Ist Christentum ein Auslaufmodell?

 

Kreuz 4 - © Alfred Rhomberg

 

 

Die oft vordergründigen Argumente für Kirchenaustritte und die Unzufriedenheit mit den Amtskirchen sind ernst zu nehmen, geht es doch um mehr: kann eine Religion, die in der Defensive lebt und sich nur ansatzweise mit den Realitäten unseres Lebens auseinandersetzt, die nächsten Jahrhunderte überleben? Reicht der gute Wille von Papst Franziskus I aus, um das Versäumte nachzuholen?

 

Weltweit gibt es derzeit etwa 2,1 Milliarden Christen, 1,3 Milliarden Anhänger des Islam und ca. 350 bis 500 Millionen Hinduisten. Der zunehmend in Mode kommende Buddhismus ist eher Lehrtradition als Religion, denn Buddha verstand sich nicht als Gott oder Überbringer einer Gotteslehre, der Übergang zwischen Philosophie und Religion ist daher, je nach Erdregion, fließend. Der Buddhismus sucht den Einklang mit der Natur aller Dinge in einer kontemplativen Haltung bzw. in methodischem Erkenntnisgewinn.

 

Mehr als 2 Milliarden Christen bedeuten ein Viertel der Weltbevölkerung, im Gegensatz zum Islam gibt es jedoch kein Wachstumspotenzial, sondern der prozentuale Anteil aller christlichen Konfessionen wird sich in der Zukunft weiter deutlich verringern. Hierfür gibt es mehrere Gründe, die im Folgenden näher analysiert werden. Zuvor ist ein kurzer historischer Ausflug über den Werdegang der Bibel notwendig, um die sprachliche (und damit auch sachliche) Problematik der Bibel als einer der Gründe für Kirchenaustritte besser zu verstehen.

 

Das Alte Testament als wesentliches Fundament des christlichen Glaubens fußt auf den fünf Büchern Moses, die etwa 440 v. Chr. geschrieben wurden und ist das Ergebnis eines langen Überlieferungsprozesses. Das Neue Testament beginnt mit dem Juden Jesus von Nazareth (Hebr. 19,17), der noch die Tora lehrte und erst nach seinem Tode und der Auferstehung, im engeren Sinne sogar erst mit den Evangelien, die zum neuen Bund des heutigen Christentums hinführten, weil ein „Testament“ auch im Altertum erst nach dem Tode gültig wurde. Das alte Testament wurde noch von vorchristlichen Juden (vermutlich sogar aus dem Aramäischen) ins Griechische übersetzt, ebenso wurden die vier Evangelien (Ende des 1 und 2. Jahrhunderts nach Christus) griechisch verfasst (Septuaginta) und erst später lateinisch übersetzt. Die lateinische Fassung (Vulgata) war zwar ab dem 8. bis 9. Jahrhundert im allgemeinen Gebrauch, wurde jedoch erst 1546 im Konzil von Trient für authentisch erklärt. Die deutschen Übersetzungsarbeiten von Martin Luther begannen bereits ca. 1522, wurden aber erst nach mehreren Jahren veröffentlicht und waren sofort vergriffenen. 1545 wurden die Ausgaben von Luther endgültig korrigiert und gelten als „die deutsche Bibel“ schlechthin. Es ist nicht ganz richtig, dass sich Luther vollständig von der lateinischen Vulgata abwandte und seine Bibel nur aus den griechischen und hebräischen Übersetzungen schöpfte, ein Großteil der Luther-Bibel stammt aus der spätmittelalterlichen Vulgata und gilt bis heute als eine der besten Übersetzungen eben dieser Vulgata.

