Die Fragmentierung

 

Pinnochio - grafisch stark veränderter Ausschnitt aus Wikipedia, Public Domain

 

 

Josef wachte mit dem unangenehmen Gefühl auf, dass ihm etwas fehlte - er bemerkte erst im Badezimmer, dass eine seiner Zehen abhanden gekommen war. Verwundert sah er, dass es keine Verletzungsspuren gab und er fühlte auch keinerlei Schmerzen, sodass er den Verlust vorläufig als gegeben hinnahm. Wenige Tage später fehlten zwei weitere Zehen und dann am Folgetag der linke Zeigefinger. Erst jetzt begab er sich in ärztliche Behandlung und suchte seinen Hausarzt auf, der sich seine Geschichte ungläubig anhörte und ihn zu einem Neurologen überwies, welcher nicht lange zögerte und Josef ohne ihn zu untersuchen an einen Psychiater weiterleitete. Dieser versuchte herauszufinden, ob Josef den oder die Anlässe wie es zu den fehlenden Gliedmaßen gekommen war, vielleicht vergessen bzw. verdrängt habe oder sie vielleicht sogar verheimlichen wollte. Nach einigen vergeblichen Sitzungen hatte sich der Zustand Josefs weiterhin verändert, wieder waren Gliedmaßen ohne jegliche Verletzungsspuren abhanden gekommen, sodass auch der Psychiater sich seiner Sache immer unsicherer wurde, denn auch er musste erkennen, dass es sich wegen des Fehlens akuter Verletzungsmerkmale bei Josef um einen Prozess handeln musste, der sich infolge der eigenen allzu spezialisierten Wissenschaft seiner eingeengten Erfahrung entzog. Um dies nicht eingestehen zu müssen, überwies er Josef wiederum zu einem Neurologen mit der Bitte, nicht nur die üblichen neurologischen Untersuchungen, sondern auch wissenschaftlich fundierte bildgebende Verfahren wie EEG und MRI durchführen zu lassen, um den Hirnzustand Josefs zu dokumentieren. Das MRI zeigte, dass inzwischen auch ein kleiner, an sich völlig unwichtiger Teil des Gehirns fehlte und daher wurde, weil Josef keine Erklärung dafür liefern konnte, die Rücküberweisung zum Psychiater veranlasst. Inzwischen waren weitere Körperteile Josefs verschwunden, der Psychiater riet ihm, sich für ein paar Wochen in seine Anstalt zu begeben – da könne Josef besser beobachtet werden. Auch nach dieser „freiwilligen“ Zwangseinweisung ging der Abbauprozess weiter. Bisher handelte es sich glücklicherweise jedoch noch um keine weiteren Hirnverluste, was dem Psychiater seine eigene ihm gewohnte Arbeit allerdings erschwerte und Josef daher, ohne den Aufenthalt in der Anstalt abzubrechen, zu allen weiteren erdenkbaren Spezialisten schickte.

 

Nachdem Josef inzwischen etwa zwölf ausführliche Inspektionen durch Fachärzte hinter sich hatte, die alle erneut Blutparameter, Computertomografie und MRI veranlassten, wusste Josef jetzt ganz genau, was bei ihm noch in Ordnung war und was inzwischen fehlte. Letzteres hätte er allerdings auch ohne Spezialisten gewusst – dazu waren die abhanden gekommenen Gliedmaßen zu offensichtlich und auch für den Laien erkennbar. War es ein Glücksfall oder nur Zufall, dass bei seiner letzten Spezialuntersuchung durch einen Otologen (Ohrenarzt) noch während dessen Untersuchungen plötzlich ein Ohr abhanden kam? Der Arzt meinte dazu nur lakonisch, dass dies nicht seine Schuld sei und er alles fachgerecht durchgeführt habe.

 

Nach diesen Untersuchungen beschleunigte sich der Prozess, zuerst fehlte nur eine Lunge, dann eine Niere und als schließlich auch Josefs Herz abhanden gekommen war, bedeutete dies notgedrungen auch das Ende Josefs.

 

Auf seinem Totenschein stand mit der in der Medizin üblichen lapidaren Kürze:

 

 Der Patient J. verstarb an progredienter Fragmentierung, ein Fremdverschulden kann ausgeschlossen werden.

 

(Anm.: die universitäre Forschung war glücklich über Josefs Tod, da es jetzt ein neues zu erforschendes Krankheitsbild gab das sogar Ansätze für viele ganz unterschiedliche medizinische Disziplinen bot. Bald erschienen Publikationen in unterschiedlichen Fachjournalen, welche die Folgerung aufzwangen , dass auch die moderne Medizin als Wissenschaft an progredienter Fragmentierung litt).

 

(2012)

 

 

 

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