Leerverkäufe von Aktien und Derivaten - staatliche Überregulierung

 

 

Auto-Cockpit - (c) Alfred Rhomberg - auch bei neuen Autos findet man eine vermutlich schädliche, weil ablenkende Überregulierung am "Cockpit"

 

Einige europäische Länder (Italien, Frankreich, Spanien und Belgien) wollten bereits seit einiger Zeit, ebenso wie Deutschland, für eine begrenzte Zeit Leerverkäufe von Aktien und Aktienderivaten völlig verbieten. Jetzt im Februar 2013 haben sich 11 EU-Länder entschlossen, zumindest eine „Transaktionssteuer“ auf Aktien- und Derivategeschäfte zu erlassen. Diese Maßnahmen stoßen bei der Bevölkerung vieler Länder auf große Zustimmung. Sind solche von der Politik veranlasste Regulierungen aber wirklich sinnvoll?

 

Was sind Leerverkäufe?

 

Wer Aktien verkauft, die sie/er selbst nicht besitzt, tätigt sogenannte Leerverkäufe. Bei solchen Geschäften wird darauf spekuliert, dass die Aktienkurse fallen werden und dann billiger zurückgekauft werden können. Das ist ein typischer Fall von „Spekulation“ – die Frage ist nur, wo Spekulation anfängt bzw. welche Geldgeschäfte nicht spekulativ sind.

  

Auch ein normales Sparbuch ist letztlich spekulativ, weil nicht gesichert ist, dass die Bank bei Auflösung des Sparbuchs so liquide ist, die angesparten Gelder zurückzuzahlen. Anlässlich der Krise des Jahres 2008 haben sich die Regierungen vieler Länder notgedrungen bereit erklärt, für solche Liquiditätsausfälle bis zu einer gewissen Summe zu haften, wofür letztlich die SteuerzahlerInnen aufkommen müssen. Die Anlage in guten Staatsanleihen oder Gold gilt bei vielen gleichfalls als weniger spekulativ als die Spekulation mit Aktien oder gar Leerverkäufen bzw. der Kauf von Finanzderivaten, obwohl auch Staatsanleihen als spekulative Anlagen zu betrachten sind.

 

Anm.: Spekulativ sind nicht nur Staatsanleihen gefährdeter Länder wie griechische Anleihen – auch österreichische und deutsche Anleihen können zu massiven Verlusten führen, wenn sie nicht zum richtigen Zeitpunkt gekauft werden.

 

Wie in früheren Beiträgen dargestellt, sind Aktien das Rückgrat jeder gesunden Wirtschaft, weil die Ausgabe von Aktien für eine Firma ein billiges Finanzierungsmittel ist, um erforderliche Investitionen zu tätigen. Ebenso sind Optionsgeschäfte für Firmen meist die einzige Möglichkeit, die Erhöhung von Rohstoffpreisen oder Währungsschwankungen abzufedern. Firmen die z.B. auf Rohstoffe wie Kupfer, Aluminium oder Stahl angewiesen sind, müssen sich durch Optionen absichern, um ihre Produkte zu einem festen Katalogpreis verkaufen zu können. Sind Firmen auf Exporte in Fremdwährungsländer angewiesen, so müssen sie sich mit Hilfe von Optionen auf Währungsänderungen absichern, wobei solche Optionen im Prinzip ebenfalls Leerverkäufe (von Währungen) sind.

 

Spekulationsgeschäfte als Ursache der derzeitigen Finanzkrise?

 

Dass die derzeitige Finanzkrise weitgehend durch riskante Spekulationsgeschäfte von Großbanken und Investmenthäusern verursacht wurde, wird nicht bestritten – ein weiterer Grund ist die allerdings in den letzten Jahrzehnten weltweit gewachsene Konsummentalität unserer Gesellschaft, ein Thema auf das hier nicht eingegangen werden soll.

 

Trotz des Missbrauchs von hochspekulativen Bankgeschäften ist es unsinnig, Options- bzw. „Spekulationsgeschäfte“ ganz zu verbieten und auch Privatinvestoren sollten (bei eigenem Risiko und wenn eigenes, d.h. nicht geliehenes Geld verwendet wird) von solchen Geschäften nicht ausgeschlossen werden. Jeder Option haftet – wie allen Geldgeschäften – ein bestimmtes Risiko an, dessen sich Firmen oder Privatinvestoren bewusst sein müssen. Allerdings würden sich mit der Forderung, nicht auf geliehenes Geld zuzugreifen, Geschäfte mit Steuergeldern durch Regierungsbehörden und von durch Steuergelder gestützten Banken von selbst verbieten. Das Risiko besteht darin, dass an sich abgesicherte Ereignisse eintreten oder nicht eintreten – also z.B. Rohstoffpreise fallen und das abgeschlossene Optionsgeschäft auf steigende Preise überflüssig wurde. Auch bei Aktienleerverkäufen, die meist terminisiert sind, kann der erwartete Aktienkurs in die unerwünschte Richtung laufen, sodass ein Minusgeschäft die Folge wäre, sofern die/der AnlegerIn nicht die erforderliche Finanzkraft hat, um die leer verkauften Aktien rechtzeitig am Markt zu kaufen, um sie gemäß des Optionsgeschäftes „auf steigende“ Kurse vorrätig zu haben.

