Reisen bildet

 

 

Reisen bildet - (c) Alfred Rhomberg

 

 

Der Zug fährt seinem vorgegebenen Ziel entgegen, die Reisenden wollen es so.

Wenn die Eisenbahnen nicht soviel Rücksicht auf die Reiseziele ihrer Reisenden nähmen, würden sie vermutlich bankrott gehen, obwohl es vielen Reisenden wohl täte, an einem anderen Reiseziel anzukommen als ursprünglich beabsichtigt. Frau/man stelle sich z.B. Reisende aus Gelsenkirchen vor, die eigentlich nach Dortmund wollten und stattdessen in Florenz ankämen – was für ein Lebensgefühl! Auch in den Olivenhainen von Les Beaux en Provence anzukommen wäre nicht schlecht. Ich würde es jedenfalls keiner Eisenbahngesellschaft übel nehmen, nicht in Dortmund angekommen zu sein – es sei denn, ich müsste unter allen Umständen dorthin – aber wer muss das schon, wenn man nicht dort wohnt oder arbeitet.

 

Es gäbe einen Punkt an dem meine Nachsicht mit den Eisenbahngesellschaften aufhörte – wenn ich in Heidelberg bei 37 Grad Celsius einstiege und nach ca. 45 minütiger Reise irgendwo ankäme, wo es schneit und die Temperatur einiges unter Null Grad betrüge. Das kommt zwar selten vor, aber in einem solchen Fall würde mein Anwalt bei den deutschen Bundesbahnen vorsprechen – dort würde man den Anwalt vermutlich zunächst auf die Einstein’sche Relativitätstheorie hinweisen, die sicher kein Eisenbahnmanager versteht, mit der man bekanntlich (fast) alles, dieses Problem jedoch wohl eher nicht, erklären kann und Schadensersatzansprüche daher scheitern würden.

 

Ja – und dann gäbe es den Fall, wenn ich in Wien einstiege und nach dreistündiger Fahrt immer noch in Wien wäre - so etwas ähnliches ist mir vor 40 Jahren in Genua passiert, als ich nach Alassio wollte, in einem überfüllten Zug in der Nacht aus dem Fenster schaute, durch Genua fuhr und fuhr… und nach weiteren zwei Stunden ständigen Fahrens wieder in Genua einfuhr – irgend etwas mussten sich die italienischen Eisenbahnen damals dabei gedacht haben, ich war aber noch zu jung um darüber nachzudenken – Hauptsache, ich kam am nächsten Morgen an meinem gewünschten Reiseziel an.

 

Richtig sauer wäre ich allerdings, wenn ich in Innsbruck einstiege und ungewollt über Wladiwostok über den Umweg des Fegefeuers direkt zur Raumstation Mir befördert würde. So etwas ist mir zwar noch nicht passiert, deswegen kenne ich weder Wladiwostok noch das Fegefeuer. Von der Raumstation Mir habe ich zumindest durch die Fernsehbildungskanäle eine gewisse Vorstellung, wobei ich mich allerdings schon oft geirrt habe – in Wirklichkeit ist oft alles ganz anders und Joachim Ringelnatz hatte sicher auch eine falsche Vorstellung von Tirol als er in einem seiner Gedichte schrieb „er kenne nun das Gefängnis, Kalkutta und Tirol“ (tatsächlich war Ringelnatz 1911 in Tirol). Aus seinen späteren Werken ist nicht bekannt, warum in Tirol war und was ihn an Tirol so störte, dieses Land später nie mehr zu erwähnen, denn irgendwie war das Land damals noch in Ordnung. Auch heute ist Tirol, abgesehen von der üblichen „verdichteten Bauweise“ und dem Event-Massentourismus noch „irgendwie“ in Ordnung – aber es gibt eben verschiedene Auffassungen von Ordentlichkeit.

 

Insgesamt habe ich zumindest in Europa vieles mit der Eisenbahn bereist, das meiste jedoch anlässlich wissenschaftlicher Kongresse, bei denen man zwar schlecht englisch sprechende AusländerInnen, nicht aber Land und Leute oder gar seine eigene Wissenschaft kennen lernt – und trotzdem:

 

Reisen bildet!

 

 

(Version 18.3.2013)

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