Speed - oder die Kunst, schneller zu handeln als zu denken

 
speed I - © Alfred Rhomberg

 

 

 

 

„I woaß zwar net wo i hinfoahr, aber dafür bin i gschwinder duart“. (Helmut Qualtinger)

 

Alles wird schneller – sogar die Lichtgeschwindigkeit, auf die ich mich bisher immer verlassen hatte. Nicht die Neutrinos der CERN-Experimente vom November 2011 sind gemeint, bei denen zunächst vorsichtig im Februar 2012 vom CERN eingestanden wurde, es handele sich möglicherweise um Messfehler, was sich etwas später als Folge gelockerter Computerkabel bestätigte(1). War die Geschwindigkeit des Lichtes in der allgemeinen Relativitätstheorie von Einstein noch die absolute Obergrenze (was wegen der lockeren Komputerkabel noch immer stimmt, so gilt dies nicht für die „Raumzeit“ und deren Bewegung da „Tachyonen“ (hypothetische Teilchen ! mit imaginärer Ruhemasse !)  immer „überlichtschnell“ sind. Man weiß heute – bzw. man nimmt an - was so viel heißt: wie „man glaubt“, dass es die Überlichtgeschwindigkeit(2) gibt – ein schwieriges und unerfreuliches Thema der Physik und Kosmologie. Der Autor ist daher froh, sich in seiner Jugend nicht für das Studium der Physik, sondern der Chemie entschieden zu haben. Damals hatte man noch Zeit, sich zu „entscheiden“, heute studiert man das, was im Augenblick beruflich aussichtsreich ist, oder was Freund(Innen) studieren oder anraten. „Entscheiden“ ist auch das erste Stichwort, das nachfolgend behandelt wird.

 

Entscheidungen

 

Es gehört zu den höchsten Managementtugenden, schnell entscheiden zu können – so wird es zumindest in den Anforderungsprofilen zukünftiger Manager formuliert. Überprüft wird diese Fähigkeit durch Intelligenztests, bei denen bekanntlich auch die Geschwindigkeit, eine bestimmte Aufgabe zu lösen, gemessen wird. Es ist daher in großen Firmen heute allgemein üblich, Anwärter für die oberen Führungsebenen in Assessment-Centers an den Marterpfahl zu stellen und zu beobachten wie schnell jemand in Konfliktsituationen reagiert bzw. ab wann der Bewerber psychisch zusammenknickt. Nun gibt es zwar Berufe, in denen es unbedingt erforderlich ist, richtige Entscheidungen – wenn auch nicht lichtschnell – aber zumindest in Bruchteilen einer Sekunde zu entscheiden (Piloten, Fußballer, Kandidaten bei Quiz-Sendungen etc.) – im oberen Management sollten Kandidaten dagegen vorgezogen werden die nicht nur schnell, sondern sogar richtig entscheiden. Das Eine schließt zwar das Andere nicht aus, es mehren sich jedoch zunehmend Firmenpleiten aufgrund schwerer Managementfehler, wobei speed auch dann noch nützlich sein kann, weil durch die im Assessment Center erwiesene Fähigkeit, blitzschnell handeln zu können, es Spitzenmanagern oft gelingt, sich der Verantwortung ihrer Fehlentscheidungen mit einer hohen Abfindungssumme sehr "speedy", zumindest aber rechtzeitig zu verlassen.

 

Wer schneller ist, ist einfach besser – das gilt beim Skyfahren ebenso, wie bei der Aktienspekulation, neuen Erfindungen, der Eroberung von Frauen (oder Männern) und ähnlichen Belangen des täglichen Lebens. Natürlich gibt es überall auch die berühmten Ausnahmen: es ist nicht unbedingt besser, wenn ein Musiker Beethovens Frühlingssonate zehnmal schneller spielt als üblich, ebenso wenig wie beim Autofahren, wo schneller fahren oft auch schneller tot sein bedeutet.

 

Computer und Technik

 

Bei Computern heißt die Steigerung von speed nicht „speeder“ sondern „highspeed“, wobei highspeed den besonderen Vorteil hat, für sich selbst ein überzeugendes Argument zu haben, seinen alten PC durch einen neuen auszutauschen (die wenigsten Computer werden gekauft, weil der alte hoffnungslos den Geist aufgegeben hat). Die Computerindustrie unterstützt diese eigene Überzeugungskraft dadurch, dass sie immer wieder neue Betriebssysteme auf den Markt bringt, unter denen bereits vorhandene Programme schlechter oder gar nicht mehr laufen. Oft werden Programme schneller geschrieben und verkauft, als erdacht. Darauf deutet bei manchen Betriebssystemen auch die anfangs häufig beobachtete Fehlermeldung bei der Installation eines neuen Gerätes (Maus, Drucker) hin: „es handelt sich um einen bekannten Fall von Inkompatibiltät, bitte drücken Sie auf das Kästchen, das Sie zu einer online Hilfe führt“. Weh dem, der diese nicht hat. Dann gelten plötzlich die nachfolgenden Sätze zum „promoten des Produktes“ sehr schnell nicht mehr: 

 

„Ich hab mehr Zeit für mein Business“ oder „Erhöhte Geschwindigkeit und Übersichtlichkeit geben jetzt Zeit für die wirklich wichtigen Dinge. Geschwindigkeit macht für Sie den Unterschied“ (Zitate, einem österreichischen Portal eines allbekannten Software-Herstellers entnommen).

 

Im e-mail Verkehr macht sich speed gleichfalls immer stärker bemerkbar – es häufen sich mails, die absolut gar nichts enthalten, weil der Absender aus „speedgründen“ vergessen hat, einen Text oder eine Bildanlage anzufügen. Das erspart dem Empfänger des mails dann auch die Arbeit des Lesens. Aus „Speedgründen“ wird gelegentlich die Nachricht, zehn Minuten später an einer Sitzung zu erscheinen, an den gesamten Firmenverteiler gesendet.