 

Die deutsche Sprache der einheitlichen Bibelübersetzung für den gesamten deutschsprachigen Raum Europas (1972-1979) war schon in ihrer Entstehungszeit antiquiert, sodass man sich nicht wundern sollte, wenn sich die Menschen heute von der Bibel mehr und mehr abwenden. Der Autor ist sich - als vom Protestantismus zur katholischen Kirche konvertierter Christ und Naturwissenschaftler – heute nicht mehr so sicher, ob die Übersetzung ins „Deutsche“ durch Martin Luther überhaupt nützlich war, auf jeden Fall waren die Reformnsätze Luthers aus heutiger Sicht unzureichend. Die der heutigen Sprache nicht mehr entsprechende Ausdrucksweise in vielen Teilen der Bibel wird zunehmend zeitgemäß hinterfragt und von den Menschen unserer Zeit wohl kaum noch sinngemäß richtig verstanden, selbst wenn Pfarrer und Priester versuchen, den Sinn von Bibeltexten in ihren Predigten verständlich zu machen.

 

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein spricht in seinem bekanntesten Werk „Tractatus logico-philosophicus“ Kernwahrheiten aus, die m. E. weitgehend gültig sind:

 

 „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen“

„und wovon man nicht reden kann, davon muss man schweigen“

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ *)

 

*) Anm.: Wittgenstein zieht Bilder in den Sprachbegriff mit ein, darüber hinaus sollte der 3. der oben genannten Sätze jedoch erweitert werden, weil alles was unsere fünf Sinne unserem Gehirn senden, dort verarbeitet wird und „die Grenze meiner Welt“ bedeutet.

 

Zweifellos kann man bei Glaubensfragen über vieles „nicht reden“ und daher muss man es „glauben“ – etwas das in der Philosophie nicht vorgesehen ist, weshalb in der Religion die Sätze Wittgensteins nicht uneingeschränkt angewendet werden können. Dies gilt nur für wenige Abschnitte des Alten und Neuen Testaments. Die meisten Texte ließen sich dagegen leicht in eine klare, unserer Zeit angemessenere Form umsetzen. Es ist für den Autor selbstverständlich, dass weder die lateinische „vulgata“ noch die heutige Einheitsübersetzung der Bibel im theologischen Gebrauch durch eine völlig neue Bibel ersetzt werden sollten, wir verwerfen ja auch nicht die Schriften des Augustinus oder Platons. Eine zeitgemäßere Form wäre für Kirchenbesucher unserer Zeit jedoch wünschenswert. Formulierungen wie „Adam erkannte noch einmal seine Frau. Sie gebar einen Sohn und nannte ihn Set“ (Die Nachkommen Sets, 4,25) entsprechen einfach nicht mehr unserem heutigen Sprachgebrauch. Manche Darstellungen u.a. aus dem 2. Buch Mose, Exodus, Kapitel 13-15 über die Verfolgung der Israeliten und deren Durchquerung des Roten Meeres, bei welcher die Ägypter durch die wieder einfallenden Wassermassen getötet werden und der Lobgesang auf die geretteten Israeliten, passen nicht zum Gottesbild des Neuen Testamentes.

 

Oder: Das Gericht über Sodom und die Rettung Lots:

 

Da ging Lot zu ihnen hinaus vor die Tür, schloss sie hinter sich zu und sagte: Aber meine Brüder, begeht doch nicht ein solches Verbrechen! Seht, ich habe zwei Töchter, die noch keinen Mann erkannt haben. Ich will sie euch herausbringen. Dann tut mit ihnen, was euch gefällt. Nur jenen Männern tut nichts an; denn deshalb sind sie ja unter den Schutz meines Daches getreten“.

 

Anm.: Das Gastrecht ist im Alten Orient so heilig, dass Lot notgedrungen lieber die Preisgabe seiner Töchter wählt, als dass er seine Gäste preisgibt (vgl. Ri 19,24f).

