Wenn Du keine Sterne im Zimmer hast ...

 

Ursa Major Constellation (Großer Bär) - © Wikipedia, Publik Domain, grafisch etwas verändert

 

Als Kind hatte ich mir das immer gewünscht - wie oft hatte ich in den Himmel geschaut. Die Sterne sahen ja so klein aus, als ich dann größer wurde, hat mir die Schule diese Illusion genommen, so wie die Schule mir viele Illusionen geraubt hat. Man nennt diesen Vorgang Wissensbildung: Non scholae, sed vitae discimus, also: „nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“.

Es gibt aber auch ein Zitat aus einem Brief von Seneca an Lucilius, in welchem das Zitat umgekehrt dargestellt wird:

Zitat: „Kinderspiele sind es, die wir da spielen. An überflüssigen Problemen stumpft sich die Schärfe und Feinheit des Denkens ab; derlei Erörterungen helfen uns ja nicht, richtig zu leben, sondern allenfalls, gelehrt zu reden. Lebensweisheit liegt offener zu Tage als Schulweisheit; ja sagen wir’s doch gerade heraus: Es wäre besser, wir könnten unserer gelehrten Schulbildung einen gesunden Menschenverstand abgewinnen. Aber wir verschwenden ja, wie alle unsere übrigen Güter an überflüssigen Luxus, so unser höchstes Gut, die Philosophie, an überflüssige Fragen. Wie an der unmäßigen Sucht nach allem anderen, so leiden wir an einer unmäßigen Sucht auch nach Gelehrsamkeit: Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ (Deutschübersetzung Klaus Bartls aus „Veni vidi vici, geflügelte Worte aus dem Griechischen und Lateinischen).

Die Schule hat, seit es die allgemeine Schulpflicht gibt, eher nach der ersten Maxime gehandelt, wobei sich das, was wir unter „Leben“ verstehen, entsprechend den technologischen Entwicklungen, stets etwas gewandelt hat. Früher wurde außer Fächern, die für das „praktische“ Leben wichtig sind (Rechnen, Schreiben, Lesen, Fremdsprachen, etwas Physik und Chemie) ein oft sehr breites Allgemeinwissen vermittelt, das heute zunehmend als unnotwendiger Ballast empfunden wird. Immer mehr steht die „Berufsorientierung“ im Mittelpunkt, obwohl vieles später im ergriffenen Beruf besser erlernbar wäre bzw. durch firmeneigene Seminare gelehrt werden sollte. Für höhere Schulen, aber auch für Universitäten sollte jedoch die Erfahrung gelten: „Nichts veraltet so schnell wie Spezialwissen“.

Genau an diesem Punkte angelangt, sollte man sich wieder ein bisschen auf die alten Schulsysteme besinnen, sie zwar etwas entrümpeln, aber unbedingt vermeiden, dabei „Illusionen“ zu zerstören.Obwohl Illusionen eine verfälschte Wahrnehmung darstellen, kann man gerade durch diese Verfälschung zu neuen Ideen gelangen, die dann zu Innovationen führen können, sei es im praktischen Leben (Technologien) oder in der Kunst. Hier sei an die von Wilhelm Wundt, 1832.1820, gilt als erster Psychologe) erforschte Psychophysik erinnert, die sich intensiv mit Sinnesempfindungen, dem Begriff der Aufmerksamkeit und der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie beschäftigte. Wundt mag in seinen Schriften nicht immer kohärent im Sinne von „einheitlich“ wirken, besonders nicht in seinem etwas metaphysischem Voluntarismus und seinen Ethikvorstellungen, man wird aber zum Nachdenken angeregt.

Anm. Voluntarismus ist die Lehre von der Bedeutung des Vorrangs des Willens, meist in Abgrenzung zum Verstand.

Manchmal wünschte ich mir als Naturwissenschaftler wieder ein paar Sterne in mein Arbeitszimmer zurück holen zu können – allerdings würde ich sie durch meinen im Beruf erlangten Realitätssinn wieder etwas zurückschrumpfen, wenn sie zu groß oder gefährlich würden.

 

(15.11.2018)

 

 

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