Münzen haben zwei Seiten – eine davon verleitet zur Sentimentalität

 

 

Silberbrakteat (einseitig geprägter, dünner Silberpfennig - (c) Allfred Rhomberg

 

Im Gegensatz zu dem Beitrag „Münzen – Leitfossilien soziologischer und ökonomischer Entwicklungen" , in welchem versucht wurde, eine ganze Wissenschaft auf einen sehr kleinen – aber wie ich glaube – ausreichenden Nenner zusammenzufassen, geht es in diesem Beitrag um eine ganz andere Qualität die diese kleinen Objekte für diejenigen haben, die sich nicht nur numismatisch mit ihnen beschäftigen.

 

Die Rohstoffe der Münzen wurden durch Bergleute mühsam gefördert, der Prägemeister hatte das Recht auf einen Prägegewinn, anschließend haben Münzen irgendjemandem gehört, der um sie zu besitzen, Arbeit dafür leistete und der sie für die unterschiedlichsten Dinge ausgab – sie waren also früher ebenso mit Schicksalen verbunden, wie Geld dies heute ist. Bei den in einem früheren Beitrag beschriebenen mittelalterlichen Pfennigen ist das Sentiment größer als bei Münzen aus dem Altertum (oder gar aus der Neuzeit). Das mag daran liegen, dass uns das Altertum trotz der vielen Quellen (Philosophie, Geschichtsschreibung, römisches Recht und besonders die Posie) in Wirklichkeit viel fremder ist, als das so bezeichnete „graue Mittelalter“ – obwohl wir dieses erst jetzt langsam zu begreifen beginnen. Einerseits ist die zeitliche Distanz zum Altertum größer, darüber hinaus ist unsere Vorstellung über die „Antike“ durch die Renaissance und der zu enthusiastischen Einstellung deutscher „Studienräte“ des 19. Jahrhunderts verfälscht. Das Mittelalter ist uns näher und zugleich ferner, aber wir lernen es durch das neuerweckte Interesse für diese Zeit und durch die „Alte Musik“ immer besser kennen. Vielleicht hat sogar das 1937 zum ersten Mal aufgeführte Werk von Carl Orff, die „Carmina Burana“ ein wenig zum öffentlichen Interesse für diese Zeit beigetragen, ganz sicher aber die zahlreichen Neuveröffentlichungen der Minnelieder und das bereits 1919 erschienene berühmte Buch „Herbst des Mittelalters“ des niederländischen Historikers und Sprachwissenschaftlers Johan Huizinga. Das Buch der „Der Name der Rose“ von Umberto Eco erreichte weitere Bevölkerungsschichten, obwohl es für meine Begriffe eine etwas zu oberflächliche und verfälschte Darstellung dieser Zeit wiedergibt. Lassen wir es bei diesen subjektiven Feststellungen bewenden.

 

Wenn ich einen sehr gut erhaltenen mittelalterlichen Pfennig in der Hand halte, stellt sich bei mir sofort die traurige Vorstellung ein, dass das Geldstück nie lange im Umlauf war, sondern trotz seines geringen Wertes aus Angst vor Dieben oder kriegerischen Auseinandersetzungen vergraben oder in die Mauern von Häuser eingemauert wurde – viele solcher Münzen wurden tatsächlich in solchen Verstecken gefunden.

 

Selbstverständlich könnten sich hinter Grosso-Münzen wie dem Etschkreutzer oder dem Meißner Groschen, die den Wert mehrerer Pfennige hatten, ähnliche Schicksale verbergen – bei mir stellt sich hier als erste Assoziation die Vorstellung zu etablierten Handwerksmeistern und Kaufleuten ein, bei denen etwas mehr Wohlstand und Lebensfreude vermutet werden kann. Bei den seit etwa 1484 erstmalig in Tirol bzw. seit 1500 in Sachsen geprägten Thalern oder „Guldengroschen“ (sie waren nicht aus Gold, sondern aus Silber mit einem Silbergehalt von genau 27,2 Gramm = eine damalige Unze) verbindet sich meine Vorstellung unwillkürlich mit „höherem Patriziertum“, wobei insbesondere Kaufleute meist über wesentlich mehr „Thaler“ verfügten, als Landesfürsten, die sie nur verschwenderisch ausgaben (und wenig dafür arbeiteten). Die Macht der Fugger-Kaufmannsdynastie beruhte bekanntlich darauf, dass sie den Landesfürsten von Tirol immer mehr Geld „liehen“, um sich dadurch die Schürfrechte von Schwaz in Tirol zu sichern. Im Gegensatz zu anderen Kaufmannsdynastien waren die Fugger jedoch so klug, ihr Geld nicht zurückzufordern (was bei anderen Kaufleuten Kerker und Tod bedeutete), sondern sie brachten es soweit, dass sie bald die gesamten Schürfrechte für Silber in Tirol besaßen, was wesentlich gewinnträchtiger als zurückgefordertes Geld (oder Kerker) war.

