Weltwirtschaft ohne Aktien und Börsen - die Gemeinwohl-Ökonomie und ähnliche Wirtschaftsmodelle

 
© http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-552-06137-8

 

Der nachfolgende Beitrag wurde erstmals (2011/2012) als Buchrezension des Buches „Gemeinwohl-Ökonomie“ (Christian Felber) für das online Magazin startlatt.net geschrieben, da der Beitrag jedoch umfassendere Gedanken zu Wirtschaftsmodellen enthält, die auch heute immer wieder diskutiert werden, soll der Beitrag in redigierter Form in den "Igler Reflexen" weniger als „Rezension“, sondern als Ideenbeitrag zu diesem Thema gewertet werden. 

 

Christian Felber(1) hatte im August 2010 (Verlag Deuticke) ein Buch "Gemeinwohl-Ökonomie - Das Wirtschaftsmodell der Zukunft" herausgegeben, siehe auch seine Publikation(2). Es wäre zu einfach, Christian Felber und sein Buch einfach als „naiv“ abzutun, naiv wären eher die LeserInnen, die glauben, dass die darin vorgestellten Ideen sich wie ein Lauffeuer ausbreiten und unsere Welt retten werden. Christian Felber selbst ist clever und keineswegs naiv, man glaubt ihm sogar, dass er von seinen Ideen überzeugt ist. Das Buch spricht die Sehnsüchte der Menschen an, Sehnsüchte die es von jeher gibt (schon Aristoteles machte sich über das Gemeinwohl Gedanken), deren Erfüllung jedoch in vielem unrealistisch ist.

 

Die Kernidee des Buches ist, Argumente darzulegen, wie anstelle von Gewinnstreben und Konkurrenz in einer von Kapitalismus und Globalisierung geprägten Welt, unsere Welt durch Vertrauensbildung und Kooperation gerettet werden kann. Die Skepsis gegen sein Buch beruht nicht darauf, dass Felber kein promovierter Wirtschaftler oder habilitierter Universitätsprofessor ist (Felber ist Magister in romanischer Philologie, hat jedoch einen Lehrauftrag an der Wirtschaftuniversität Wien), sie ist darin begründet, dass er seine Erfahrungen in Zusammenarbeit nur mit kleinen Unternehmen gemacht hat, jedoch nie die Probleme der Großindustrie in leitender Funktion hautnah erlebt hat. Als Mitbegründer der österreichischen attac-Bewegung(6), die weltweit ca. 90000 Mitglieder hat (in ca. 50 Ländern, hauptsächlich in Europa) wird er von namhaften SchriftstellerInnen, UniversitätsprofessorInnen und KünstlerInnen unterstützt, die zum Großteil vermutlich auch kaum wissen, wie Weltwirtschaft funktioniert.

 

Weltwirtschaft ohne Aktien und Börsen

 

Felber würde Aktiengesellschaften grundsätzlich mit dem Argument abschaffen, dass erwirtschaftete Gewinne eines Unternehmens zur Rückzahlung von Krediten dienen und ansonsten den (selbst im Unternehmen) arbeitenden UnternehmenseignerInnen und deren MitarbeiterInnen gehören und nicht an fremde Personen (Aktionäre) ausgeschüttet werden dürfen. Das klingt gut und wird auch von vielen Unternehmen die allesamt der attac-Bewegung nahe stehen, für möglich gehalten. Fast alle diese Unternehmen sind jedoch relativ klein und hätten aufgrund ihrer Größe sowieso keine Möglichkeiten, Aktien zu platzieren. Sie brauchen das Aktienfremdkapital auch nicht, weil es sich meist um gut funktionierende kleine Nischenbetriebe handelt, deren Gewinne in erster Linie für Investitionen im eigenen Betrieb und für die erwähnten Mitarbeiterbeteiligungen eingesetzt werden. Reich kann frau/man dadurch nicht werden, das ist auch nicht erforderlich, weil Felber und seine AnhängerInnen zu Recht der Meinung sind, dass Reichtum nicht das Wesen unseres Lebens ausmacht. Es ist auch nicht zu bestreiten, dass unser kapitalistisches System in vieler Hinsicht korrigiert werden müsste – abschaffen lässt sich das System wohl nicht – jedenfalls nicht durch die Vorstellungen Christian Felbers, der die Idee der globalen Weltwirtschaft auch in einer anderen Publikation „10 Thesen gegen den Weltmarkt(5)“ verurteilt.