 

Sätze dieser Art gibt es viele im Alten Testament und auch das Neue Testament enthält schlecht formulierte Textstellen, die in ihrer Aussage heute nicht mehr verstanden werden. Bei dieser Aussage steht berechtigterweise die Entgegnung der Amtskirche im Raum, man könne nicht jeder Zeitströmung hinterherlaufen, eine Aussage, welcher der Autor im Prinzip zustimmt. Auf der anderen Seite laufen die Amtskirchen der Jugend und Teilen der Bevölkerung dennoch durch moderne Gestaltungsweisen der Gottesdienste, z.B. durch Gospelsongs (dort wo diese nicht geografisch-historisch bzw. kulturell verankert sind) oder moderne schlagerartige Musik als zweifelfafter Versuch hinterher, die Jugend nicht zu verlieren. Wenn keine tiefergreifende Bindung an das Christentum gelingt, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Jugend den Gottesdiensten bald fern bleibt, weil die Musik in der nächsten Diskothek vermutlich „besser“ ist. Beim Fernbleiben von Gottesdiensten bleibt es jedoch meist nicht, viele treten aus den Kirchen mit der Begründung aus „die Inhalte sagen mir nichts mehr“. Was sie dabei nicht berücksichtigen ist, dass sie in eine Orientierungslosigkeit, d.h. in eine Welt eintreten, die vom jeweiligen Mainstream bestimmt ist, der sich schnell ändert und die Jugend mit ihren seelischen Problemen zurücklässt.

 

Die sprachliche Problematik beruht wesentlich darauf, dass die Urtexte und Übersetzungen von Menschen geschrieben wurden, die vor teilweise mehr als 2000 Jahren gelebt haben. Die Sprache des Alten Testamentes ist nicht nur die Sprache einer vergangenen Zeit, auch der Sprachraum und die Gesetze dieser Zeit sind für uns heute nicht mehr verständlich, wir haben bekanntlich sogar Schwierigkeiten, uns in die Lebensformen des europäischen Mittelalters hineinzudenken. Auch die Sprache Luthers vor fast 500 Jahren ist der heutigen Zeit nicht mehr angemessen. Bei den "Lesungen", die ja den Besuchern etwas ganz Bestimmtes mitteilen sollen, wäre der Satz Wittgensteins  „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen“ sicherlich angebracht.

 

Ein tiefer greifender Vorwurf, der den Kirchen nicht ersparen werden kann, ist die Weltfremdheit bezüglich den Realitäten unserer Zeit, insbesondere wie wissenschaftliche Erkenntnisse behandelt oder sogar ignoriert werden. Dass Naturwissenschaften und Kirche seit dem Mittelalter einen problematischen Umgang pflegten, ist bekannt, immerhin gab es jedoch früher häufigere Diskussionen der Kontrahenten, die eigentlich keine Kontrahenten sein dürften. Oft endete diese Diskussion mit der kirchlichen Verurteilung von Wissenschaftlern, die Kirche hat es sich früher mit der Verurteilung oft nicht immer leicht gemacht. Bis Galileo Galilei schließlich in Ungnade der Kirche fiel, gab es innerhalb der Kirche hochrangige Kirchenfürsten, die seine Weltsicht nicht ablehnten. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts hatte sich die Kirche noch intensiver mit den Naturwissenschaften auseinandergesetzt, nicht zuletzt stammen die ersten umfassenden Atlanten über spektroskopische Charakteristica von chemischen Elementen (UV-Spektren) aus der vatikanischen Sternwarte, die noch heute existiert. Teilhard de Chardin (1881 – 1955) studierte als Jesuit Geologie, Physik und Chemie und erhielt nach dem ersten Weltkrieg den Ordensauftrag weltweit zu forschen bis seine Schriften in Ungnade fielen, sodass er die Veröffentlichung seines Hauptwerkes „Le Phénomène Humain“ (1959) nicht mehr erlebte, weil der Vatikan den Druck des Buches ablehnte. T. de Chardin wurde aus Frankreich verbannt, gehorchte jedoch stets den Ordensregeln und starb 1945 in New York. Ein wesentliches Thema Chardins ist die Verbindung des christlichen Weltbildes mit dem der Naturwissenschaften.

