Rating Agenturen - eine Kurzdarstellung

 

 

AAA - © London Paternoster Square (Stock Exchange), grafisch bearbeitet Alfred Rhomberg, Public Domain Wikipedia, Author:gren

 

 

Dieser in den „alten“ Igler Reflexen Anfang 2012 erstmalig publizierte Beitrag bedarf einer Voranstellung, da im Ragiokolleg des ORF (OE1, 11-14.3.2013) ein Beitrag über „Ranking“ und „Rating-Agenturen“ gesendet wurde, der hinsichtlich des modernen Rankings von Bildungseinrichtungen (u.a. Universitäten), des Betiebsklimas in Firmen oder bei Gesundheitseinrichtungen in seiner eher kritischen Haltung zwar weitgehend Recht hat, die Bedeutung von Rating-Agenturen in der freien Wirtschaft jedoch unvollständig dargestellt wurden. So wurde z.B. auf die Geschichte und deren Bedeutung für die Wirtschaft praktisch nicht eingegangen, es wurde auch nicht herausgestellt, dass Rating-Agenturen nach wie vor für die freie Wirtschaft wichtig sind bzw. dass ihre Bewertungsschemata allenfalls an die neuen Gegebenheiten einer globalisierten Wirtschaft angepasst werden müssten.

 
Rating-Agenturen sind in Verruf geraten – hauptsächlich in Europa 

 

Warum eigentlich? Weil die drei bekanntesten Agenturen (StandardPoor's, Moody's, Fitch Rating) ihren Sitz in New York haben und alles was aus den USA und speziell aus New York kommt, für Europäer ein rotes Tuch zu sein scheint (allerdings erst seit dem auch größere europäische Wirtschaftsländer betroffen sind. Wenige wissen, dass solche Agenturen für die aufkeimende Wirtschaft im 19. Jahrhundert von den Investoren gewünscht wurden – daran hat sich bis heute nichts geändert.

 

Wer kauft schon gern die Katz’ im Sack?

 

Gütesiegel wie „Bio“, „genfrei“, österreichisches AMA-Gütesiegel oder die zahllosen Wein-Gütesiegel sind für uns selbstverständlich geworden, ebenso wie wir uns gerne auf Produktinformationen der Stiftung Warentest verlassen. Nichts Anderes waren die Rating-Agenturen für die Investoren der zunehmenden Eisenbahngesellschaften in den USA im 19. Jahrhundert. Eisenbahngesellschaften schossen damals wie Pilze aus dem Boden, wobei die Investoren, also diejenigen, die Geld in die zahlreichen neuen Aktiengesellschaften der „Railroads“ hineinsteckten, wissen wollten, wie gut ihr Geld angelegt ist. Dabei traten Fragen auf, ob die Rentabilität einer Strecke gegeben war, ob es Hinderungsgründe beim Ausbau der Linien gab, weil sie z.B. in schwierigem Terrain gebaut wurden oder ob durch Nichteinwilligung von Grundeigentümern Eigentümern nicht etwa unvorhergesehene Kosten zu erwarten waren.

 

Anm.: Die erste Rating-Agentur wurde 1909 von John Moody, Gründer der Agentur Moody’s gegründet, Gedanken zum Rating von Railroads machte sich u.a. Henry Varnum Poor bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts(1)

 

Es ist nur natürlich, dass auch andere Branchen daran interessiert waren, sich „raten“ bzw. zertifizieren zu lassen, denn eine gute Beurteilung war und ist ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz. Wenn viele europäische Staatsanleihen jetzt ihr Triple A verlieren, so ist dies keineswegs nur ein schlechtes Zeichen für die Banken, sondern in erster Linie für die schlechte Politik der Länder.

 

Hauptvorwürfe gegen Rating-Agenturen

 

1). Sie sind meist in den USA angesiedelt(2), obwohl es auch andere Agenturen gibt bzw. gegeben hat(3).

 

2), Im Gegensatz zu der angesprochenen Stiftung Warentest(4) oder Lebensmittelgütezeichen (die meist von Verbänden gegründet wurden, sind die bekannten Rating-Agenturen Privatunternehmen, die von Firmen oder Investoren dafür bezahlt werden, über Firmen der Realwirtschaft oder Produkte der Finanzwirtschaft zu urteilen.

Dem ist entgegenzusetzen, dass Privatfirmen nicht grundsätzlich korrupt sind. Eine gute Firma ist schon aus Konkurrenzgründen um ihren guten Ruf bemüht (dass es auch schwarze Schafe gibt, ist unbestritten).

 

Wären staatliche Institutionen eine Alternative?

 

Wohl kaum, denn Staaten werden von deren Politik bestimmt und viele Staaten international in den Ratingprozess einzubinden würde vermutlich an den auch in anderen Belangen bekannten Eigeninteressen von Staaten scheitern. Ein weiteres Argument liegt tiefer – staatliche Einrichtungen hätten die gleichen Beurteilungsprobleme bei den immer komplizierter werdenden Finanzprodukten wie private Agenturen.

 

Worin liegt der Unterschied bei der Beurteilung von Produkten der Real- und der Finanzwirtschaft?