 

Anm.: Die Absicherung durch Optionen ist mit Spesen verbunden, allerdings sind diese Beträge relativ klein gegenüber den möglichen Verlusten, diedann auftreten, wenn der Markt in die entgegengesetzte Richtung läuft. Die Optionsspesen werden bei Firmen normalerweise in die Produktkalkulation einbezogen und dem Käufer der Produkte weitergegeben. Steigen die Rohstoffpreise tatsächlich, erhält der Kunde sein geordertes Produkt jedoch zu einem günstigen Preis, obwohl dieser wegen der gestiegenen Rohstoffpreise eigentlich höher sein müsste. Auf der anderen Seite gerät der Erzeuger nicht in die Verlustzone, weil er seinerseits durch die Absicherung die benötigten Rohstoffe zu einem günstigeren Preis erhält, als sie dem Markt entsprechen würden.

 

Die Gefahr staatlicher Überregulierung

 

Genau an der zuletzt genannten Stelle greift auch der Einwand gegen leichtfertig getätigte Optionsgeschäfte bzw. Leerverkäufe. Solche Geschäfte müssten (wie früher allgemein üblich) grundsätzlich in Form bankverbriefter Formalien stattfinden, in denen die Identität des Optanten (derjenige, der den Leerverkauf oder eine andere Option tätigt) und dem „Stillhalter“ (die Gegenseite des Optanten, dem z.B. die Aktien „leer“ verkauft werden und der mit dem Geschäft die Hoffnung auf weiter steigende Kurse verknüpft), festgelegt werden, wobei der Optant die nötigen Mittel nachweisen musste, um im Verlustfall das fehlende Geld durch Sicherheiten nachliefern zu können. Für Kleininvestoren (nennen wir sie ruhig „Spekulanten“) hat sich das folgende, weniger bürokratische Modell bewährt: eine Depotbank gewährt ihren Kunden einen gewissen Kreditrahmen zur Tätigung von Aktiengeschäften und Optionen, wenn der Kunde/die Kundin bei der Bank ein festverzinsliches Papier kauft, das nicht verkauft werden darf, also nicht handelbar ist. Manche Schweizer Banken gingen sogar noch einen Schritt weiter und stellten ihren Kunden einen automatischen Kreditrahmen zur Verfügung, der mit dem Depotwert wuchs oder fiel, wobei festverzinsliche zu 80 % und AAA Staatspapiere Schweizer Aktien zu 60% (andere Aktien nur zu 50%) beleihbar waren. Optionen galten meist nicht als Wertpapiere, obwohl die heute verbrieften Optionsscheine, (sogenannte “covered Warrants”) eigentlich Wertpapierstatus haben. Da Optionen jedoch zu einem gewissen Zeitpunkt ablaufen und wertlos werden können, sind sie als Sicherheit für eine Bank ungeeignet.

 

Wären in der unmittelbaren Vergangenheit „Spekulationsgeschäfte“ unter den genannten Vorsichtsmaßnahmen getätigt worden, so wäre es nie zur „Finanzkrise“ gekommen. 

Es ist daher völlig überzogen, dass sich PolitikerInnen aufgrund populistischer Aspekte zu immer weitergehenden Regulierungen bei Geldgeschäften verleiten lassen – die Selbstregulierung der Märkte würde unter solchen Maßnahmen extrem leiden. Die Politik ist einzig dafür verantwortlich, Banken zu den obengenannten Kontrollmechanismen zu zwingen – gegebenenfalls durch den Zwang höhere Rückstellungen der Banken zu verlangen. Zwar ist der Ruf nach höherem Eigenkapital der Banken heute gang und gäbe – nur ist dieses Eigenkapital nicht grundsätzlich als Ausfallshaftung für die genannten Geschäfte vorgesehen. Ein weiterer Fall von Überregulierung der freien Wirtschaft sind die allerorts geforderten Banken- und Transaktionssteuern, die grundsätzlich als staatliche Steuern anzusehen sind, weil sie weitgehend von den Banken an ihre Kunden in Form von Gebührenerhöhungen weitergegeben werden.

 

Aus den obengenannten Gründen sollte sich die Politik m.E. weitgehend aus dem Bankgeschäft heraushalten und lediglich eine höhere Transparenz von Bankgeschäften gesetzlich verlangen. Wäre dies rechtzeitig geschehen, so hätte es keinen Handel mit selbst für Fachleute unübersichtlichen Derivaten gegeben, die wesentlich zur globalen Finanzkrise geführt haben.

 

Freie, weitgehend liberalisierte Märkte sind für die Weltwirtschaft unabdingbar, wenn wir nicht in Wirtschaftsformen der ehemaligen Sowjetrepublik verfallen wollen.

 

(8.12.2012, redigiert 2013)

 

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