch praktisch nie nützlich. Die Frage bei dieser Art des Experimentes ist stets, wie weit man „beobachten“ gelernt hat und in der Lage ist, Beobachtungen kreativ umzusetzen. 

 

Zielgerichtete Experimente

Mein Labor in Schloss Birlinghofen, bei Bonn 1965, Grundlagenforschung Royal Dutch Shell Ltd. - © Foto Alfred Rhomberg

In der Chemie hatte ich meist recht genaue Vorstellungen, von dem was ich machen wollte, dabei ging es zumindest in der „reinen Forschung“ immer um gezielte Fragen, wie ich eine chemische Struktur am besten herstellen und wie ich die Richtigkeit dieser Struktur beweisen konnte. An der Universität (während meiner Doktorarbeit und in den anschließenden 3 Jahren als promovierter Assistent) hatte ich einen „Doktorvater“ der seine maximal 5 Doktoranden jeden Tag einer sehr nützlichen „Gehirnwäsche“ unterwarf und mir, rückwirkend gesehen, die wesentlichen Pfade zur Planung sinnvoller Experimente wies – bei ihm gab es keine „Experimente ohne bestimmte Arbeitshypothese“ und wir wurden zu dem Credo erzogen: „besser eine falsche Hypothese, als gar keine“.

 

Experimente ohne bestimmte Hypothese

 

Trotz meiner Erziehung zu „Arbeitshypothesen“ hatte ich in der Chemie gelegentlich auch Experimente ohne bestimmte Hypothesen durchgeführt, weil ich mir davon erhoffte, zu ganz unerwarteten neuen „Entdeckungen“ zu gelangen – was mir leider nie gelang!

 

Bei meinen künstlerischen Ausflügen und Hobbies, die ich mir früher wegen meiner beruflichen Arbeit nur phasenweise erlauben konnte, denen ich mich aber seit meiner Pensionierung jetzt voll widmen kann, spielen Arbeitshypothesen nur eine sehr untergeordnete (bis gar keine) Rolle. Ich beobachte meine Umwelt und warte, was sich aus meinen Beobachtungen entwickelt. Das galt schon für die kurze Zeit, als ich mich mit künstlerischer Fotografie beschäftigte, d.h. ab der Zeit, als ich mir den ersten besseren Fotoapparat (eine Kodak Retina III mit Wechselobjektiven) in meiner Assistentenzeit kaufen konnte. Damals lernte ich eine andere Sehweise, die sich später auch in der Malerei und Computergrafik bewährte. Ich schaute nicht mehr nur geradeaus, sondern von unten nach oben (z.B. auf Dächer) oder von oben nach unten bzw. von Türmen auf die darunterliegenden Dächer, die ich thematisch als „Dachlandschaften“ weiterverarbeitete. Diese Weiterverarbeitung solcher Beobachtungen bzw. „Experimente ohne bestimmte Hypothese“ erfolgt dann allerdings sehr zielgerichtet und ich überlasse (mit wenigen Ausnahmen) nichts dem Zufall. Bei diesem Verarbeitungsprozess meldet sich der zu Beginn angesprochene „homo ludens“, wobei zielgerichtetes Vorgehen und Spiel kein Gegensatz sind, wie dies z.B. auch vom Schachspiel her bekannt ist (siehe Eingangsbild "Broken Sphere").

 

Auch die Entstehung einiger meiner Texte in den „Igler Reflexen“ entspricht diesem „homo ludens, nämlich aus einer anfangs verworrenen Vielfalt an Eindrücken, einen kleinen aussagekräftigen Text zu entwickeln. Dies gelingt leider nicht immer, ebenso wenig wie bei meinen Bildern. Die Beurteilung, ob solche „Experimente“ gelungen sind, hängt letztlich vom Leser/Betrachter ab. Für mich ist diese Gestaltungsweise ein Spiel, bei welchem man auch verlieren kann – obwohl der Versuch der Gestaltung, ähnlich wie bei meinen Experimenten als Chemiker zur Synthese neuer pharmakologisch wirksamer Verbindungen in meinem früheren Beruf, für mich den eigentlichen Reiz der Chemie ausmachte.

 

Anm.: In der Chemie gab es immerhin die objektive Bestätigung meiner Anstrengungen, wenn die synthetisierte Verbindung tatsächlich die gewünschten Eigenschaften aufwies – in der Kunst ist man auf sein eigenes subjektives Urteil angewiesen!

 

Resumée: Bei zielgerichteten wissenschaftlichen Experimenten wird eine „Beobachterunabhängigkeit“ (unabhängig von der unsystematischen Wahrnehmung) durch eine gut durchdachte Versuchsanordnung, zu der auch die präzise Dokumentation aller Zwischenergebnisse (auch von Fehlschlägen) gehört, angestrebt.

 

In Sozialwissenschaften, besonders auch in der experimentellen Psychologie müssen Experimente so durchgeführt werden, dass kein Einfluss des Experimentators die Ergebnisse der Versuche verfälscht.

 

In den bildenden Künsten überwiegt der spielerische Umgang mit Beobachtungen. Für den Autor dieses Beitrages ist es daher immer etwas fragwürdig, wenn junge Künstler gelegentlich ihre Arbeiten durch „konstruierte“ Arbeitshypothesen legitimieren wollen.

 

(23.1.2017)

 

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