Aus dem Tagebuch eines Grenzbeamten

 

 

Grenze Tirol-Bayern, Felsmarkierung - © Autor Kontrolstelle Kundl, Source: own work, 9.10.2010

 

Gelegentlich besuche ich einen älteren Grenzbeamten, weil ich weiß, dass ich dem freundlichen, depressiven Mann damit eine Freude bereite. Wir trinken dann zusammen auf die guten alten Zeiten, wobei ich nicht genau weiß, worauf ich da trinke – aber ich bereite ihm damit ein paar angenehme Stunden. Nach dem dritten Obstler holt er dann meist sein altes Tagebuch hervor und liest mir einige Stellen daraus vor. Es muss erwähnt werden, dass der alte Grenzbeamte noch keineswegs pensioniert ist, nach Abschaffung der politischen Grenzen wurde er an eine völlig bedeutungslose Grenze zwischen Sein und Nichtsein versetzt, vielleicht hatte die Grenzbeamtenbehörde ihn jetzt überhaupt vergessen, weil es auch diese Behörde möglicherweise gar nicht mehr gab – Hauptsache, sein monatliches Gehalt wurde regelmäßig überwiesen. Die Grenzenlosigkeit war es schließlich, die den gealterten Mann depressiv gemacht hatte, weshalb er stets von der „guten alten Zeit“ sprach und er vergaß nie zu betonen, dass er in jungen Jahren und auch später an wesentlich interessanteren Stellen eingesetzt wurde. Im Alter muss man das nehmen, was einem zugewiesen wird – das ist die Tragik des Alters. Selbstverständlich fragte ich ihn, warum er gerade die Grenze zwischen Sein und Nichtsein als so uninteressant empfand – schließlich hielt ich diese Grenze für eine der wichtigsten unseres Daseins, weil es nur eines einzigen Schrittes bedarf, um nicht mehr zu sein. Sofort verwies er auf eine seiner letzten Eintragungen:

 

November 16: wieder 12 Personen (fünf davon weiblichen Geschlechts) kontrolliert, abgefertigt und den Grenzübertritt gestattet.

 

Er seufzte und meinte lakonisch, das sei ja das Deprimierende an seiner jetzigen Arbeitsstelle, dass die Menschen nie zurückkämen und das Kontrollieren aus dem Terrain hinaus an sich völlig überflüssig und entsetzlich langweilig sei – im Grunde so, wie wenn Asylanten an einer politischen Grenze stünden und nur dringend darauf warteten, unser Land zu verlassen, anstatt Asylanten hereinzulassen, aber immerhin müsse da zumindest geprüft, kontrolliert, telefoniert und oft sogar gleich ein Verbot erteilt werden.

 

Gut das waren einleuchtende Argumente und ich fragte ihn, an welchen Grenzen er früher eingesetzt war.

 

Seine Augen leuchteten auf und er meinte, sein interessantester Posten wäre die Grenzüberwachung von Tabus gewesen – jedoch nur anfangs. Zwar hätte es exakte Vorschriften für alles, jedoch auch große Ermessensspielräume gegeben: Wann ist eine Handlung noch gesellschaftskonform und ab wann sei eine Grenze überschritten, die als Tabubruch eingestuft und als solcher geahndet werden musste, z.B. folgende Eintragung:

 

Januar 27. 19XX: ein unverheiratetes junges Paar wollte Intimverkehr in der Öffentlichkeit betreiben – an sich nicht erlaubt, nachdem es jedoch auch früher schon Präzedenzfälle gegeben habe, musste man diese prüfen, vergleichen, die jungen Leute befragen und dann entscheiden.

 

Zwar hätte es später diese grundsätzlichen Tabus nicht mehr gegeben, was die Arbeit wesendlich spannender gemacht habe, weil es jetzt um die Frage gegangen wäre, wie weit das Paar beabsichtigte, vorhandene Tabus zu brechen. Nachdem alle vorstellbaren diesbezüglichen Tabubrüche – außer ein paar der Kriminalpolizei vorbehaltenen Delikte, abgeschafft worden waren, wurde auch dieser langweilig und unnotwendig, sodass es in seiner Grenzbeamtenlaufbahn zu einem weiteren Wechsel kam: Er wurde in die Abteilung „Kunstabgrenzung“ beordert, was ihn zur Zeit seiner Abberufung sehr interessiert habe. Früher freilich, so zwischen 1933 und 1945 sei auch das wohl ein langweiliger Job gewesen, weil es keinerlei Ermessensspielräume gab. Als Kunstgrenzbeamter musste man lediglich in eine - allerdings recht lange - Liste hinschauen und Kunstwerke eliminieren, ohne sie je gesehen zu haben - aber diese Zeit habe er ja nur als Lehrling mitgemacht und er wurde im Ausbildungslehrgang für Reichsgrenzbeamte mit theoretischen Phrasen vollgestopft, wie z.B.  „Was eine Grenze ist, wo sie anfängt und aufhört, bestimmt der Führer“. Nach 1945 wurde seine Arbeit leider auch nicht viel interessanter, weil jetzt alles erlaubt und als künstlerisch wertvoll  erklärt bzw. "entobszönisiert" wurde, wie z.B. Egon Schiele.

 

Heute ist alles wieder ganz anders – es gibt wieder neue Grenzkontrollen, meinte der Grenzbeamte, da brauche man jedoch nur junge Kräfte, die sicher kein arabisch und keine slawischen Sprachen beherrschen - er könne diese Sprachen zwar auch nicht, aber zumindest könnte er einen Araber von einem waschechten Tiroler unterscheiden!

 

„Und 1610 bzw. 1844 wäre es eine ganz besondere Herausforderung gewesen! Da musste man sogar zwischen Bayern und Tirolern unterscheiden können – das könnten heute nicht einmal mehr die Wiener oder Vorarlberger!“

 

Wir genehmigten uns noch einige Obstler und ich versprach dem Grenzbeamten, bald wiederzukommen um weitere Fort- oder Rückschritte der Europapolitik zu besprechen.

 

(1.9.2017)

 

 

 

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