Ist Kapitalismus heilbar? Die Auswirkungen des Kapitalismus ab Adam Smith

 

Exitus des Kapitalismus - © Grafikmontage Alfred Rhomberg

 

Die Eingangsfrage ginge davon aus, den Kapitalismus als Krankheit zu betrachten – wenn dieser Vergleich stimmte, würde leider der Grundsatz gelten: je weiter eine Krankheit fortgeschritten ist, desto schwerer heilbar ist sie.

Als Ausgangspunkt der nachfolgenden Kapitalismusdiskussion wurde bewusst der schottische Nationalökonom und Moralphilosoph Adam Smith (1723-1790) gewählt, der nach den feudalen und später städtischen Strukturen des Mittelalters bzw. der beginnenden Neuzeit zu Beginn des Maschinenzeitalters zum ersten Mal das Thema „Kapitalismus“, wenn auch aus heutiger Sicht zu idealisierend, wissenschaftlich betrachtete.

Schon in seinem ersten Buch „Theorie der ethischen Gefühle“ (1759) glaubt Smith, dass die Selbstregulierung als „unsichtbare Hand“ des Marktes durch „Gleichgewichtspreise“ Vertrauen verdient, und später in seinem Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen“ (1778), dass der Eigennutz ein wichtiger Motor für Wohlstand und dessen gerechte Verteilung ist. Smith beschreibt, wie der Einsatz von Kapital zu einem Ertrag und der Ansammlung von Gewinn führt, der für technische Neuerungen notwendig ist, sieht aber auch schon die Ambivalenz des Einsatzes von Kapital von „Ertrag oder Gewinn“ (revenue or profit). Seine Idealvorstellung mögen Ende des 18. Jahrhunderts nach der Verbesserung der Dampfmaschine (James Watt, 1769) noch einigermaßen gegolten haben, obwohl der „Manchesterkapitalismus“ schon zu dieser Zeit sein „böses Gesicht“ durch Kinderarbeit, lange Arbeitszeiten und totale Ausbeutung der Arbeiter zu zeigen begann. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, insbesondere ab etwa 1850, brachte die zunehmende Industrialisierung jedoch auch in anderen Industrieländern (Deutschland, Österreich-Ungarn, USA...) tiefe Eingriffe in die soziologischen Strukturen der Arbeitswelt. Das im Biedermeier eher kulturbeflissene Bürgertum verwandelte sich zum Teil in ein Wohlstandsbürgertum, das aus Fabrikantenfamilien bestand, die ihren Wohlstand zu Lasten der Arbeiter auslebten. Dass dies der Boden für Revolutionen (Weberaufstand 1844, die Revolution in Deutschland 1848/49) und für die Ideologien des Sozialismus und Marxismus war, ist leicht nachvollziehbar.

Wenn man den Vergleich des Kapitalismus mit einer Krankheit weiter ausspinnt, so sind Revolutionen kein sinnvolles Heilmittel (wie dies durch die Geschichte bewiesen wurde), sie können zwar zu neuen Staatsgebilden und neuen Wirtschaften führen, aber erst nachdem der vorangegangene „Organismus“ zerstört und nicht durch wirksame Heilmittel (z.B. Antibiotika) geheilt wurde. Vermutlich hätte es in der Industriegeschichte gar keiner Revolutionen bedurft, um die absolute Abhängigkeit vom Arbeitgeber (ohne irgendwelche sozialen Leistungen) zu erreichen. Allein durch die technischen Innovationen am Ende des 19. Jahrhunderts wurden anstelle ungelernter und daher auswechselbarer Arbeitskräfte zunehmend ausgebildete Facharbeiter erforderlich. Solche Arbeitskräfte waren rar und mussten daher durch bessere Arbeitsbedingungen an eine Firma gebunden werden. Vermutlich waren auch aus diesem Grunde die Bismarck’schen Sozialgesetze der Krankenversicherung (1883), der Unfallversicherung (1884) und der etwas später eingeführten Rentenversicherung im Parlament des Deutschen Reiches, wenn auch erst im dritten Anlauf, durchsetzbar (s. Anm.). Bismarck hatte zwar einige Industrielle, jedoch nicht die Mehrheit auf seiner Seite, weil die Kosten der der Unfallversicherung von den Industriellen bezahlt werden mussten und „Sozialversicherungsträger“ im heutigen Sinne fehlten. Die Krankenversicherung wurde dann zu 1/3 von den Arbeitgebern und zu 2/3 von den Arbeitnehmern bezahlt.

Anm.: Otto von Bismarck hatte die Sozialgesetze u.a. auch aus dem Grund durchgesetzt, um den sozialistischen Bewegungen zuvorzukommen und weitere Revolutionen zu vermeiden und weil sie ihm als einzige Lösung schien, die soziale Not der Arbeiterschaft in den Griff zu bekommen. Diese Gesetze wurden nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und der Schweiz von der Idee her fast unverändert übernommen. Näheres (1)

Die Krankheit „Kapitalismus“ legte notgedrungen während der beiden Weltkriege und in der Zeit des Wiederaufbaus eine „Rekonvaleszenzphase“ ein, die erst durch die wachsende Globalisierung als eine neue Art der Kolonialisierung (s. a. den inhaltsgleichen Titel dieses Magazins) nach dem Zusammenbruch der UDSSR neu aufflammte und im Neokapitalismus ab ca. der 90-iger Jahre verschiedene Formen annahm, wobei in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften oft zwischen zwei Varianten unterschieden wird: dem „Rheinischen Kapitalismus“ (in Deutschland, den skandinavischen Ländern und in Großbritannien) und dem „Neo-amerikanischen Kapitalismus“. Entwicklungen in den USA, die bereits in den 90-iger Jahren dem späteren Finanzcrash durch die US-Immobilienkrise (2007/2008) vorausgingen bzw. ihn sogar ausgelöst hatten, bedeuteten letztlich die „Krisis“ im Neo-amerikanischen Kapitalismus, dem später 2009/2011 die Eurokrise folgte und aus der viele Länder der Welt bis heute nicht geheilt werden konnten.