 

Die üblichen heute gefundenen mittelalterlichen Pfennige sind meist bis zur Unkenntlichkeit durch ihren großen Umlauf abgegriffen und man braucht oft etwas Erfahrung, sie zuzuordnen. Um 1200 wurde eine besondere Form der Pfennige wiederbelebt, die es an sich schon um 600 n. Chr. gab, die sogenannten Brakteaten (siehe Blogbild). Brakteaten sind Hohlpfennige und nur einseitig geprägt, was auch gar nicht anders möglich war, weil sie trotz des vorgeschriebenen Silbergehaltes ca. 30 bis 50 mm Umfang hatten und dementsprechend dünn und zerbrechlich waren. Es gibt viele, sich zum Teil wiedersprechende Literaturstellen zum Thema der Brakteaten. Im sehr frühen Mittelalter (um 600) wurden sie vermutlich als Schmuckstücke umgehängt. Die Wiedereinführung dieser eigentümlichen Münzen geschah um 1152 durch Kaiser Barbarossa. Es mag mehrere Gründe für die Herstellung dieser Münzen gegeben haben, u.a. die Umprägung alter Münzen in neue oder der geringere Prägeaufwand bei nur einseitig geprägten Münzen aber auch die Möglichkeit, solche Hohlpfennige zu zerbrechen und mit den Bruchstücken zu bezahlen. Das Mittelalter dachte vermutlich oft volkswirtschaftlich klüger, als Historiker es dieser Zeit gerne zubilligen. Für mich ist der Brakteat gefühlsmäßig ein Zeichen für die Zerbrechlich- bzw. Zerrissenheit dieses Abschnittes des Mittelalters. Die meisten Kreuzzüge fanden zwischen 1096 und 1272 statt, die Zerrissenheit zwischen Kaisertum und Papsttum, die fremden Einflüsse infolge dieser Kreuzzüge etc. all das verbinde ich mit diesen eigenartigen Münzen – obwohl ich mir der Subjektivität dieser persönlichen Interpretationen bewusst bin.

 

Wer die späteren sogenannten “Kippermünzen”(1) in den Händen hält, erkennt die übermäßige Macht der Inflation und kann sich das Elend des 30 jährigen Krieges gut vorstellen. Diese Münzen enthalten fast kein Silber mehr, was man ihnen deutlich ansieht. Oft wurden solche minderwertigen Münzen sogar in Urin gekocht, damit vorrübergehend wieder ein wenig Silberglanz auftauchte, das Elend ließ sich nicht “wegkochen”.

 

Wenn ich einen Doppelthaler (z.B. unter Leopold I, 1640-1705) in die Hand nehme, so verbinde ich damit die Pracht des Barocks, so wie ich mit den Talern der neueren Geschichte die Macht Österreichs, Preußens, Bayerns oder derjenigen von Sachsen verbinde. Je prächtiger diese Taler sind, desto weniger lösen sie bei mir Gefühle oder Vorstellungen aus, welche über das in unserer wesentlich besser bekanntes Geschichtsbild dieser Zeit hinausgehen. Seit der Erfindung des Buchdrucks wissen wir so viel über die beginnende Neuzeit, dass wir nicht mehr auf das angewiesen sind, was unsere Vorstellung beim Betrachten mittelalterlicher Münzen beflügelt.

 

Das Schönste an mittelalterlichen Münzen ist, dass es sich um Gebrauchsgegenstände handelt, von denen auch aus dem frühen Mittelalter relativ viele erhalten sind – auf jeden Fall sind sie mit ca. 10 – 30 Euro erheblich billiger als Zeichnungen von Albrecht Dürer und frau/man braucht sie sich nicht nur im Museum anzusehen.

 

 

(07.07.2010)

 

 (1) Der Name "Kippermünze" entstand durch die Überprüfung der Geldhändler mittels einer Balken-Waage. Kippte eine Seite des Balkens nach oben, so enthielt die Münze kein oder nur wenig des schwereren Silbers.

 

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