Das Ende meiner Welt

 

 

Ackerland IV - © Alfred Rhomberg

 

 

„Wo ist das Ende meiner Welt?“, fragte sich die Kuh. Sofern sie sich das lediglich selbst fragt, könnte es mir gleichgültig sein – ich begegne auf meinen Wanderungen jedoch so vielen alpenländischen Kühen, die auf ihren Weiden herumstehen, mich fragend anschauen, sodass ich ihnen gelegentlich Mut zuspreche und ihnen erkläre, sie stünden schließlich auf einer schönen Weide und hinter ihnen befände sich die schützende Nordkette von Innsbruck als Trennwand zwischen allem dem, was Karl Kraus einmal mit den Worten „es ist die gemeinsame Sprache die uns trennt“, charakterisierte. Selbstverständlich begegnete ich hinter der Nordkette gelegentlich auch bayrischen Kühen, die mich genauso fragend ansahen und denen ich die gleiche Antwort gab – und ich tat dies ganz unverfangen, weil ich das komplizierte Innenleben von Karl Kraus ja nicht so gut kenne, nämlich, ob er seine Worte in irgend einer Weise wertend oder abwertend meinte. Da ich lange genug u.a. auch in Deutschland gelebt hatte, wären mir Wertungen irgendwelcher Art sowieso suspekt und weil ich später auch niederländische Kühe mit ähnlich fragendem Blick traf (allerdings ohne Nordkette), stellte sich bei mir zunehmend die Überzeugung ein, dass die Frage nach dem Ende der Welt in- und ausländische Kühe vermutlich gleichermaßen betrifft – und dass wir Menschen eines mit den Kühen vielleicht gemeinsam haben, dass wir – jeder auf seine Weise – auch nicht genau wissen, wo sich das Ende unserer vermutlich unterschiedlichen Welten wirklich befindet. Ich nehme zwar an, dass meine Phantasie gegenüber denjenigen aller angetroffenen Kühe größer ist, gesichert ist das natürlich nicht.

Um etwas sicherer in dieser Frage zu sein traf ich mich mit meiner Phantasie, die ich immer dann zu Rate ziehe, wenn ich bei eigenen Antworten nach den Fragen des Lebens uneins bin.

 

Nach dem Physiologen Philosophen und Psychologen Wilhelm Wundt ist die Phantasie ein Denken in sinnlichen Einzelvorstellungen, also ein Denken in Bildern und in einem neueren Wörterbuch der philosophischen Begriffe (Rudolf Eisler, 2006) ist die Phantasievorstellung eine durch apperzeptive Synthese entstandene Gesamtvorstellung – ich wusste schon, warum ich den Kühen auf der Weide eine einfachere Erklärung anbot.

 

Meine Phantasie riet mir, beide Definitionen zu vergessen und einfach das zu tun, was ich mir persönlich vorstellte und eventuell in meinen eigenen Bildern und Texten das zu finden, nach dem ich suchte. Also analysierte ich meine Bilder und Texte noch einmal kritisch – allerdings mit dem unbefriedigenden Erfolg, dass ich darin nur die Grenzen meiner Fähigkeiten, nicht aber die Grenzen meiner Welt erkannte.

 

Bei der nächsten Begegnung mit meiner Phantasie erzählte ich von meiner Feststellung, worauf sie (für meine Begriffe etwas zu hämisch) antwortete: „du sagst es – deine Fähigkeiten und die Grenzen deiner Welt sind eben ein und dasselbe!“. Als Naturwissenschaftler regte sich sofort Widerspruch in mir, das hieße ja, frau/man wäre unfähig zu lernen bzw. zu jedem Zeitpunkt an der Grenze ihrer/seiner Welt. Meine Phantasie meinte dazu, man könne diese Feststellung auch anders interpretieren: je mehr du lernst, desto mehr schiebst du die Grenzen deiner Welt von dir weg. Ich entschloss mich für die zweite Interpretation, die freilich den Nachteil hatte, weiter so fortzufahren wie bisher, nur mit etwas größerem Aufwand - sofern man sich auf Philosophen verließe. Die durch „apperzeptive(1) Synthese entstandene Gesamtvorstellung“ lässt sich leider nicht umgehen, denn schon Immanuel Kant unterschied zwischen der psychologischen oder empirischen Apperzeption, also dem Vermögen des Verstandes, klare Vorstellungen aus der sinnlichen Wahrnehmung zu bilden und die mannigfaltigen Anschauungen durch Tätigkeit des inneren Sinnes zu einer einheitlichen Vorstellung zusammenzufassen.

 

Das klingt ziemlich kompliziert und ist es auch, ganz besonders wenn frau/man zusätzlich auf Aristoteles zurückgreift, der unter „phantasia“ die Vorstellung als Nachwirkung der Wahrnehmung verstand die auch ohne Wahrnehmung auftritt.

Ob mir das gelingen würde? Vielleicht gebe ich den Vorsatz, das Ende meiner Welt zu finden, doch lieber auf und belasse es bei dem im Blogbild angedeuteten Ende dieser Welt. Schließlich habe ich niemanden, der sich wie bei den eingangs beschriebenen Kühen, meiner fragenden Blicke annimmt.

 

(4.4.2012)


(1) Perzeption = Wahrnehmung, Apperzeption (von adpercipere = hinzuwahrnehmen) wird nach Leibnitz für seelische Vorgänge gebraucht, diedurch etwas sinnlich Gegebenes mittels des Gedächtnisses und der Aufmerksamkeit in einen Bewusstseinszusammenhang gebracht werden.

 

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