Tiefe Melancholie in einem technischen Museum

 

 

Technisches Museum München - (c) Foto Alfred Rhomberg

 

 

Eine Maschine machte ihre Arbeit fast 100 Jahre gut – jetzt steht sie im technischen Museum und wartet auf Spielgefährten. Aber so wie es in den industrialisierten Ländern immer weniger Kinder gibt, werden auch immer weniger echte Maschinen-Spielgefährten produziert. Unsere Zeit hat keine Zeit für Liebenswertes. Oder sind die Unzahl jährlich neuer MP3-Player und Smartphones ernstzunehmende Nachfolger für einen Edison Sonographen oder ein UHER-Magnetophon? Sind die monatlich neu am Markt erscheinenden Handys würdige Spielgefährten für die Telephon-Modelle W28 (ab 1928), oder den FeTAp 611 (ab 1961)? Auch die jährlich neuen Autodesigns können an Eleganz mit früheren Oldtimern nicht mithalten. Bei Radios war das erste Transistorradio gerade noch ein ernstzunehmender Rivale für einen Rückkopplungsempfänger der Kriegsjahre („Volksempfänger“) oder den späteren Stereo-Superhet und die Stereoanlagen um 1975.

 

Welche Gefährten wird man den alten würdigen Maschinen und Geräten später zugesellen? Langweilige Kästen, für die der Ausdruck „Blackbox“ noch die schmeichelhafteste Umschreibung ist – oft warten diese Konsumungeheuer in den schillerndsten Farben auf Käufer - sie müssen nicht lange warten, gekauft und bald weggeworfen zu werden. In einem seriösen technischen Museum haben diese Machwerke nach Ansicht der dort ausgestellten ehrwürdigen Geräte und Maschinen nichts zu suchen. Man sieht diesen Ungeheuern oft ja nicht einmal mehr an, was in ihnen steckt und was man mit ihnen anfangen kann – und weil dies so ist, werden monatlich neue solcher Konsumartikel produziert, weil die Vorgänger bereits nach drei Monaten langweilig sind.

 

Auch heute gibt es technische Meisterwerke – einen Airbus zum Beispiel oder die ISS-Raumstation, aber werden zukünftige technischen Museen tatsächlich so große Dimensionen haben, um solche Giganten darin als Zeitzeugnis auszustellen? Auch ein ganz normales Atomkraftwerk (ohne Brennstäbe natürlich) ließe sich nur schwer in einem der üblichen technischen Museen unterbringen.

 

Der Künstler Jean Tinguely (1925-1991) hatte diese triste Zukunft längst erkannt und schuf neue, schöne – wenn auch unsinnige, Maschinenkunstwerke, aber diese sieht man nur im 1996 erbauten Museum Tinguely in Basel – in einem "seriösen technischen" Museum fänden diese hübschen Maschinen keinen Platz.

 

Es ist keine gute Zeit zur Herstellung von Erhaltenswertem.

 

(redigiert 16.11.2018)

 

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