 

Ernster war 2008 ein Softwarefehler bei der Neueröffnung des Flughafens Heathrow, wodurch ein tagelanger Ausfall des gesamten Flugverkehrs mit mehreren Tausend verlorenen Gepäckstücken verursacht wurde. Das Computerprogramm, das eigentlich alles schneller abwickeln sollte, führte zu einer neuartigen Lösung des Transportes von Fluggepäck: die Gepäckstücke wurden per LKW oder Bahn durch den Kanaltunnel auf den „Continent“ nach Mailand transportiert und von dort durch eine veraltete Logistik, die wegen ihrer Veraltung noch funktionierte, per Flug in alle Welt verteilt. Wer die Ursachen solcher Pannen analysiert, wird feststellen, dass es fast immer das Zusammenwirken von Technik und Computerfehlern ist, das aufgrund einer zu schnellen, also keiner organisch gewachsenen Entwicklung, zu immer größeren Katastrophen führt.

 

Wissenschaft und Forschung

 

Speed ist auch in Wissenschaft und Forschung unbedingt erforderlich. Immer häufiger wurden wissenschaftliche Ergebnisse, insbesondere in der Krebsforschung, bei Stammzellenversuchen oder bei Gentechnikexperimenten geschönt, gefälscht oder ganz einfach zu vorschnell publiziert. Selbst an Seriosität nicht überbietbare Wissenschaftsjournale wie „nature“ oder „science“ waren in den 80-iger Jahren schon Publikationen über Experimente aufgesessen, bei denen weiße Mäuse schwarz angemalt worden waren, um ein bestimmtes Genexperiment zu beweisen.

 

Beachtenswert war eine Aussage des Historikers und Präsidenten der deutschen Historikerkommission Prof. Dr. Lothar Gall, der in einem Interview in Bayern Alpha im April 2008 sinngemäß meinte, „dass Beschleunigung zu einem Sinnverlust führt“. Gall meinte u.a. damit, dass die ständige Wissensflut, sowie die schnellen Entwicklungen unserer Zeit dazu führen, weniger über den Sinn der Dinge nachzudenken, man fragt auch meist nicht mehr nach dem Grund, sondern man agiert!

 

Zum Schluss noch ein Kommentar von Konrad Adam zu einer etwas erdnäheren Forschung, der „Bisoziationsforschung(?!?)“, welche zur Beschleunigung von evolutionärem Wissen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß beiträgt. Dazu ein Feuilletonbeitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) „Forschung und Leere“, der hier wörtlich wiedergegeben werden soll. Man muss sich den nachstehenden Text auf der Zunge zergehen lassen:

 

"Forschung und Leere"

Die letzte Ausgabe der ,,Zeitschrift für Soziologie” erfreut den Leser mit folgendem Hinweis:
"An der Universität GH Paderborn wurde ein neuer Forschungszweig ins Leben gerufen: Bisoziationsforschung. Ausgangspunkt waren berühmt gewordene Entdeckungen und Erfindungen. Namhafte Wissenschaftler deuten sie als verfremdendes Denken, als spontanes Zusammentreffen von disparatem Denkmaterial. Die Fruchtbarkeit einer solch zufälligen Bisoziation mußte zur Technisierung anregen. Voraussetzung war eine tiefgreifende Grundlagenforschung. In einer ersten Stufe kam das Bisoziationsprinzip selbst zur Anwendung:
Zwecks Aufhellung der ichfernen Denkprozesse wurden als “Fremdmaterial” ca. 30 Lehrstoffe aus der Genetik analogisch-projektiv eingesetzt Eine zweite Stufe galt der produktiven Konfrontation der originären Erkenntnisse mit externen Wissenschaftsbeiträgen Zu den Ergebnissen gehören eine neue Theorie des hellbewußten und subliminalen Denkgeschehens sowie ein Systementwurf zur bisoziativen Ideenfindung. Darin wird erkennbar, welche Arten von Energie und von Regulativen beim intuitiven Problemlösen autonom am Werk sind. Diese Einsichten wurden in heuristische Technologien umgesetzt Sie beinhalten sowohl Methoden der gezielten Entspannung (autogenes Training, Musik usw.) als auch Regeln für einen planmäßigen bisoziativen Denkverkehr. Eine bemerkenswerte Effizienz des neuen Instrumentariums ließ sich empirisch nachweisen. Die eingeleitete Bisoziationsforschung eröffnet der wissenschaftlichen Erkenntnistätigkeit neuartige Möglichkeiten zur Musterübdung und zum Paradigmenwechsel Für diese außergewöhnliche Arbeitsweise wird der hohe Anspruch erhoben und belegt, die Evolution des Wissens in eine bisher nie gekannten Tempo vorantreiben zu können“
Hier ist die Evolution des Wissens offenbar so sehr beschleunigt worden, daß das Denken nicht länger mitkam. (Konrad Adam, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 8. April 1986, Nr.81, Seite

 

 

(25.9.2014, redigierte und stark gekürzte Version einer Erstfassung aus 2008)

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(1) In den Wissenschaften wird heute sehr schnell publiziert - selbst wenn es noch keine Beweise gibt und man gerade dabei ist, die Relativitätstheorie in Frage zu stellen

 

(2) Die Lichtgeschwindigkeit im Rahmen der allgemeinen Relativitätstheorie eine obere Grenze. Diese Aussage gilt hingegen nicht für die Raumzeit selbst und deren eigenen Bewegungen. Eine Gravitationsveränderung ist eine Änderung derjenigen Metrik, welche das Gravitationsfeld beschreibt.

 

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