Das soziale und wirtschaftliche Umfeld eines Studiums in Innsbruck 1954 II

 

 

Ein Laborfest bahnt sich an - (c) Alfred Rhomberg

 

Die wirtschaftlichen Verhältnisse zu dieser Zeit konnte man weder in Deutschland noch in Österreich als „gut“ bezeichnen. Hatte das wesentliche Auswirkungen auf die Zahl der StudentInnen? Nicht in dem Maße, wie es in den heutigen Bildungsdebatten oft zur Sprache kommt. In meiner Schulklasse waren alle Eltern der Schüler „arm“ (meist ärmer als Familien, die heute am Rande oder unterhalb der Armutsgrenze leben). Wie konnten Kinder aus „armen“ Elternhäusern ein Gymnasium besuchten, für das Schulgelder zu bezahlen waren? Wie konnte ein Studium ohne Stipendienwesen finanziert werden?

 

Zwei Voraussetzungen waren entscheidend: 1). Eltern mit sehr niedrigem Einkommen brauchten für den Besuch ihrer Kinder in einem Gymnasium weniger oder gar kein Schulgeld zu bezahlen. 2). Bei einem Studium kam neben dem niedrigen Einkommen der Eltern noch eine Leistungskomponente dazu: um in den Genuss einer Verringerung von Studiengebühren zu kommen, mussten die StudentInnen pro Semester zwei zusätzliche Vorlesungen ihrer Wahl besuchen und eine Prüfung über den Stoff dieser Vorlesungen mit „gut“ bestehen. War das Gehalt der Eltern sehr niedrig, konnten die Studiengebühren sogar auf „null“ gesetzt werden. Eine dritte Voraussetzung war seltener gegeben als heute: die Absicht der Eltern, ihre Kinder studieren zu lassen. Trotzdem gab es viele Mitschüler, deren Eltern keinen Matura- oder Hochschulabschluss hatten aber auf  Urlaube und viele der spärlichen Annehmlichkeiten des Lebens zugunsten ihrer Kinder verzichteten. Andere Schüler arbeiteten zunächst 1 bis 2 Jahre in der Industrie, bei der Post oder der Eisenbahn, um dann doch noch ein Studium zu beginnen. Viele davon finanzierten ihren Lebensunterhalt durch Neben- oder Ferialjobs. Alle diese Studenten brachten es aufgrund ihrer besonderen Motivation zu einem Hochschulabschluss. 

 

Auch der Großteil der vielen deutschen StudentInnen kam zu dieser Zeit aus eher ärmlichen Verhältnissen (dies galt besonders für ChemiestudentInnen, weniger für Medizinstudenten, die oft nur zwei Semester im „schönen“ Innsbruck studierten). Die Studiengebühren in Deutschland waren dreimal so hoch wie in Österreich – unter den für Inländer geltenden Voraussetzungen wurden Studiengebühren zwar nicht ganz erlassen, konnten jedoch auf den Stand der Normalgebühren für Inländer reduziert werden. Für Studenten aus Südtirol galten die gleichen Voraussetzungen wie für Inländer - Leistung vorausgesetzt, erhielten auch sie die Befreiung von Studiengebühren.

 

Beim Chemiestudium kamen neben den Studiengebühren die zusätzlichen Kosten aller Chemikalien und der meisten Glasgeräte hinzu, von denen man nicht befreit werden konnte.  DoktorandInnen brauchtem hierfür keine Gebühren mehr zu bezahlen. Auch was diese Kosten betraf,  gab es Möglichkeiten, diese niedrig zu halten. Den StudentInnen wurde angeboten, während der Studienferien in den Laboratorien von Doktoranden oder Dozenten zu arbeiten, um wichtige Ausgangsmaterialien für deren Forschungsarbeit zu synthetisieren – dies wurde auf die zu bewältigende Anzahl der Laborpräparate während der Laborpractica angerechnet. Selbst die deutsche Großindustrie zeigte sich zunehmend großzügig. Für Ferialarbeiten zahlte die Industrie umsomehr mehr, je „schmutziger“ die Arbeit war. Am Schluss des Ferialpraktikums wurden die Studenten dann in die Gerätevorratslager geführt und durften sich aussuchen, was sie an teuren Glasgeräten für ihr Studium brauchten. Das war nicht ganz uneigennützig, denn die langsam erwachende deutsche Industrie brauchte zunehmend Chemiker und viele Studienkollegen bekamen nach Studienende sehr leicht eine entsprechende Anstellung bei den Firmen ihrer Ferialjobs.

 

Studentenunterkünfte und Mittagsmahlzeiten

 

In Innsbruck gab es zu dieser Zeit nur ein einziges Studentenheim für maximal 30 – 40 StudentInnen nahe der alten Universität. Da viele Studenten „korporiert“ waren (hauptsächlich in katholischen Verbindungen des Kartellverbandes CV) gab es für Studenten Zimmer in den Gebäuden dieser Verbindungen. Auch die weniger zahlreichen „freiheitlichen“ Studenten hatten entsprechende Unterkünfte in ihren Korporationshäusern. Die meisten Innsbrucker Studenten wohnten jedoch bei ihren Eltern oder in oft primitiven Privatunterkünften mit „Familienanschluss“. Die allgemeine Berdürfnislosigkeit der Zeit erleichterte das studentische Leben sehr. 

