jung sein

 

 

jung sein - (c) Alfred Rhomberg

 

Sowohl das „Jungsein“, als auch das „Altsein“ werden in unserer Gesellschaft noch immer zu wenig verstanden – die Gesellschaft und die Politik reduzieren beides oft auf die damit verbundenen Kosten. Zwar bemühen sich pädagogische Wissenschaften einerseits und die Gerontologie andererseit, diese wichtigen Lebensabschnitten besser zu verstehen - vieles bleibt jedoch im Experimentierstadium oder in den Studienseminaren hängen. Ausgehend von einer Beobachtung der Bilder von Kindergartenkindern versucht dieser Beitrag das Potenzial, das in allen Kindern steckt, zu analysieren.

 

Alle drei Jahre stellt der Kindergarten Igls, dem Wohnort des Autors, im Rahmen der „Igler Art“ Bilder von Kindern aus. Der 3-Jahresrhythmus ist deswegen gewählt, damit jedes Kind während seiner Kindergartenzeit einmal die Chance hat, seine Bilder auszustellen. Für den Autor, selbst Mitglied der Igler Art Künstlergruppe, ist diese Präsentation besonders interessant, weil ich regelmäßig feststelle, dass die Bilder der kleineren Kinder origineller als diejenigen der größeren sind. Ich vermeide absichtlich die Bezeichnung „kreativer“, weil unter Kreativität etwas anderes verstanden wird, als es der Fähigkeit von Kindern entsprechen kann – Kinder sind nicht kreativ, sondern sie gehen weitgehend unbeeinflusst an die Dinge ihrer Umgebung heran.

Dazu zwei Definitionen über den Begriff „Kreativität“:

 

Kreativität wird im Brockhaus als „die Fähigkeit, originelle, ungewöhnliche Einfälle zu entwickeln und sie produktiv umzusetzen“ definiert.

 

und:

 

Kreativität ist die Fähigkeit produktiv gegen Regeln zu denken und zu handeln

 

Beide Definitionen sind im Sinne der heutigen Vorstellungen über Kreativität richtig, wobei mit die zweite Definition aufgrund meiner Berufserfahrung besser gefällt. Ein Kind ist zwar in der Lage ungewöhnliche (originelle) Einfälle zu haben, bewusst gegen Regeln zu denken und zu handeln ist dem Kind jedoch kaum möglich.

 

Je älter ein Kind wird, desto mehr setzen abstrakte Denkprozesse ein, die durch die Schule und die spätere weitere Ausbildung stärker gefördert werden, als kreatives Handeln. Am Ende eines Studiums kann die Fähigkeit zur Kreativität so verkümmern, dass sie neu erlernt werden muss.

Daraus leiten sich wesentliche Erziehungserfahrungen für die Schule ab. Abstraktes Denken ist für einen zukünftigen Beruf zwar unabdingbar und wird in der Schule zu Beginn durch das Erlernen von Rechnen, Schreiben und Lesen und den damit verbundenen Rechen- und Grammatikregeln gefördert. In weiterführenden Schulen durch Fächer wie Physik, Chemie und Mathematik kommen musische Fächer wie Malen/Zeichnen und Musik dagegen oft zu kurz. Dass Eltern ihre Kinder in Musikschulen (oder seltener in Malschulen) anmelden, ist begrüßenswert, da dies jedoch vom Bildungsgrad und den finanziellen Möglichkeiten der Eltern abhängt, ist die häufig georderte Chancengleichheit auch in dieser Hinsicht nicht gegeben. Die beliebten Auswege der "musischen" Gymnasien oder Waldorfschulen vernachlässigen oft wegen der zunehmenden Tendenz auf Benotungen zu verzichten, die Erziehung zum im späteren Leben erforderlichen Ehrgeiz bzw. Leistungswillen.

 

„Jung sein“ ist heute schwieriger als in der Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs. Die meisten Kinder werden in eine Überflussgesellschaft hineingeboren, die sowohl für diejenigen aus begüterten Elternhäusern, als auch für Kinder aus ärmeren Verhältnissen schädlich ist. Erstere haben von allem zu viel, letztere müssen zuschauen, was die anderen an Überflüssigem haben, ohne zu wissen, dass das meiste davon überflüssig ist. Grundsätzlich wird heute unterschätzt, dass eine glückliche Kindheit nicht von der Überfülle an Spielzeug und Trendkleidung abhängt, sondern von der Zuwendung, die es von ihren Eltern erfährt und hier gibt es sowohl bei reicheren als auch ärmeren Familien gegenüber den Nachkriegsjahren gewaltige Defizite. Man weiß das zwar, entsprechende Konsequenzen, die auch von der Politik gefördert werden müssten, halten sich jedoch in Grenzen.

 

Wer das anfangs vorgestellte Beispiel der Bilder im Kindergarten Igls gedanklich weiterführt, müsste erkennen, was in junge Gehirne eigentlich hineingepackt werden könnte. Stattdessen werden diese kleinen Gehirne frühzeitig durch Spiele mit Handies oder primitiven Computersielen zugeschüttet – ein Schaden, der nur schwer in der Zukunft reparabel ist.

 

Bleibt noch die Frage zu beantworten, wie lange „jung sein“ hinsichtlich des Lebensalters definiert werden soll. Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, jung sein endet nicht mit dem gesetzlich festgesetzten Jugendschutzalter von 16 Jahren. Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass Jugendliche heute physisch früher, psychisch dagegen später erwachsen werden. Verallgemeinern lässt sich das nicht – in meinem gleichaltrigen Bekanntenkreis sind viele der Meinung, als zwölfjährige hinsichtlich kreativer Fähigkeiten und Lebenserfahrung reifer gewesen zu sein. In der Erinnerung ist so etwas schwer zu beurteilen - kriegsbedingt hatten wir möglicherweise etwas mehr Lebenserfahrung, trotzdem waren wir in mancher Hinsicht wohl naiver.

 

(2010) 

 

 

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