 

Für die meisten Produkte der Realwirtschaft (Autos, Cameras, Fernsehgeräte, Waschmaschinen etc.) gibt es bewährte Messmethoden auf naturwissenschaftlicher Basis, ebenso lassen sich Lebensmittel mit den modernen Geräten der Analysetechnik (Chromatographie, Massenspektrometrie, Atomabsorption etc.) sicher und einfach kontrollieren. Bei Finanzprodukten gibt es keine derartig exakten Kontrollmethoden. Die Unschärfe einer Beurteilung hängt wesentlich von den sehr unterschiedlichen Finanzprodukten ab. Am einfachsten sind Staatsanleihen zu beurteilen, am schwierigsten Derivate von Aktien, Indices oder Anleihen. Nachdem die Finanzwirtschaft in der Erfindung neuer Finanzkonstrukte in den letzten zehn Jahren recht einfaltsreich war, ist es sowohl für Banken, als auch Chefökonomen der Banken, aber auch für Analysten der Ratingagenturen zunehmend schwieriger geworden, sichere Beurteilungen vorzunehmen. Es ist bekannt, dass volkswirtschaftliche oder betriebswirtschaftliche Methoden nicht annähernd mit naturwissenschaftlichen Messmethoden mithalten können. Die oft in der Volks- und Betriebswirtschaft angewendeten mathematischen Verfahren täuschen eine Exaktheit vor, die es nicht gibt und niemals geben wird. Zudem sind Märkte in hohem Maße psychologisch beeinflussbar – da nützen auch die ausgefeiltesten Beurteilungskriterien der Analysten nichts. Märkte sind in hohem Maße von politischen, medialen und spekulativen Einflüssen bestimmt, Einflüsse, die es bei der ursprünglich für Eisenbahngesellschaften in den USA geschaffenen Bewertungen nicht annähernd in dem Maße gibt, wie in unserer heute globalisierten Wirtschaftswelt. Keinesfalls sind die US-Agenturen „Rate“-Agenturen, die beliebig mit den zu zertifizierenden Finanzprodukten umgehen. Die Agenturen wissen genau, dass sie von den Investoren gebraucht werden – Fehleinschätzungen sind aus den obengenannten Gründen leider immer möglich.

 

Sind Rating-Agenturen von Firmen oder durch die Politik korrumpierbar?

 

Selbstverständlich sind solche Agenturen korrumpierbar, das träfe jedoch auch für unabhängige bzw. staatliche Einrichtungen zu. Glücklicherweise sind die bekannten Fälle geringer als manche denken. Die bekanntesten Fälle sind die Bilanzfälschungen des ehemals größten Energieversorgers der USA Enron und des italienischen Lebensmittelkonzerns Parmalat. In beiden Fällen wurden in erster Linie Jahresabschlüsse gefälscht, die auch in anderen Fällen oft so gestaltet werden, dass sich selbst die besten Analysten schwer tun, solche Fälschungen aufzuspüren.

 

Anm.: anzumerken wäre vielleicht, dass viele AnalystInnen sehr jung und daher sicherlich auch unerfahren sind - dann sollte es eben bessere Kontrollen geben, wenn politisch hochbrisante Entscheidungen getroffen werden.

 

Viele Europäer befürchten, dass die USA aus politischen Eigeninteressen hinter amerikanischen Rating-Agenturen stehen, hierzu ist festzustellen, dass die US-Rating-Agenturen auch amerikanische Wertpapiere immer wieder herabgestuft haben, was die optimistischen Amerikaner und ihre Märkte wegen der „lockeren“ Geldpolitik nicht so tragisch nehmen wie Europäer. Dass zwei Tage vor einem Krisengipfel in Brüssel 15 europäische Banken von US-Agenturen herabgestuft wurden, kann Zufall sein, könnte aber auch eine bewusste Einflussnahme auf die europäische Geldpolitik bedeuten, denn auch die USA sind nicht am Zerfall der EU interessiert. Aus Finanzquellen geht hervor, dass demnächst auch US-Staatsanleihen ihr Triple A verlieren könnten.

Die Zukunft wird zeigen, ob der US-Optimismus oder der EU-Skeptizismus die derzeitige Krise besser meistern werden. In jedem Fall wäre der schnelle Aufbau einer europäischen Rating-Agentur kein Fehler – doch auch dazu gehört Erfahrung, die wir leider nicht in dem Maße besitzen, wie die USA.

 

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(1) Henry Varnum Poor veröffentlichte 1868 das “Manual of the Railroads of the United State”

 

(2) Im Juli 1975 setzte die US-Börsenaufsicht (United States Securities and Exchange Commission) fest, dass die Rating-Agenturen die einzigen sein sollten, die die gesetzliche Verpflichtung der Unternehmen erfüllen dürfen, sich bewerten zu lassen, ehe sie für den amerikanischen Kapitalmarkt zugelassen werden (zitiert aus Wikipedia, Zugriff am 15.12,2011).

 

(3) 1988 entstand unter Führung der Deutschen Bank und der Börsenzeitung die deutsche Rating-Initiative. Sie strebte eine europäische Ratingagentur an. Daher entstand 1991 die Projektgesellschaft für Europäisches Rating mbH mit dem Ziel, eine europäische Agentur zu gründen. Der alleinige Gesellschafter war die Herausgebergemeinschaft Wertpapier-Mitteilungen Keppler, Lehmann GmbH & Co. An diesem Gesellschafter waren mehrere Banken beteiligt. Die Initiative blieb jedoch ohne Erfolg (zitiert aus Wikipedia, Zugriff am 15.12.2011)

 

(4) Die Stiftung Warentest wurde als neutrale Teststelle auf Initiative des Bundeswirtschaftministeriums gegründet. Die Idee dazu kam unter der Regentschaft Konrad Adenauers bereits 1962, das erste Magazin der Stiftung erschien 1966.

 

 

 (Version 14.3.2013, überarbeitet März 2016)

 

 

 

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