 

Es gäbe viele Themen, bei denen ein wahrhaftiger (nicht vorgetäuschter) Dialog zwischen der Kirche und den Naturwissenschaften heute dringend erforderlich wäre. Bei Positivisten mit der Denkhaltung des 19. Jahrhunderts wird die Kirche zwar auf taube Ohren stoßen, die Mehrzahl aller nichtgläubigen NaturwissenschaftlerInnen und MedizinerInnen sind jedoch Agnostiker, bei denen die Diskussionsbereitschaft erfahrungsgemäß noch besteht. Gentechnologie und die Stammzellenforschung fordern den Dialog geradezu heraus. Die Diskussion der Darwinschen Evolutionstheorie wird heute u.a. vom österreichischen Kardinal Schönborn in einem neutralen (nicht lediglich von der Religion bestimmten) Raum weitergeführt, der sowohl von kirchlicher Seite als auch von den Naturwissenschaftlern vielfach missverstanden wird. So stellte der Kardinal in einem Vortrag bei den Alpacher Hochschulwochen 2006 zu Recht fest, dass sich heute besonders die Naturwissenschaftler jeder Diskussion entziehen und ihnen vorwarf, dass sie sich in ihrer Verweigerungshaltung so verhielten, wie es früher der katholischen Kirche vorgeworfen wurde. Die Auseinandersetzung mit der Evolutionsgeschichte ist ja deswegen ein wesentliches Thema für jeden Christen, weil es mit dem Buch Genesis in dessen Form als Glaubenswahrheit kollidiert. Dies wäre nicht der Fall, wenn dieses Buch allenfalls als mythologisch formulierte Vorstellung dargestellt würde.

 

Man mag die Auseinandersetzung mit der Evolutionstheorie als im Prinzip unwesentlich betrachten, sofern es eine Einigung darüber gäbe, dass Gott als Schöpfer auch später noch in die Schöpfung eingreift. Dies ist aber zum Teil Glaubenssache, andererseits wird in der Kosmologie angenommen, dass die „Schöpfung“ nicht beendet ist, sondern sich weiterhin in der Entstehung neuer Welten (und Universen?) manifestiert. Eine für beide Teile akzeptable Sprachregelung sollte daher als Folge eines Dialogs möglich sein.

Wichtiger wäre im Augenblick die Diskussion der Naturwissenschaften mit einer weltzugewandten Kirche über die anderen obengenannten Probleme (Gentechnologie und  Stammzellenforschung), weil diese nicht vergangenheitsbezogen sind, sondern unser Leben unmittelbar betreffen. Vieles ist heute möglich – auch Dinge, welche die Grenzen unserer derzeitigen ethischen Vorstellungen übersteigen, denn es wird in kurzer Zeit noch sehr viel mehr möglich sein, was ethisch heute angreifbar ist. Es wäre daher allerhöchste Zeit, dass die christlichen Kirchen sich den neuen Herausforderungen praxisnaher stellten und nicht nur mit Verboten, die in der Vergangenheit sinnvoll waren, auf neue Entwicklungen reagieren.

 

Eine Kirche, die sich nicht den Menschen mit all seinen Problemen voll zuwendet, wird immer weniger Akzeptanz in der Zukunft finden. Papst Franziskus ist, auch wenn er als konservativer Papst gilt, zwar ein Hoffnungsanker für viele, weil er zu einer neuen Bescheidenheit in der Kurie aufruft und die Menschen direkter anspricht als viele seiner Vorgänger und auch in Fragen zum Zölibat offener zu sein scheint. Ob er sich der dringend erforderlichen Diskussion mit den Naturwissenschaften und der modernen Medizin aktiv stellen wird, bleibt abzuwarten - meht noch: ob Nachfolger von Papst Franziskus I seinen beschrittenen Weg weiterführen werden, ist aus heutiger Sicht sehr fraglich.

 

(redidigiert 1.7.2018, erstmals hier publiziert 5.8.2014 )   

 

 

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