 

Hätte Felber z.B. in einem großen Pharmaunternehmen oder einem Technologiekonzern gearbeitet, wäre die Generalisierung seiner Ideen etwas weniger radikal ausgefallen. Es ist heute z.B. völlig unmöglich, Medikamente gegen HIV, Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose ohne einen Milliardenaufwand an Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zu entwickeln und zulassungsfähig zu machen. Wo soll dieses ungeheure Kapital anders herkommen als durch Fremdkapital (Aktien). Eine Landes- oder weltweite Finanzierung durch andere Quellen, u.a. durch einen neuen Banktyp – z.B. die demokratische Bank(5) – oder die Bündelung der Forschung in einer zentralen Forschung ohne Konkurrenzunternehmen hat sich gerade im Pharmabereich als Utopie erwiesen. Vor dem Zerfall der Ostblockstaaten hatte die damalige Tschechei (Tschechien) die gesamte Pharmaforschung in einem zentralen Forschungsinstitut unter der Leitung eines weltweit anerkannt guten Pharmaforschers (Protiva) gebündelt, mit dem Ergebnis, dass während der vielen Jahrzehnte des eisernen Vorhangs nicht ein einziges innovatives Arzneimittel entwickelt werden konnte. Ähnlich war es in den anderen Ostblockstaaten oder in der UDSSR – solche Systeme funktionieren einfach nicht, wenn es um Spitzenleistungen (außer in der Rüstungsindustrie) geht. Ähnlich wie in der Pharmaindustrie sieht die Forschung auf dem Gebiet der Mikroprozessorentwicklung aus, auch hier ist Konkurrenz ein offenbar unverzichtbarer Motor für Neuentwicklungen. Konkurrenz bedeutet nach Felber andererseits jedoch grundsätzlich die Ausschaltung seines favorisierten „Grundvertrauens“. Nach Felber und den an seiner Gemeinwohl-Theorie mitbeteiligten Kleinunternehmen, wären Steueranreize für ökologisch und nachhaltig orientierte Unternehmen erforderlich, während Gier und Konkurrenzdenken bestraft werden sollten.

 

Es steht außer Frage, dass die Arbeitsbedingungen in den meisten Großunternehmen in vieler Hinsicht drastisch verbessert werden könnten und dass die Managerboni in den derzeit üblichen und immer noch steigenden Ausmaßen, in keiner Weise gerechtfertigt sind.

Insgesamt liest sich das Buch Christian Felbers oft wie die Darstellung eines gemütlichen, menschenfreundlicheren Kommunismus, der allerdings im Gegensatz zum realen Kommunismus Privateigentum (bis zu 10 Mio Euro) und Privatentscheidungen von Unternehmern erlaubt. Spitzenkräfte dürfen bis zum Zwanzigfachen des einfachen Arbeiters/Angestellten verdienen (in der Sowjetunion und den Ostblockstaaten hatten Direktoren oft immerhin das sechzigfache verdient, hochbefähigte Wissenschaftler und überbelastete Chirurgen – wie der Schwiegervater des Autors dieses Beitrags allerdings kaum mehr als ein Fabrikarbeiter).

 

Wesentliche Schwächen in Felbers Büchern und Publikationen (besonders auch in den „10 Thesen gegen den Weltmarkt“) sind, dass Felber 1). nicht genau unterscheidet, in welchen Branchen eine Regionalisierung sinnvoll ist (nach Meinung des Autors dieses Beitrags z.B. in der gesamten Energiewirtschaft und bei vielen Konsumgüterherstellern) und wo eine regionale Produktion aus heutiger Sicht undenkbar ist (Automobilindustrie, Computerindustrie, Rohstoffindustie etc.), 2) dass er Großmächte wie China, die USA oder Russland nicht ändern kann (diesbezügliche Veränderungswünsche glichen etwa dem Wunsch: „ich will, dass alle Menschen der Erde gesund und friedlich sind“, 3). erwähnt Felber niemals Vorteile anderer Wirtschaftssysteme oder wägt sie wenigstens gegenüber seinen eigenen Vorstellungen ab. So würde eine vollständige Regionalisierung von Wirtschaftsstrukturen allein innerhalb Europas wieder zu Machtkämpfen zwischen einzelnen Regionen/Ländern früherer Zeiten führen, die wir wenigstens zum Teil heute überwunden haben. Wir verdanken gerade der Verflechtung der großen Wirtschaftsräume (und nicht etwa der Einsicht der Menschen), dass Kriege der vergangenen Jahrhunderte immer unwahrscheinlicher werden.

 

Felber bezieht sich häufig auf Umfragen in der Bevölkerung Österreichs und Deutschlands, aus denen hervorgeht, dass 80-90 Prozent die heutige Form des Kapitalismus ablehnen – die Bevölkerung würde andere Fragen, nämlich ob sie für Kriege wäre, vermutlich sogar zu 100 Prozent ablehnen, ohne dass solche Antworten irgendwelche realistische Relevanz hätten. Anders wäre es, wenn Felber die Bevölkerung fragte, ob sie auf ihr Privatauto verzichten würden. Hier würde allenfalls eine habherzige Zustimmung unter der Voraussetzung erfolgen, dass dann eben die Nahverkehrsmittel (oder sogar der gesamte Zugverkehr) gratis sein müssten und trotzdem würde nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Forderung zustimmen, auf private Autos zu verzichten. Ja – der Verzicht auf private Autos würde viele Probleme lösen, dann bitte aber auch ein Verzicht auf Ferienflüge nach Griechenland, in die Türkei und alle anderen Länder in denen es Regionen gibt, die auf den Tourismus als einzige Verdienstquelle angewiesen sind. Es wäre auch nicht notwendig, Turnschuhe und Textilien aus China zu kaufen – regional produziert wären sie sicher etwas teurer – qualitativ besser (wie Felber annimmt) sind sie vermutlich nicht, weil auch regionale Betriebe rechnen müssen.

