In a sentimental mood - oder der Umgang mit der Vergangenheit

 

 

Sentimental Journey - (c) Alfred Rhomberg

 

Immer wenn meine Gegenwart auf meine Vergangenheit traf, wurde ich wehmütig und warf ihr vor, ich habe im Leben mehr erwartet – und jedes Mal antwortete die Vergangenheit: „wenn du noch lange wartest, hole ich dich ein – und denke bitte stets daran, dass ich das Einzige bin worauf du dich verlassen kannst“. Besonders logisch war diese Antwort nicht. In gewisser Hinsicht mag meine Vergangenheit ja vielleicht recht haben, aber zerstört sie dadurch nicht meine Gegenwart und forderte sie mich nicht gerade dazu auf, nicht zu lange zu warten, weil sie meine Gegenwart sonst einholen würde?

 

Je länger ein Mensch lebt, desto mehr Vergangenheit häuft sich an – ein schauderbarer Gedanke, dass diese Kumulation von Vergangenheit immer und immer wieder auf mich hereinbrechen wird und dabei stets weiter kumuliert. Wie kann ich meine Vergangenheit davon abhalten mich gelegentlich heimzusuchen und mich sogar mit Worten zu betrügen, wie: “gib es zu, es gab doch auch sehr schöne Momente!” Ja – meine liebe Vergangenheit, es gab auch sehr schöne Momente, aber sie gehören dir, sie sind für mich vorbei und mich interessieren nur noch die schönen Momente der Gegenwart und die (unsicheren) schönen Momente der Zukunft. Meine Vergangenheit warf mir einen unheilverkündenden Blick zu und antwortete: “du bist ja doch nicht so gescheit, wie du manchmal vorgibst – du weißt genau, dass ich in allen Details in deinem Gehirn engraviert, codiert oder wie du es sonst nennen magst, stecke und jederzeit zuschlagen kann. Von den schönen von dir erwarteten Zukunftsmomenten sehe ich nichts, aber schon gar nichts im Gewirr deiner Synapsen – es mag sie einmal geben – sicher ist das nicht, das einzige was dir sicher ist, bin ich, deine Vergangenheit, und ich werde dich manchmal quälen, aber ich habe Mitleid mit dir und du darfst dir gelegentlich auswählen, an welche schöne Momente deines Lebens du denken und welche Buchseiten du aufschlagen willst”.

 

Die Vergangenheit ist eine besondere Art von Realität, weil sie einerseits bereits gar keine Realität mehr ist und mich trotzdem auf grausame Weise ohne Möglichkeit der Gegenwehr erpressen kann, eine (Un)realität, die genau so real ist, wie alle noch funktionierenden anderen Hirnregionen, auf die ich sonst so stolz bin und zu deren Inhalten ich vielleicht selbst etwas beigetragen habe, was mir an manchen Tagen jedoch nichts nützt, weil meine Vergangenheit dies nicht zulässt, obwohl – wie ich überheblicherweise (not in a sentimental mood) solche Gedanken einfach abstreife, das Buch meiner Vergangenheit zuschlage und behaupte, dass die Vergangenheit ganz einfach geschehen ist und ich daran völlig unschuldig bin …

 

Das Leben wird vorbeigegangen sein, als wäre nichts geschehen.

 

Notabene: ganz ist das Leben ja noch nicht vorbeigegangen – die unangenehmsten Dinge stehen mir noch bevor und außerdem hat der in Tirol fast immer präsente Föhn zugenommen, die erhofften noch bevorstehenden schönen Momente will ich nicht ausschließen – sobald sie eingetreten sind, werden sie sofort wieder dieser grausamen, erpresserischen Vergangenheit angehören.

 

Was passte besser zu “In a sentimetal mood” als eine für ihre Zeit authentische Aufnahme von „Sentimental Journey“ (gesungen von Vikki Karr, 1961) – eine Aufnahme, die etwas weniger kitschig als die Aufnahmen von Doris Day oder so unglaubwürdig wie jene von Ringo Starr interpretiert ist. Leider ist diese Aufnahme inzwischen (Dezember 2014) nicht mehr in youtube verfügbar - und die anderen genannten Aufnahmen kann ich nicht empfehlen. Ein weiterer Grund "In a sentimental mood" zu verharren! 

 

 

 

(15.4.2012, bzw. update 2014)

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