Erste Jahre

 


Purgatorio - (c) Alfred Rhomberg

 

 

 

1942: Die Finger der Scheinwerfer gruben sich wie kreuzende Straßen in den Nachthimmel Hannovers aus dem die Phosphorbrandbomben fielen – ich war 6 Jahre alt.

 

1942: Die Margeriten in Tirols Bergwiesen waren so groß und ich so klein.

 

1942: Die Bergwiesen zu verlassen war ein Fehler, aber ich hatte kein Mitspracherecht - die erste Volksschulklasse in Hannover war „wichtiger“.

 

1943/44: Da mein Leben gerettet werden sollte, war es nützlich, vor dem Feuer in eine winzige Kleinstadt an der tschechischen Grenze „geflohen“ zu werden, in welcher der Nationalsozialismus noch funktionierte (Kinderverschickung, allerdings mit meiner Mutter).

 

Zwei Jahre der letzten Kindheit ohne Feuer und fast ohne Hoffnung.

 

1945: Auf einer noch friedlichen Weide zwischen friedlichen Kühen sah ich wie in 25 Km Entfernung Dresden verbrannte, ich sah es nicht nur, ich roch wie es brannte. Wenige Tage später wurden die friedlichen Kühe vor meinen Augen durch die Granaten der einmarschierenden Russen und Widerstand leistenden Deutschen zerrissen – ich sehe sie durch die Luft fliegen und blutend auf der Weide verenden.

 

1945: Zusammenbruch – Tote (1) – Hunger – Einmarsch der roten Armee - wenig Schule (stattdessen die „Internationale“ und andere Lieder, die mir noch heute das gleiche Grauen einflößen, wie Liszts Prelude als Einleitung vor „Sondermeldungen“ des verblendeten Nazi-Regimes).

 

1946: legale Ausreise aus der russisch besetzten Zone Deutschlands in das befreite Österreich meines Vaters. Von Ebersbach/Sachsen über Oelsnitz (Vogtland), Hof in Bayern, München nach Innsbruck – sechs unvergessliche Wochen in schrecklichen Lagern.

 

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An meiner Geburt 1936 in Hannover war ich wohl oder übel, wenn auch nicht bewusst, beteiligt – anschließend hielt ich mich von allen Beteiligungen fern – allenfalls wurde ich beteiligt. Meine Erinnerung setzt sehr früh ein (im Alter von etwa 15 Monaten) – nicht in Form eines geordneten Lebensablaufes, sondern eher in Form einzelner Bilder, die ich wie Diapositive in fast beliebiger Reihenfolge abrufen kann. Was mich trotzdem immer wieder erstaunt ist, dass sich auch das Grauen ab ca. 1940 mir heute als glückliche Kindheit bewusst ist, obwohl die Zeiten ab Beginn des Krieges 1939 alles andere als glücklich genannt werden durften.

 

Glückliche Kindheit – was ist das?

 

Unter anderem auch, dass man 4 bis 5 mal aus dem Tag oder der Nacht herausgerissen und in den Luftschutzkeller gezerrt wurde und dort zusammen mit Kindern, die im gleichen Hause wohnten, Geschichten anhörte, die meine Mutter uns erzählte um uns zu beruhigen und sich selbst abzulenken. Einschlagende Fliegerbomben gehörten damals mehr zum Alltag, als Blitz, Donner und Hagel in unserer Zeit – die "geschichtenerzählenden" Mütter dagegen fehlen heute so oft, weil sie die Kassen von Supermärkten bedienen oder eine Projektbesprechung in einer Firma leiten müssen.

 

(Anm.: Alle geschilderten Gedanken drängten sich mir anlässlich einer kürzlichen Reise 2013 auf, bei der ich u.a. zum ersten Mal nach 1945, Dresden wieder besuchte und sah wie schön  Städte wie Dresden oder Leipzig wiederauferstanden sind).

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(1) Tote: „normal“ Erschossene, von Deutschen aufgehängte Deutsche, die beim Russeneinmarsch ein weißes Tuch an ihre Häuser gehängt hatten und Menschen, die an Entkräftung oder Typhus starben …

 

 siehe auch: Riesige Margeriten - und: Ici pays ami

 

  

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