Anm.: Auf Einzelheiten dieser krisenhaften komplizierten Entwicklungen soll hier nicht näher eingegangen werden, außer, dass rezessive Entwicklungen der 90-iger Jahre in den USA zu der Ansicht führte, dass man „Kapital“ nur durch Immobilienkäufe (selbst wenn kein Kapital vorhanden war) retten könne. Die Sicherheit des Eigenheims wurde sowohl von US-Präsident George Bush, als auch später von Präsident Obama in öffentlichen Reden als wichtiges Ziel formuliert:

-         “We can put light where there's darkness, and hope where there's despondency in this country. And part of it is working together as a nation to encourage folks to own their own home.” Wir können in diesem Land dort Licht schaffen, wo Finsternis ist und Hoffnung verbreiten, wo Verzweiflung herrscht. Und ein Teil von uns arbeitet zusammen als Nation daran, unsere Leute dazu zu ermutigen, ein eigenes Haus zu besitzen.“ – US-Präsident George W. Bush in einer Rede am 15. Oktober 2002

 

-         “And few things define what it is to be middle class in America more than owning your own cornerstone of the American Dream: a home.” „Und nur wenige Dinge definieren besser, was es bedeutet, US-amerikanischen Mittelschicht zu sein, als die eigene Grundlage des amerikanischen Traums zu besitzen: ein Eigenheim.“ – US-Präsident Barack Obama in seiner wöchentlichen Rede am 11. Mai 2013

 

Zur Eingangsfrage: Ist eine „Heilung“ möglich?

Obwohl sich in den USA, als auch in einigen (wenigen Ländern wie z.B. Deutschland) langsam eine Erholung der Wirtschaft anbahnt, darf dies nicht als Beginn einer Vollgenesung betrachtet werden, selbst wenn die Wirtschaft auch in anderen europäischen Ländern wieder anspringt. Während in den USA die Niedrigzinspolitik vermutlich bald verlassen wird, ist dieser Schritt in Europa noch lange nicht zu erwarten. Zusätzlich denken immer mehr Banken an Negativzinsen für angehäufte Spargelder (nach Vorbild einiger Schweizer Banken), weil dieses Geld zum Wachsen einer Realwirtschaft dringend durch Konsum und Investitionen benötigt würde. Die daraus resultierende Anhäufung von Bargeld im privaten Bereich, wäre eine wahrscheinliche Folge von Negativzinsen bzw. von Geld das keinen volkswirtschaftlichen Nutzen hat.

Nehmen wir einmal an, die wirtschaftliche Erholung hielte an, so würde diese Erholung keine Heilung unserer kranken, vom Kapitalismus gezeichneten Gesellschaft bedeuten. Während man zur Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Jahrzehnte relativ bescheiden lebte, haben sich die Ansprüche später selbst in ärmeren Bevölkerungsschichten drastisch gesteigert. Der Fernsehapparat und heute das Smartphone sind auch in Schichten selbstverständlich geworden, die als „armutsgefährdet“ bezeichnet werden. Für die Mittelschicht wurde ein eigenes Auto und ein Eigenheim fast selbstverständlich – dies wurde früher jedoch bei wachsender Realwirtschaft zum Großteil durch Eigenmittel erspart.

Heute sind die Ansprüche auf breiter Basis derart gewachsen, dass im privaten Bereich fast das gleiche geschieht, wie dies die Banken anlässlich der Bankenkrise 2007 vorexerziert haben. Bereits die Jugend wächst in diesem Umfeld so auf, dass nicht mehr gefragt wird, woher das Geld für ein neues Smartphone oder überflüssige Snacks und Energydrinks kommt. Das alles sind Folgen eines aus den Fugen geratenen Kapitalismus, der als so weit fortgeschrittene Krankheit betrachtet werden muss, dass sie de facto unheilbar ist, weil es nicht mehr genügt, wenn einige kleine Gruppen von Idealisten sich dieser Gefahr bewusst sind und für ihr eigenes kleines Umfeld Gegenmaßnahmen treffen. Unheilbar ist die Krankheit auch deswegen, weil sie inzwischen die neuen asiatischen Weltmächte infiziert hat, in denen Wirtschaftswachstum von „oben“ verordnet wird, ohne dass die Bevölkerung über irgendwelche ökonomische Kenntnisse verfügt.

In diesem Stadium müsste schon die gesamte Menschheit unserer überindustrialisierten Welt ihren Lebensstil ändern – und das ist aus den genannten Gründen so gut wie unmöglich.

Schlussdiagnose Patient "Kapitalismus":- Da auch bei wieder ansteigender Weltwirtschaft die Verschuldung fast aller Industrienationen weiter ansteigt und sich jeder Staat gegenüber anderen Staaten die ebenfalls verschuldet sind, weiter verschuldet, kommt es zum "Exitus auf Grund multiplen Organversagens".

(2.9.2016)

(1)  http://www.planet-wissen.de/geschichte/persoenlichkeiten/otto_von_bismarck_der_eiserne_kanzler/pwiediesozialgesetze100.html

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