347 leere Seiten

 

 

347 leere Seiten - © Alfred Rhomberg

 

 

AR legte seinem Verleger ein Schriftstück vor das er als seine Biographie bezeichnete - den Ausdruck „Manuskript“ vermied er aus einem später ersichtlichen Grund. Der Verleger überflog die Seiten mit dem geübten Blick eines Menschen der gewohnt ist, mit Büchern umzugehen und stellte verwundert fest, dass alle Seiten leer waren.

 

AR meinte, das sei beabsichtigt, er wolle das Wenige, das er erlebt habe nicht künstlich „aufblasen“ - ein typischer Marketingausdruck, der AR sonst selten über die Lippen kommt und ergänzend: hierfür gäbe es bereits genügend negative Beispiele.

 

Warum das geplante Buch dann so dick sei, fragte der Verleger?

 

AR antwortete, er habe dies aus rein markttechnischen Gründen so konzipiert – wer würde schon ein einziges leeres Blatt kaufen – er selbst jedenfalls nicht!

 

Warum AR dann überhaupt eine Biographie schreibe?

 

AR sagte dazu, dass er dies seinen Lesern schuldig sei – jeder x-Beliebige könne bekanntlich schreiben, wann er geboren sei, welche karge Kindheit er habe erleiden müssen, wie viele Freundinnen er gehabt habe und wie viel eigene Kraft dazu gehöre, ein Leben zu führen, um das alles dann in einer umfangreichen bibliographischen Arbeit geschönt niederzuschreiben. Er jedenfalls brauche nichts zu beschönigen und hätte auch nichts zu verbergen und um dies zu unterstreichen, aber auch um die Phantasie des Lesers anzuregen, habe er diese Form gewählt.

 

Wenn er nichts zu verbergen habe, so könne er doch vielleicht etwas Einfallsreicheres über dieses nicht zu Verbergende schreiben?

 

AR: es täte ihm leid, er verstünde diese Argumentation nicht, wer nichts zu verbergen habe sei für Leser völlig uninteressant, alles wirklich Interessante geschehe ja im Verborgenen. Solle er (AR) eine Liebschaft mit Sophia Loren zugeben, nur weil etwas Unwahres in der Biographie stehen müsse. Oder solle er geheime Machenschaften im internationalen Ölgeschäft preisgeben? Auch die Tatsache, dass sein Chemiestudium ca. 3650 Tage gedauert habe, sei letztlich uninteressant, weil 99,97 Prozent aller chemischen Versuche als nicht gelungen im Abfalleimer landeten, obwohl diese Tätigkeit ihm (AR) mehr als 3650 Tage seines Lebens gekostet habe.

 

Der Verleger fragte kurz, was AR dann überhaupt mit einer Biographie von 347 Seiten bezwecke.

 

Und hier folgte nun jenes statement von AR, welches seinerzeit in der Literaturszene für Aufsehen sorgte:

 

"Er (AR) meine, dass - so wie alles bereits schon einmal gedacht, ebenso auch alles bereits einmal beschrieben worden sei. Ein leeres Buch mit 347 Seiten könne dazu beitragen, neue Leserkreise die noch über etwas Phantasie verfügten, zu erreichen. Jeder könne (müsse aber nicht) gewisse Abschnitte seines eigenen Lebens in die leeren Seiten eintragen – ja es ließe sich sogar vermuten, dass besonders phantasiebegabte LeserInnen diese sozusagen physische Niederschrift vielleicht gar nicht einmal benötigten, sondern dass sie die leeren Seiten auch nur mit ihren eigenen Gedanken in nicht physischer (also rein gedanklicher) Form füllen könnten, was erhebliche Vorteile für die LeserInnen habe, weil sie die einmal angedachten Gedanken jederzeit wieder revidieren könnten".

 

Dieses Argument schien den Verleger, der gewohnt war, mit Büchern umzugehen, zunehmend zu interessieren und während er den Ausführungen des AR weiter zuhörte, griff er geistig bereits zu jenem Telefon, mit welchem er alle Ressortleiter seines Hauses zusammenrufen konnte und meinte zu AR, dass ihn die Idee außerordentlich fasziniere, er denke da besonders an eine Parallele zu den bildenden Künsten, in denen es ja auch Werke gäbe, die einzig und allein dazu geschaffen worden seien, die Phantasie des Betrachters einzubinden. Nach dem Vorschlag, die Biographie eventuell um ca. 100 Seiten zu erweitern, tranken der Verleger und AR ein Glas Champagner und der Verleger verabschiedete sich herzlich von AR.

 

In der sofort einberufenen Ressortleiterkonferenz, wurden alle Details umfassend erörtert, Einzelheiten, die eigentlich auf der Hand lagen: man brauchte bei dem Projekt keine Lektoren zu bezahlen, die Druckkosten fielen gänzlich weg, ein billiger Buchbinderbetrieb würde sich finden lassen etc. Ein Marketingleiter bedauerte, dass Marcel Reich-Ranicki nicht mehr das literarische Quartett leite, weil dieser durch seine bekannt scharfen Buchkritiken und einen Veriss der Biographie von AR den Absatz hätte gewaltig steigern können, was für den Fall, dass die Zahl phantasiebegabter Leser möglicherweise doch zu gering sei, ein durchaus nicht uninteressanter Aspekt für einen Verkaufserfolg gewesen wäre.

 

Ressortleiter denken immer zuerst ans Geld, während AR sich Gedanken darüber machte, ob er seine Biographie nicht lieber unter einem Pseudonym veröffentlichen solle - vielleicht RA?

 

(Version 15.8.2013)

 

 

 

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