 

Etwas zu einfach sind auch die Vorstellungen Felbers über zinsgünstige Kredite durch eine demokratische (ethische) Bank, oder die seinen Vorstellungen nahestehenden Gedanken eines geldlosen Zahlungsverkehrs in Form von „Arbeitspunkten“ oder „Sterntalern(3)“. Die „Sterntaler“ erinnern an das sogenannte Wörgler Freigeld(4), das sich regional am Anfang der Wirtschaftskrise 1930 regional bewährt hatte. Die Kreditvorstellungen Felbers gehen über die beiden letztgenannten Regionalwährungen hinaus, sind jedoch für Großkredite nicht geeignet, wie sie nun einmal bei Wegfall von Aktien in Großbetrieben (wie der Pharmaindustrie, aber auch in vielen Wirtschaftszweigen) benötigt werden. Selbst ein sehr niedriger Kreditzinssatz von nur einem Prozent pro Jahr würde bei einem 1 Milliardenkredit 10 Millionen Euro Zinsen (pro Jahr) bedeuten.

 

Etwas anders sind Guthaben in Form von „Arbeitspunkten“ oder „Gemeinwohlpunkten“ zu beurteilen. Wer für jemand anderen eine kostenlose Leistung erbringt, könnte dafür eine bestimmte Zahl von Gemeinwohlpunkten gutgeschrieben bekommen, die er durch andere Fremdleistungen eintauschen könnte. Würde sie/er die Fremdarbeit kostenlos für soziale Zwecke einsetzen, so wäre auch eine Rückvergütung im Falle einer später selbst benötigten Alten/Pflegeversorgung ein sicherlich sinnvoller Ansatz, um die unausweichlichen Kosten, die hierfür privat oder durch soziale (meist staatliche) Gelder aufgewendet werden müssen, deutlich zu reduzieren. Gegen die Forderung einer Fair Trade Wirtschaft ist gleichfalls nichts einzuwenden, dann müssten jedoch die gebauten Flugzeuge billig und Flugpreise niedrig sein, damit Fair Trade Produkte überhaupt kaufbar sind, also Forderungen, die in einer regionalisierten (entglobalisierten) Welt nicht erfüllt werden können. Insgesamt enthält das Buch einige diskutierenswerte Ansichten, ein realistisches Modell für eine Wirtschaft der Zukunft ist es sicher nicht. Auch die Bücher Politea (Platon) oder Utopia (Thomas Morus) enthalten interessante, unrealistische Aspekte – die Ansichten Christian Felbers sind um einige Dimensionen unrealistischer.

 

(Version 7.10.2014, ursprünglich 2012) 


1 Christian Felber (* 9. Dezember 1972 in Salzburg) ist ein österreichischer Hochschullehrer, Buchautor, freier Publizist und Referent zu Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen. Er ist Gründungsmitglied der globalisierungskritischen Bewegung attac in Österreich. Felber studierte in Wien und Madrid romanische Philologie und Spanisch als Hauptfächer sowie Politikwissenschaft, Psychologie und Soziologie als Nebenfächer. Er beendete sein Studium 1996 mit einem Magister in romanischer Philologie. Seitdem arbeitet er als freier Autor. Felber ist 2000 bei attac aktiv, bis 2003 war er im Vorstand und bis 2004 Pressesprecher. Im Herbst 2008 wurde Christian Felber Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien.

(zitiert aus Wikipedia)

(2) Die Gemeinwohl-Ökonomie Ein Wirtschaftsmodell mit Zukunft

(3) Regionalwährung Sterntaler

(4) Wörgler Freigeld

(5)10 Thesen gegen den Weltmarkt

 

(6) attac möchte nach eigenen Angaben ein breites gesellschaftliches Bündnis als Gegenmacht zu den internationalen Märkten bilden. Die Behauptung, Globalisierung in ihrer jetzt herrschenden Form sei ein alternativloser Sachzwang, wird von attac als reine Ideologie zurückgewiesen. Stattdessen wird unter Stichworten wie Alternative Weltwirtschaftsordnung, Global Governance, Deglobalisierung, Re-Regionalisierung und Solidarische Ökonomie über Alternativen diskutiert – leider wird diese Diskussion recht einseitig und mit unrealistischen Argumenten (siehe Beitrag) geführt. Erst vor wenigen Tagen (Juli 2012) sagte Felber in einem OE1 Interview, dass die Demokratische Bank noch in diesem Jahr (Oktober 2012) gegründet werden solle.

 

Im allgemeineren sozialwissenschaftlichen Bereich bezeichnet der Begriff Global governance die Suche nach globalen Problemlösungen im Zuge der Globalisierung. In diesem Verständnis ist Global governance eher als Konzept zu verstehen, wie man globale Probleme unter Abwesenheit einer Weltregierung (Global Government) lösen kann.  

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