Ein anderes Kapitel waren die Mittagsmahlzeiten. Es gab nur eine sehr kleine Universitätsmensa, die zudem sehr schlecht war. Daher gab es eine Reihe preiswerter Gastwirtschaften, deren Qualität jedoch gleichfalls mäßig war (ein derartiges Gasthaus wurde von den Studenten „Gasthaus zum schmutzigen Löffel“ genannt). Abends aßen die Studenten oft bei ihren Vermieterfamilien. Insbesondere Studentinnen waren auf private Mietunterkünfte angewiesen, weil es keine weiblichen Studentenverbindungen gab. Oft waren es ältere Witwen, die ein oder mehrere Zimmer ihrer großen Mieterschutzwohnungen an StudentInnen vermieteten. 

 

Ich selbst verdiente meinen Lebensunterhalt (für Kleidung, Kinobesuche, Chemikalienkosten etc.), obwohl ich bei meinen Eltern wohnte, durch Nachhilfestunden und durch an Jazz orientierter Tanzmusik weitgehend selbst – später kamen dann spärliche Einkünfte als Hilfsassistent dazu. Das Wintersemester war wegen der vielen großen Bälle und an den Wochenenden durch Tanz- bzw.Barmusik in Hotels weitgehend gesichert. In den Sommersemestern war das Leben wegen Fehlen slcher Bälle (ausgenommen einige Tanzveranstaltungen bei Stiftungsfesten der Studentenverbindungen) etwas kärglicher. Ferialarbeit hätte meine Studienzeit zu sehr verlängert, weil die langen Semesterferien für die Vorbereitung auf Prüfungen zu Semesterbeginn notwendig waren. Ein einziges Mal hatte ich während der Sommerferien zwei Monate in einem Hotel in St. Gilgen musiziert. Untertags hätte ich zwar Zeit zum Studium meiner Bücher gehabt, aber der Wolfgangsee lud allzu sehr zum Segeln ein.

 

Anm.: Wie sich die Zeit verändert hat, zeigt eine Anekdote kurz nach meiner Promotion 1963 bei der Anstellung als Vollassistent (drei Jahre). Ich wurde gleich zu Beginn der Anstellung zu „seiner Magnifizenz“, dem Rektor der Universität zitiert, der mir klar machte, dass ich jetzt nicht mehr öffentlich Tanzmusik machen könne, da dies dem guten Ruf der Alma Mater abträglich sei. Ich durfte mit seiner Einwilligung aber weiterhin noch bei studentischen und universitären Anlässen musizieren (Universitätsbälle und Stiftungsfeste blieben also erlaubt).

 

Lebensfreude trotz harter Studienbedingungen

 

Das Chemiestudium hatte anderen Studien etwas voraus: 1). durch die lange gemeinsame Laborarbeit gab es viele Anlässe zum Feiern, 2). diese Feiern waren deswegen besonders unterhaltsam, weil Pharmazeuten  (hauptsächlich Pharmazeutinnen), die ersten Jahre  bei unterschiedlichen Arbeitsprogrammen in gemeinsamen Labors zusammen arbeiteten. Sehr schnell kam es anlässlich irgend einer bestandenen Zwischenprüfung zu einem Umtrunk der ebenso schnell in ein größeres Fest mündete, das erst im Morgengrauen endete. Die Zusammenarbeit war beispielhaft. Bemerkte der Laborleiter (ein Univ. Dozent) dass sich so ein Fest anbahnte, spendete er meist eine Flasche Whisky, während schon die ersten Abordnungen zum Brenner fuhren und pro 5 Insassen eines Autos je 5 Liter billigen guten italienischen Rotwein zollfrei einkauften. Eine andere Abordnung kaufte in der Stadt Schinken, Salami, Semmeln und Pfefferoni ein. Es dauerte kaum eine Stunde, bis das Fest innerhalb der Laboratorien ausbrechen konnte (wäre heute absolut verboten!). Mit etwas eingeschränktem Erinnerungsvermögen trafen sich im Morgengrauen alle TeilnehmerInnen in der ab 5 Uhr früh geöffneten Bahnhofsrestauration, um den Tag mit einem ausgezeichneten Gulasch (richtiger Guylas) zu beenden bzw. zu beginnen. 

 

Die Wochenenden waren gemeinsamen Schitouren oder Bergwanderungen vorbehalten.

 

Richtig schlecht ging es uns nicht - umsomehr als wir ab ca. 1960 wussten, dass wir am Ende unseres Studiums in der aufstrebenden Industrie gute Chancen hatten!

 

(2009)

 

 

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